Von Susanna Gilbert-Sättele
HAMBURG (BLK) – Biografien boomen nach wie vor: „Es ist“, so bemerkte einmal Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und Journalist, „als ob das Publikum von einem maßlosen Hunger nach geschriebenem Leben befallen sei, einer Art literarischem Kannibalismus“. Schon früher haben Zeithistoriker festgestellt, dass sich hinter der Vorliebe der Leser für die Lebensläufe anderer ein großes Bedürfnis nach Vorbildern verbirgt, das besonders in Zeiten des Umbruchs, in denen alte Werte untauglich geworden sind, zum Vorschein kommt. So bietet der aktuelle Buchmarkt für jeden etwas Biografisches – über frühere Genies und aktuelle Idole, Musiker, Dichter, Politiker oder Bohemiens.
Schon im Wahlkampf begeisterte der soeben gewählte amerikanische Präsident Barack Obama die Menschen, verkörpert er doch die tiefe Sehnsucht nach einer Politik des Friedens und der Menschlichkeit. In seinem „hinreißend persönlichen und ausgesprochen politischen Buch“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) mit dem Titel „Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie“ schildert er seine Jugend, die er unter ärmlichen Verhältnissen in Hawaii und Indonesien verbrachte, seine diskriminierenden Erfahrungen nach der Rückkehr in die USA und dem dadurch geweckten Ehrgeiz, der ihm zu einer glänzenden juristischen Karriere und seinem furiosen Aufstieg als Politiker der Demokraten verhalf.
Von einem, der als Vegetarier und Pazifist Massenvernichtungswaffen ersann, der den Blutfluss des menschlichen Herzens studierte, Stadtpläne aus der Satellitenperspektive zeichnete und zugleich der Mona Lisa ihr weltberühmtes Lächeln ins Gesicht zauberte, erzählt Stefan Klein in seinem spannend geschriebenen Buch „Da Vincis Vermächtnis“. Der Erfolgsautor schildert Leonardo Da Vinci (1452-1519) als Jahrtausendgenie und modernen Menschen, der frei von allen Tabus die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen miteinander verknüpfte. Eine andere schillernde Gestalt der beginnenden Neuzeit, den Reformator Martin Luther (1483-1546), würdigt Veit-Jakobus Dieterich in der ebenso lebendig wie prägnant geschriebenen Biografie „Martin Luther. Sein Leben und seine Zeit“. Der Theologe und Sozialwissenschaftler sieht den Feind des Papstes als einen Mann der heraufziehenden Neuzeit, der aber auch noch im zu Ende gehenden Mittelalter verhaftet war.
Über die biografischen Grenzen hinaus führt James R. Gaines Buch „Das musikalische Opfer. Johann Sebastian Bach trifft Friedrich den Großen am Abend der Aufklärung“, denn der in Paris lebende Sachbuchautor beleuchtet nicht nur das Leben der beiden Persönlichkeiten, sondern auch deren Existenz zwischen dem absolutistischen Barock und der bürgerlichen Aufklärung. Ein Treffen des Komponisten Bach (1685-1750) und des Preußenkönigs (1712-1786) im Frühjahr 1747 stellt Gaines in den Mittelpunkt seines Buches, zeigten sich doch dort die unterschiedlichen Positionen der beiden.
„Ich bin der letzte Mohikaner“, behauptet der Musik-, Literatur- und Theaterkritiker Joachim Kaiser in einem Band, in dem er in Gesprächen mit seiner Tochter Henriette Kaiser sein Leben Revue passieren lässt. Die Erinnerungen des 1928 geborenen Universalgelehrten laden zu einem kurzweiligen Streifzug durch die Welt der schönen Künste ein.
Einer Kultfigur der Rockgeschichte und einem der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts spüren Klaus Theweleit und Rainer Höltschl in ihrer Biografie „Jimi Hendrix“ nach. Spätestens durch seinen frühen Tod im Alter von nur 27 Jahren war der begnadete Gitarrist, der in Armut aufgewachsen und im Swinging London der 1960er Jahre seinen Durchbruch erlebte, endgültig in den Starhimmel aufgestiegen. Die Autoren schildern den exzessiven Lebenslauf eines Musikers, der Blues und Avantgarde zu verbinden verstand.
Neugier weckt auch das aktuelle Buch über eine andere Pop-Ikone: In „Meine Schwester Madonna und ich“ berichtet Christopher Ciccone von den ersten musikalischen Gehversuchen der Louise Veronica Ciccone, ihrem Durchbruch zum Superstar, ihrer Wandlungsfähigkeit, einem außergewöhnlichen Talent für Selbstvermarktung, und er plaudert über die Frau hinter der Kunstfigur, die seit 25 Jahren im Showgeschehen ganz vorne tanzt.
Zehn Jahre hat die Londoner Journalistin Julie Kavanagh recherchiert, bevor sie ihre opulente, nach Meinung der britischen Presse „definitive“ Biografie über das Tanzwunder „Nurejew“ vorlegte. Das Leben und die Karriere des 1938 geborenen tatarischen Tänzers, der das Ballett revolutionierte und mit 54 Jahren an Aids starb, erscheint hier in einem neuen Licht, zumal die Autorin neue Quellen, auch Nurejews KGB-Akte, ausgewertet hat.
Gisele Freund, die in Paris lebende Emigrantin, gilt als eine der Pionierinnen der modernen Fotografie: Ihre Porträts berühmter Zeitgenossen – von Jean Cocteau über James Joyce bis zu Virginia Woolf – und ihre stimmungsvollen Reisereportagen machten sie weltberühmt. Zum 100. Geburtstag am 19. Dezember hat Bettina de Cosnac nun eine Biografie der Abenteuerin und Fotokünstlerin „Gisele Freund“ vorgelegt, die vor den Nazis zunächst nach Frankreich, später bis nach Südamerika geflohen war und im Jahr 2000 in Paris gestorben ist.
Auch das Leben berühmter Schriftsteller hat das Interesse der Biografen geweckt: Hans-Dieter Gelfert widmet sich in seinem packenden Buch „Edgar Allan Poe“ dem 1809 geborenen Erfinder der Detektivgeschichte, dem Ahnherrn der fantastischen Literatur und einem „Virtuosen des Grauens“, dessen Leben sich ständig, wie der Untertitel lautet, „Am Rande des Malstroms“ bewegte, bis es nach nur 40 Jahren und unter geheimnisvollen Umständen zu Ende ging.
Eine „Männertragödie“ – so der Untertitel von Anatol Regniers Werk – hat auch „Frank Wedekind“ (1864-1918) durchlitten, jener berüchtigt mutige Schriftsteller, dessen Theaterstücke („Frühlings Erwachen“), Gedichte und Auftreten der Scheinmoral der deutschen Gesellschaft des Kaiserreichs zuwiderliefen. Regnier, Sohn des Schauspielers Charles Regnier und Enkel Wedekinds, berichtet kenntnisreich vom wilden Leben seines Großvaters, dessen Beisetzung in Anwesenheit zahlreicher Damen aus dem Rotlichtmilieu einen skandalösen Schlusspunkt setzte.
Dagegen mutet das Leben des deutschsprachigen schweizerischen Schriftstellers „Robert Walser“, dessen biografische Stationen Bernhard Echte in einem reich bebilderten Band nachvollzieht, vergleichsweise unspektakulär an. Walser (1878-1956) wurde erst in den 1970er Jahren in breiterem Umfang wiederentdeckt, obwohl Christian Morgenstern, Robert Musil, Kurt Tucholsky, Franz Kafka, Walter Benjamin und Hermann Hesse zu den Bewunderern seiner ebenso verspielt heiteren wie auch von existenziellen Ängsten zeugenden Texte zählten.
Als wichtigste Journalistin der bundesdeutschen Nachkriegszeit hat „Die Gräfin Marion Dönhoff“ Zeitgeschichte beobachtet, kommentiert und geschrieben. Klaus Happrecht lässt in seinem gleichnamigen Buch noch einmal das Leben und Wirken der ostpreußischen Gutsbesitzertochter Revue passieren, die „Die Zeit“ seit ihrer Gründung 1946 entscheidend geprägt und auf liberalen Kurs gebracht hat. Nach Auswertung bisher nicht veröffentlichter Quellen – auch des „Zeit“-Archivs und des Archivs der Familie Dönhoff – ist dem renommierten Journalisten eine kritische, fundierte und spannende Darstellung ihres Lebens gelungen.
Keine Einzelbiografie, sondern das Porträt zweier freiheitlicher Geister hat Ulrike Bergmann mit ihrer Darstellung der problematischen Ehe zwischen dem Weltumsegler Georg Forster (1754-1794) und der exzentrischen Intellektuellen Therese Forster (1764-1829) gemalt. „Die Mesalliance“ – so der Titel – zwischen den beiden war von Thereses Ausbruchversuchen aus der Ehe sowie von Georgs unstetem Lebenswandel und seinem Enthusiasmus für die Französische Revolution geprägt, der auch nicht durch die jakobinische Schreckensherrschaft gemildert wurde.
Ebenfalls ein Paar steht im Mittelpunkt der Darstellung von Thomas Blubacher „Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht?“. Eleonora und Francesco von Mendelssohn waren wohl die exzentrischsten und reichsten Geschwister der 1920er Jahre. Sie sorgten viele Jahre in Berlin mit ihren Extravaganzen und einem ausschweifenden Lebenswandel für Gesprächsstoff. Zudem feierte Francesco als Musiker und Regisseur Erfolge, während seine schöne Schwester auf der Theaterbühne glänzte. Die Machtübernahme und die erzwungene Emigration erwies sich für die beiden als Sackgasse. Die drogenabhängige Eleonora wählte 1951 den Freitod, ihr Bruder überlebte sie mehr als 20 Jahre, bis er 1972 einer Krebserkrankung erlag.
Literaturangaben:
BERGMANN, ULRIKE:Die Mesalliance. Georg Forster: Weltumsegler, Therese Forster: Schriftstellerin. Edition Büchergilde, Frankfurt 2008. 299 S., 22,90 €.
BLUBACHER, THOMAS: Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht? Die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn. Henschel Verlag, Berlin 2008. 448 S., 29,90 €.
CICCONE, CHRISTOPHER: Meine Schwester Madonna und ich. Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2008. 352 S., 19,90 €.
DE COSNAC, BETTINA: Gisele Freund. Porträt. Arche Verlag, Zürich/Hamburg 2008. 304 S., 24 €.
DIETERICH, VEIT-JAKOBUS: Martin Luther. Sein Leben und seine Zeit. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008. 240 S., 15,90 €.
ECHTE, BERNHARD: Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008. 511 S., 49 €.
GAINES, JAMES R.: Das musikalische Opfer. Johann Sebastian Bach trifft Friedrich den Großen am Abend der Aufklärung. Eichborn Verlag, Frankfurt 2008. 321 S., 34 €.
GELFERT, HANS-DIETER: Edgar Allan Poe. Am Rand des Malstroms. C. H. Beck Verlag, München 2008. 240 S., 19,90 €.
HARPPRECHT, KLAUS: Die Gräfin Marion Dönhoff. Eine Biografie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008. 544 S., 24,90 €.
KAISER, HENRIETTE: Joachim Kaiser. „Ich bin der letzte Mohikaner“. Ullstein Verlag, Berlin 2008. 352 S., 24,90 €.
KAVANAGH, JULIE: Nurejew. Die Biographie. Propyläen Verlag, Berlin 2008. 916 S., 29,90 €.
KLEIN, STEFAN: Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand. Fischer Verlag, Frankfurt 2008. 320 S., 18,90 €.
OBAMA, BARACK: Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie. Hanser Verlag, München 2008. 448 S., 24,90 €.
REGNIER, ANATOL: Frank Wedekind. Eine Männertragödie. Knaus Verlag, München 2008. 430 S., 22,95 €.
THEWELEIT, KLAUS/HÖLTSCHL, RAINER: Jimi Hendrix. Eine Biografie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008. 223 S., 17,90 €.
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