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Neuerscheinungen Belletristik

Eine Sammelrezension von vier neuen Romanen

© Die Berliner Literaturkritik, 17.06.09

„Als Maria Gott erfand“ kann amüsieren und erzürnen

Schon der Titel lässt die einen schmunzeln, während sich die anderen ärgern: „Als Maria Gott erfand“ nennt Jürgen Wertheimer seine neue Parodie der biblischen Ereignisse, mit der er zwischen hinreißend schwarzem Humor, Blasphemie und Neuem Testament hin und her balanciert. Der Vergleich mit der Bibel hinkt natürlich: Bei Wertheimer stellt sich nach der Hochzeit Marias heraus, dass Joseph schwul ist. Sie flüchtet sich in eine Affäre mit dem Wanderprediger Johannes und wird schwanger. Grund genug, sich auf die Begegnung mit einem Engel zu berufen. Wertheimer lässt auch die weitere Lebensgeschichte des Heilands von einem gebildeten Griechen namens Didymos völlig anders erzählen. Dieser ist Doppelgänger des Tübinger Autors, denn das griechische Didymos bedeutet „Zwilling“. Unkonventionell ist das vergnügliche Werk des Germanistikprofessors und alles andere als akademisch trocken. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht: „Auch die professionellen Betreiber der Religionsanstalten wissen in Wirklichkeit gar nichts“, schreibt er im Nachwort. „Auch ihre Wahrheiten, Werte und Dogmen sind nichts als Wortstaub“.

 

Willie findet in Familiensaga die „Monster von Templeton“

Templeton in den USA: Eine verschlafene kleine Stadt, in der man seinen Nachbarn ebenso kennt wie die Geschichten und Legenden der Vorfahren und Gründer. Willie, die Heldin in Lauren Groffs Debütroman ´“Die Monster von Templeton“, macht sich auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, sie gräbt tief in der Geschichte ihrer Familie und damit auch in der Geschichte ihrer Provinzstadt. Die Archäologiestudentin weckt dabei zwar keine Monster, aber doch Gespenster der Vergangenheit: Eine von Willies Vorfahren war eine schwarze Sklavin, eine weitere eine Giftmörderin, sie ist mit einem weltbekannten Schriftsteller verwandt, mit dem Stadtgründer des Ortes, und einem französischen Gigolo, einem Historiker, einer Prostituierten, einem Indianer und einem Trapper. Um die Erzählebene zu durchbrechen, zitiert Groff in dieser Mischung aus Familiensaga und Wohlfühlbuch aus Dokumenten der Gründungszeit der Stadt, der Zeit von James Fenimore Cooper („Lederstrumpf“) und späterer Generationen

 

Ungewollte Erinnerung durch die „Späte Störung“

„Späte Störung“ nennt Dirk Dobbrow seinen neuen Roman—und die Störung kommt nicht nur zur Unzeit, sie kommt auch äußerst ungelegen. Denn als Frank mitten in der Nacht ausgerechnet seinen früheren Freund Gideon bei seiner eigenen Tochter entdeckt, werden Erinnerungen an längst verdrängte Tage geweckt. Seit zwei Jahrzehnten schon hatten die beiden Männer keinen Kontakt mehr, nachdem sie als Jugendliche gemeinsam ein obdachloses Mädchen in den Tod getrieben hatten. Durch das unerwartete Wiedersehen brechen bei Frank alte Wunden auf—die schmerzhafter werden, je mehr sich der gescheiterte Künstler Gideon in Franks bürgerlicher und heiler Existenz einnistet. Düster ist die Stimmung, die sich durch diesen spannenden Roman zieht, Hoffnungslosigkeit macht sich auf den Seiten breit. Dobbrow verfolgt raffiniert, wie beide Männer mit der Schuld und den Schatten der Vergangenheit kämpfen. Er springt vom Traum in die Gegenwart und Erinnerung, und lässt die Erzählung mehr oder weniger zerfließen zwischen der eigentlichen Handlung und dem Bewusstsein seiner Protagonisten.

 

Fortsetzung der Familiensaga: „Die Kinder der Rothschildallee“

Nach dem großen Erfolg des ersten Teils der Geschichte der jüdischen Familie Sternberg erzählt Stefanie Zweig nun, wie es mit den Sternbergs zwischen 1926 und 1937 weiterging. Hatte die Familie bislang gehofft, in Deutschland gleichberechtigt leben zu können, beginnt nun für „Die Kinder der Rothschildallee“ der Alptraum: Sohn Erwin Sternberg verliert seine Existenz, dem Schwiegersohn wird die Anwaltszulassung entzogen und mitsamt der Ehefrau die Wohnung gekündigt. Die Familie wird ausgegrenzt, verliert ihre Habe und Reputation. Die Autorin vermag mit ihrer leidenschaftlichen Sprache und der Begabung, mit kleinen Szenen den ganzen Aberwitz dieser Vernichtung von Existenzen auszudrücken, zu fesseln und betroffen zu machen. Sie schildert, wie ein Teil der Familie aus der Hölle flieht, die einmal ihre Heimat war, und warum andere wie Betsy und Johann Isidor Sternberg bleiben.

Literaturangaben:

WERTHEIMER, JÜRGEN: Als Maria Gott erfand. Pendo Verlag, Zürich 2009. 443 S., 19,95 €.
GROFF, LAUREN: Die Monster von Templeton. Beck Verlag, München2009. 507 S., 22,90 €.
DOBBROW, DIRK: Späte Störung. Blessing Verlag, München 2009. 256 S., 18,95 €.
ZWEIG, STEFANIE: Die Kinder der Rothschildallee. Langen Müller Verlag, München 2009. 378 S., 19,95 €.

Weblink:

Pendo Verlag

Beck Verlag

Blessing Verlag

Langen Müller Verlag


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