Werbung

Werbung

Werbung

Neuer Sammelband über Eric Rohmer

„Film, eine Kunst der Raumorganisation“

© Die Berliner Literaturkritik, 16.06.11

Viennale (Hg.): Eric Rohmer. Redaktion: Astrid Ofner, Stefan Flach und Claudia Siefen. Schüren Verlag. Marburg 2010. 176 S. 19,90 €.

Von Behrang Samsami

„Meine Philosophie ist diese: Um wirklich zu gelingen, muss ein Film auf seinem Entstehungsweg etwas finden, was ihm wesentlich ist. Dabei muss man immer dem Zufall und dem Unvorhergesehenen einen Spielraum lassen. Zudem muss man darauf vertrauen, dass es nur glückliche Zufälle geben wird. Wie ich schon einmal sagte: Alles in meinen Filmen ist zufällig – bis auf den Zufall selbst.“ Dieser kurze Ausspruch Eric Rohmers, mit dem der französische Filmkritiker und Regisseur Alain Bergala seinen Essay „Spiele der Wahl und des Zufalls“ über seinen im Januar 2010 verstorbenen Kollegen eröffnet, geht, wie Bergala richtig schreibt, in zwei Richtungen: „Er sagt ebenso etwas über Rohmers Arbeitsweise wie über seine Figuren und die Geschichten, in die er sie hineinversetzt.“ Was die Filme des Nouvelle-Vague-Regisseurs Rohmer ausmacht, von denen hierzulande wohl vor allem „Meine Nacht bei Maud“ (1969), die Verfilmung der Kleist-Novelle „Die Marquise von O.“ (1975) und „Der Freund meiner Freundin“ (1987) in Erinnerung geblieben sind, ist der im obigen Ausspruch Rohmers enthaltene Widerspruch, der im Folgenden erläutert werden soll.

Unterstützen Sie unsere Redaktion, indem Sie Ihre Bücher in unserem Online-Buchladen kaufen! Vielen Dank!

Rohmers Filme wirken auf den ersten Blick „natürlich“, „wie aus dem Leben gegriffen“. Die Darsteller scheinen keine wirklichen Rollen zu spielen, sondern sie selbst zu sein. Äußerlich geschieht dabei wenig; umso mehr wird gesprochen. Und wenn etwas passiert, dann glaubt man, das Ganze sei „zufällig“. Dass dem nicht so ist, merkt man, wenn man sich intensiver mit Eric Rohmer, seinem Werdegang als Lehrer, Schriftsteller, Kritiker, Regisseur und Wissenschaftler, in erster Linie jedoch mit seinen filmischen Arbeiten, insbesondere mit seinen drei Reihen, den „Moralischen Erzählungen“ (1962-1972), den „Komödien und Sprichwörtern“ (1981-1987) und den „Vier Jahreszeiten“ (1990-1998), auseinandersetzt. All die dazu gehörigen Filme sind von ihm genau durchdacht; ihre Handlung stets konstruiert. Wie in einem wissenschaftlichen Experiment werden die Protagonisten immer wieder aufs Neue nach bestimmten Versuchsordnungen eingesetzt und dann beobachtet respektive gezeigt, wie sie sich verhalten. Offensichtlich wird dieses Vorgehen, nämlich die Planung des Handlungsverlaufs, in Rohmers Filmen „Claires Knie“ (1970) und „Die schöne Hochzeit“ (1982). In ihnen werden den Protagonisten Figuren zur Seite gestellt, die ihnen Tipps oder auch „Regieanweisungen“ geben, wie sie vorgehen sollen.

Die Gefahr jedoch, hierdurch wie durch den Reichtum an Dialogen, der die Filme auszeichnet, statisch, also handlungsarm und „blutleer“, zu wirken, wird unterlaufen – auch wenn Rohmers Filme keine „leichte“ Unterhaltung bieten, sondern stets hohe Aufmerksamkeit und Mitarbeit, Mitdenken von den Zuschauern verlangen. Es sind auffälligerweise die Darsteller, die primär das Interesse der Betrachter auf sich ziehen. So sehr Rohmers Filme auch genau durchdacht und in sich geschlossen sind, geben die von ihm ausgewählten, nicht selten jungen und noch unerfahrenen Schauspieler – und besonders entscheidend, ihre stets spontan und improvisierend wirkenden (Selbst-)Gespräche – seinen Arbeiten die ihnen bekannte Leichtigkeit, Frische und „Lebensnähe“.

Was die Inhalte der Filme angeht, geht es bei Rohmer um Fragen der Liebe und Treue. Diese werden diskutiert und damit zugleich auch das Verhalten der Figuren reflektiert. Dabei herrscht eine Spannung vor, die sich infolge einer bestimmten Konstellation der Figuren und einer daraus resultierenden (Krisen-)Situation ergibt, die bewältigt werden will. Diese Struktur, aber nicht nur sie allein, trägt dazu bei, dass Rohmers Filme hervorstechen. Was sie so singulär macht, ist ihr hoher Wiedererkennungswert aufgrund der ganz besonderen „Gestaltung des Raums“: In Rohmers Filmen stehen Form und Inhalt in einem ausgewogenen Verhältnis. Der Einsatz beziehungsweise die „Anordnung“ der Dialoge und der Musik, der Farben und Muster, der Kleider und Einrichtungsgegenstände und damit zusammenhängend des Dekors und schließlich des Settings – ob nun in der Stadt oder auf dem Lande, in oder außerhalb der Wohnung – wird, wie oben bereits angesprochen, nicht dem Zufall überlassen. Das Ganze soll aber genau so aussehen. In jedem neuen Film wird die „Anordnung“ zudem nur leicht verändert, so dass die Arbeiten Rohmers einander thematisch sehr ähnlich sind. Auch darum sind seine Filme rasch einander zuzuordnen, sind sie doch allesamt Variationen, Arbeiten, die sich ergänzen und zueinander komplementär verhalten. An die „Menschliche Komödie“ Honoré de Balzacs erinnernd, dessen Werk Rohmer sehr gut kannte und verehrte.

Die hier angerissenen Merkmale des Rohmer’schen Kinos – sein quasi soziologisch-ethnologischer Blick auf die französische Gesellschaft seit der Nachkriegszeit, die Diskussion des Verhältnisses der Geschlechter am Beispiel der Liebesthematik, der Wechsel seiner Hauptfiguren im Lauf der Jahre von männlichen (in dem Zyklus „Moralische Erzählungen“) auf weibliche (in dem Zyklus „Komödien und Sprichwörter“), die nebenbei immer jünger wurden, je älter der Filmemacher selbst geworden ist – werden in der deutschsprachigen Sekundärliteratur ausführlicher behandelt und analysiert. Auf Deutsch ist eine Reihe von Büchern und Sammelbänden erhältlich, die sich wissenschaftlich mit dem Leben und Werk des im März 1920 als Henri Maurice Joseph Schérer geborenen Mitarbeiters (ab 1951) und nachmaligen Chefredakteurs (1958-1963) der einflussreichen Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ beschäftigt.

Neben dem von Uta Felten herausgegebenen, ursprünglich zum 90. Geburtstag des Filmemachers konzipierten Sammelband „Eric Rohmer. Filmkunst zwischen Liebe und Lüge“ (Film-Konzepte Heft 17. Edition Text & Kritik. München 2010) ist eine weitere Publikation über die fünf Jahrzehnte währende Arbeit Rohmers als Journalist und Regisseur von Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilmen erschienen. Begleitend zu der im Oktober und November 2010 in Wien veranstalteten Retrospektive zu Ehren des Filmemachers haben die Viennale und das Österreichische Filmmuseum gemeinsam einen Band mit verschiedenen Dokumenten von und über ihn, wie auch mit zahlreichen Bildern, herausgebracht.

Aufgegliedert ist das Buch in zwei Teile: Zuerst kommt der 90 Seiten umfassende Abschnitt „Texte und Essays“. Es äußern sich in den hier abgedruckten Aufsätzen, Gesprächen und Kritiken alte Freunde und Kollegen wie Jean Douchet („Die Haltung von Eric Rohmer“), frühere Mitarbeiter wie die Cutterin und spätere Regisseurin Jackie Raynal („Als Eric Rohmer ,Stummfilme‘ drehte“), Journalisten wie der erwähnte Alain Bergala, aber auch Serge Daney („Die Aktualität von Rohmer“) und Frieda Grafe („Zu den Filmen von Eric Rohmer“), Schauspieler wie Arielle Dombasle („,Etwas, das an Nosferatu erinnert‘“), die in vielen von Eric Rohmers Filmen wie „Parzival“ (1978), „Pauline am Strand“ (1983) oder „Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek“ (1993) mitgewirkt hat. Aber auch Eric Rohmer selbst ist zu entdecken, und zwar in einigen Interviews, Briefen und Essays zu seinen Arbeiten (so in „,Malerei und Film‘“). Bei den Texten handelt es sich einerseits um Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen, andererseits um deutschsprachige Arbeiten, die teils in Zeitungen oder Zeitschriften erschienen sind oder für den vorliegenden Band geschrieben wurden.

Der zweite, 80 Seiten umfassende Abschnitt „Filme“ listet die Arbeiten des Regisseurs auf, unterteilt in Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme von und mit ihm. Dabei werden – für seine Fans erfreulich – auch Filme erwähnt, von denen bisher wohl nur wenigen etwas bekannt war, so der 1989 produzierte, 57-minütige Film „Les jeux de société“. Komplett ist die Filmographie allerdings nicht, da eine Reihe von kleineren Kurz- und Fernsehfilmen Rohmers wie „Le canapé rouge“ (2005) oder „Entretien sur Pascal“ (1965) fehlen. Ob es sich bei den aufgelisteten Filmen um eine Auswahl für die Retrospektive handelt und jene wenigen fehlenden Arbeiten absichtlich nicht erwähnt wurden, wird im Sammelband nicht ersichtlich, da eine editorische Notiz mit entsprechenden Bemerkungen leider nicht vorhanden ist.

Zu den aufgelisteten Filmen werden neben den jeweiligen technischen Angaben auch im zweiten Abschnitt hauptsächlich ältere wie neuere deutsch- wie französischsprachige Filmkritiken abgedruckt. Die Kommentare zu Rohmers kleineren Arbeiten sowie zu denen über ihn, wie das 2010 entstandene „Ma dernière interview avec Eric Rohmer“ von Jackie Raynal, stammen dagegen mehrheitlich von den Redakteuren und Mitarbeitern des Begleitbandes, von denen hier zwei, Stefan Flach und Johannes Beringer, genannt seien. Zu danken ist den Herausgebern des mit vielen Filmbildern illustrierten Sammelbandes, weil sie mit den meisten der abgedruckten Texte viele für die Mehrheit der Leser schwer zugängliche Essays, Gespräche und Briefe (übersetzt und) veröffentlicht haben. Diese heben immer wieder einzelne Aspekte in Rohmers Filmen hervor und werfen teilweise auch ein neues Licht auf seine Denk- und Arbeitsweise. Schließlich geben sie gelegentlich einen Blick auf den Menschen Maurice Schérer, der hinter dem Pseudonym Eric Rohmer steht, frei. Dieser war Zeit seines Lebens lediglich selten in der Öffentlichkeit zu sehen, gab kaum etwas Privates von sich preis und ließ sich nur ungern fotografieren, da er für sich beanspruchte, dass „der Autor nur durch sein Werk existiere“.


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: