Werbung

Werbung

Werbung

Neue lateinamerikanische Autoren

Von Buenos Aires bis „Nueva York”

© Die Berliner Literaturkritik, 20.05.10

Von Klaus Blume

BERLIN (BLK) - Als die lateinamerikanische Literatur einst ihren Siegeszug in die Welt antrat, da war es der Zauber ferner Tropen, der die Leser in Europa und Nordamerika in seinen Bann schlug. Der Kolumbianer Gabriel García Márquez führte mit „Hundert Jahre Einsamkeit“ das mythische Urwalddorf Macondo in die Weltliteratur ein. Mit ihm und seiner Generation ist der Begriff des „Magischen Realismus“ verbunden.

Jüngere Latino-Autoren haben damit nicht mehr viel im Sinn. Sie sagen „Basta“ zum Magischen Realismus und widmen sich lieber der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts. 36 Kurzgeschichten hat die Hispanistin Michi Strausfeld jetzt in einer Anthologie zusammengestellt. „Schiffe aus Feuer“ heißt der Band. Die 13 Autorinnen und 23 Autoren stammen aus 14 verschiedenen Ländern des spanischsprachigen Amerikas. Alle sind sie erst nach 1960 geboren.

Da ist zum Beispiel der Chilene Alberto Fuguet. Vor Jahren schon machte er sich mit der Anthologie „McOndo“ einen Namen. Das ist ein Wortspiel aus Macondo, McDonalds und Macintosh und zugleich ein Aufstand gegen die Alten, die Generation von García Márquez. In „Liebe auf Rädern“ beschreibt er nun Balzrituale der chilenischen Oberschicht-Jugend. An die blutige jüngere Vergangenheit des Subkontinents erinnert der Argentinier Guillermo Martínez in „Die große Hölle“: Dorfbewohner stoßen auf der Suche nach einem durchgebrannten Liebespaar auf ein Massengrab der Militärdiktatur.

Viele der 36 Kurzgeschichten handeln aber auch von universellen Themen wie Liebe, Eifersucht und Gefühlschaos. Carolina Andrade (Ecuador) begibt sich in „Abhanden“ als Ich-Erzähler ebenso geschickt in eine Männerrolle, wie Santiago Roncagliolo (Peru) in „Wilde Tiere“ die Probleme einer Frau mit dem Älterwerden beschreibt. Nicht alle Geschichten spielen auf dem amerikanischen Kontinent. Ignacio Padilla (Mexiko) geht literarisch bis nach „Darjeeling“, um über wahres und falsches Heldentum zu sinnieren. Jacinta Escudos (El Salvador) prangert in „Ich, Krokodil“ Genitalverstümmelung in Afrika an.

„Die Erzählungen sind wie Schiffchen, die umher schwimmen, aber was sie enthalten ist Zündstoff“, sagt Herausgeberin Michi Strausfeld über den Titel ihres Buches. Sie ist unter den Freunden lateinamerikanischer Literatur in deutschen Landen wohlbekannt. Als Literatur-Scout hat Strausfeld so prominente Autoren wie Isabel Allende (Chile), João Ubaldo Ribeiro (Brasilien) oder Carlos Ruiz Zafón (Spanien) für den deutschsprachigen Markt entdeckt. 33 Jahre stand sie im Dienste von Suhrkamp, 2008 wechselte sie zu Fischer, wo sie eine neue Lateinamerika-Reihe aufbaut. „Ich wollte den Kontinent näher heranrücken“, sagt sie über ihr Lebenswerk.

Die von ihr gewählten Autoren sind in Deutschland bisher wenig bekannt - was sich aber noch ändern kann. Die meisten haben auch schon Romane veröffentlicht. Brasilien hat Strausfeld ausgeklammert, das wäre ein Band für sich. Wie aber der Süden und der Norden des Kontinentes ineinander übergehen, zeigen die Beispiele von Junot Díaz und Daniel Alarcón, die schon als Kinder aus der Dominikanischen Republik und Peru in die USA zogen und heute auf Englisch schreiben.

Díaz führt den Leser ins Latino-Milieu von „Nueva York“ (New York). Die junge Alma ist eine „alterlatina“, die wie viele andere Einwanderer nicht mehr genau weiß, ob sie zur Anglo- oder zur Hispano-Kultur gehört. Alarcón wiederum verrät unfreiwillig, dass er sich in der Fußball-Diaspora Kalifornien seinen lateinamerikanischen Wurzeln schon etwas entfremdet hat. So erwähnt er die Live-Übertragung eines Spiels Peru-Argentinien bei der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko 1970. Argentinien hatte an der WM aber gar nicht teilgenommen.

Literaturangabe:

STRAUSFELD, MICHI: Schiffe aus Feuer. 36 Geschichten aus Lateinamerika. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 416 S., 19,95 €.


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: