Von Wilfried Mommert
BERLIN (BLK) — Die Theaterwelt ist ohne Jürgen Gosch eigentlich nicht vorstellbar. Denn der Regisseur hat nicht nur Theatergeschichte geschrieben, er war vor allem auch in all den Theaterjahren mit ihren Rhythmusstörungen der Herzschrittmacher einer verunsicherten Bühnenwelt, wie es treffend in einem Nachruf auf den großen Theatermann hieß. Der jetzt 65-jährig gestorbene Gosch, der noch bis zuletzt seinem vom Krebs geschundenen Körper Bühneninszenierungen und -proben abgetrotzte, hat einer jungen, rebellischen Theatergeneration gezeigt, „wo der Bühnenhammer hängt“.
Gosch hat das viele auch abschreckende „Theater der Nacktheit und Brutalität“ nicht erfunden und die Kartoffelsalat-Schlachten hatten sich schon vorher in Frank Castorfs Berliner Volksbühne leer gelaufen. Aber die Einsamkeit und Irrwege des Menschen wurden selten so „unter die Haut gehend“ inszeniert wie bei Gosch: Dazu trugen auch die Schauspieler bei, die sich von ihrem Regisseur geliebt und nicht benutzt oder ausgebeutet wussten, dabei „immer formvollendet und per Sie, aber so voller Nähe, die alle berührte“, wie sich sein Dramaturg Oliver Reese erinnert.
Man könnte meinen, Gosch hat das Theater zu seiner letzten Vollendung geführt, mehr geht einfach nicht, denkt man unwillkürlich. Was also kommt nach Gosch? Sein Tod ist so etwas wie eine Zäsur in der deutschsprachigen Theaterlandschaft, die doch auch geprägt ist von „hufescharrenden“ Newcomern. Die wollen und müssen wohl auch das Theater immer wieder neu erfinden, soll die nachfolgende Internet- und DVD-Generation überhaupt noch allabendlich aus dem Haus gelockt werden, um in den großen Bühnenhäusern beim uralten Spiel von Menschen auf den Brettern, die ihnen die Welt bedeuten, mitzufiebern.
Andere — etwa die legendären „Urväter“ der modernen Theaterkunst wie Peter Zadek, Claus Peymann oder Peter Stein, der mit Mammutaufführungen von „Faust“ und „Wallenstein“ auftrumpfte — setzen immer noch mehr oder weniger glücklich auf große, alte Schauspielkunst. Sie wollen die Stücke wieder sehen, „wie der Autor sie gesehen hat“. Sie träumen ihren Traum vom „großen Theater“, in dem doch — laut Max Reinhardt — alle „ihre Kindheit in die Tasche gesteckt und sich auf und davon gemacht haben“.
Wenn die berühmten Namen der „alten Meister“ fallen, sprechen manche aber auch von „Götterdämmerung“. Alles hat eben seine Zeit, auch am Theater, wo es die legendäre Schaubühnen-Zeit eines Peter Stein gab. Goschs Versuch in den späten 80er Jahren, dort in die großen Fußstapfen zu treten, blieb glücklos, ein „geborener“ Theaterleiter war Gosch nie.
Einer der Rebellen gegen die „Altvorderen“, der 48 Jahre alte Regisseur Christoph Schlingensief, hat im todesmutigen Kampf gegen seine eigene Krebserkrankung zu neuen künstlerischen Höhenflügen gefunden — ähnlich wie Gosch in seinen letzten Jahren. Ihm gelang ein ungeahntes Comeback zur Verblüffung und wohl auch Irritation seiner jüngeren Kollegen. Die meinten, längst das Sagen zu haben in der Bühnenkunst, auch mit Mitteln, die einem „grand old man“ wie Stein ein Dorn im Auge sind: „Inzwischen kann ja am Theater jeder machen, was er will...Das Theater muss sich aber heute behaupten gegen eine vollständige Verdummungsstrategie, dem Theater bläst der Wind ins Gesicht.“
Ein Mann wie Jürgen Gosch hat erfolgreich dagegengehalten. Er hinterlässt nicht nur die berühmte Lücke, er war eben auch der Herzschrittmacher des neuen Theaters, Wiederholungen waren ihm ein Gräuel. Aber Leben abbilden und die Lust am Leben, auch bei allen Widrigkeiten und sogar Widerlichkeiten, das blieb dem großen Theatermann bis zuletzt. „Ich bin Idomeneus, und ich hänge am Leben, ich hänge am Leben“, sagt der Schauspieler Alexander Khuon am Ende von Goschs Inszenierung am Deutschen Theater. Bei der Premiere Ende April standen den Schauspielern die Tränen in den Augen. (dpa/köh/mül)