Von Caroline Bock
BERLIN (BLK) - Hamburg-Heiner wäre jetzt streng. Sven Regener hat einen „Laberflash“, würde ihm sein literarisches Gewissen sagen. Der Berliner Musiker und Schriftsteller, unschwer an der dicken Hornbrille zu erkennen, sitzt bei Tee mit Marmelade in einem Café im Prenzlauer Berg und plaudert. Sein neues Buch ist fertig: „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“. Es erscheint am 14. März.
Anders als bei der „Herr Lehmann“-Trilogie ist es kein Roman, sondern versammelt Regeners „Logbücher“ aus dem Internet. Es geht, garniert mit Seemannsgarn, um seine Band, die Buchmesse oder seine Touren. Man könnte auch sagen: Es sind Blogs.
Aber das Wort ist für einen Wortfex wie Regener zu schnöde und würde sich auch nicht so gut verkaufen. Logbücher führen Kapitäne auf ihrer Reise, ähnlich macht es der Bremer. „Das heißt noch lange nicht, das alles genauso war“, sagt Regener, der auch nach Jahrzehnten in Berlin schwerst nach Hanseat klingt.
Angefangen hat der 50-Jährige vor sechs Jahren mit einem Blog als Werbung für ein neues Album seiner Band Element of Crime. Die Internet-Kolumnen wollte er eher beiläufig angehen. „Trotzdem ist mir nach zwei Tagen die Luft ausgegangen. Deswegen habe ich Hamburg-Heiner ins Spiel gebracht. Ich dachte, wenn die Luft dünn wird, kann man ihn anrufen lassen.“
Hamburg-Heiner, das passt zu Regener, dessen Großmütter wegen ihrer Wohnorte „Oma Horst“ (wegen Delmenhorst) und „Oma Findorff“ hießen. Die Figur ist das Über-Ich und ähnlich wachsam wie das „Lenor-Gewissen“ aus der alten Weichspüler-Reklame. Regener liefert sich mit „HH“ wunderbar beiläufige Dialoge. Etwa, wenn es um die Dominanz der Nordmann-Tanne im Weihnachtsbaumsortiment geht und Hamburg-Heiner feststellt: „Fichte laß ich gelten, aber die Kiefern werden alle von Ikea gebraucht. Und die Blautanne ist ja praktisch die Margot Honecker unter den Nadelbäumen, die willst du ja nicht wirklich?“
Das „ß“ kultiviert Regener, es sei „irgendwie wie die Glühbirne, fast schon weg, aber nicht richtig“. Was ihn sonst beschäftigt: Trompete-Üben, Sponge-Bob-Gucken, Döneressen, Interviews geben, Städte-Steckbriefe, Rot-Kreuz-Mitgliedschaften und Busfahrer Udo. Der pflegte vor dem Toilettengang zu sagen, er besuche jetzt die Villeroy-und-Boch-Ausstellung oder beschreibt die MAN-Schwebebahn in Wuppertal mit „Murks aus Nürnberg“.
Als Buch verpackt, haben die Kolumnen tatsächlich einen Reiz und lesen sich flott weg. Nabelschau und Privates? Fehlanzeige. Weder über sich noch über die Band gibt Regener ernsthaft etwas preis. „Man möchte ja nicht wirklich die Leute an die Öffentlichkeit zerren.“ Die Kommentare zu seinen Blogs ignoriert er. Twitter und Facebook nutzt Regener nicht. Interaktive Kommunikation hält er für eine Behauptung: „Mitmachtheater, das will doch auch keiner. Sollen die Leute mit mir ein Buch schreiben oder bei Element of Crime mitspielen? So einen Künstler will doch auch keiner haben, der sich von den Leuten dann wirklich auf diese Weise beeinflussen lässt.“
Die Blogs landen oft auf der Meta-Ebene, sie erinnern mit den schrulligen Bildern und leisem Witz an die Kolumnen von Max Goldt. Als Regener 2008 von seiner Zugfahrt zur Frankfurter Buchmesse postet, pfeift ihn Hamburg-Heiner eine Seite später zurück: „Kolumnisten, Blogger und andere Halbbegabungen haben striktes Verbot, über Zugfahrten, die Deutsche Bahn, H. Mehdorn oder auch nur die Architektur deutscher Bahnhöfe, insbesondere des Berliner Hauptbahnhofs zu schreiben.“
Ob Hamburg-Heiner wohl so aussieht wie Karl alias Detlev Buck im Kinofilm „Herr Lehmann“? Regener kann sich jedenfalls vorstellen, dass aus der Kolumnen-Figur mal ein Romanheld wird. Jetzt steht aber erstmal die Buch-Promo an: Die Lesereise beginnt am 18. März in Leipzig. Und Regeners drittes Buch, „Der kleine Bruder“, soll von Leander Haußmann verfilmt werden. Wer nach Christian Ulmen und Frederick Lau diesmal Frank Lehmann spielen wird, ist noch offen.
Interview:
BERLIN (BLK) - Nach den Bestsellern „Herr Lehmann“, „Neue Vahr Süd“ und „Der kleine Bruder“ ist es diesmal kein Roman geworden. „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“ (Galiani Berlin), das neue Buch von Sven Regener (50), Autor und Frontmann der Band Element of Crime, ist eine Sammlung seiner Blogs, seiner „Logbücher“. Hamburg-Heiner ist im Buch sein Dialogpartner, ein literarisches Gewissen. Ein Interview über Dichtung und Wahrheit, Bloggen, Facebook und Twitter.
Sie haben 2005 mit den Blogs angefangen, für deutsche Verhältnisse recht früh. Ist es Ihnen leicht gefallen, in den Internet-Groove reinzukommen?
Regener: „Wir hatten mit der Band seit 1997 eine Website, wir waren recht früh internetaffin, haben auch Online-Chats gemacht. Irgendwann kam Thorsten Klages von Universal um die Ecke und meinte, ich sollte mal so einen Blog machen. Das sei jetzt das neue heiße Ding. Und dann probiert man's halt mal aus, weil es Promo ist. Eigentlich habe ich es abgelehnt, weil es darauf hinausläuft, Kolumnen zu schreiben. Das finde ich okay und ehrenwert, aber für mich schwierig. Also habe ich angefangen, das von vorneherein extrem irrelevant anzugehen, fast schon auf kokette Weise. Trotzdem ist mir nach zwei Tagen die Luft ausgegangen. Deswegen habe ich Hamburg-Heiner ins Spiel gebracht. Ich dachte, wenn die Luft dünn wird, kann man ihn anrufen lassen.“
Wie entscheiden Sie, was Sie preisgeben wollen? Einmal schreiben Sie über Döner-Essen, „Sponge Bob“ gucken und dann: „Dazwischen: Geht keinen was an“.
Regener: „Die Frage ist ja schon, ob Döner-Essen oder Sponge Bob gucken überhaupt jemanden etwas angeht. Das entscheidet man letztendlich pi mal Daumen. Wo ist da die Grenze? Wobei ja noch nicht mal klar ist, ob das mit dem Döner überhaupt stimmt. Man kann auch eine Menge erzählen oder so mit erfundenen Geschichten durcheinandermischen, dass man das gar nicht auseinanderfieseln kann. Ich bin zum Beispiel wirklich zweimal Mitglied im Roten Kreuz, das ist ein Stück Wahrheit. Ich bin auch schon zusammen mit Hamburg-Heiner zum Rundfunk eingeladen worden. Realität spielt eine Rolle, wird aber vermischt mit jeder Menge anderer Dinge, wie an dieser Grenze zwischen Wachsein und Schlaf, wenn man anfängt zu träumen. Wenn man auf dem Sofa ein Nickerchen macht und erst merkt, dass man geschlafen hat, weil die Gedanken für einen kurzen Moment einen komischen Drall bekommen haben.“
Können Sie sich vorstellen, aus Hamburg-Heiner eine Romanfigur zu machen?
Regener: „Ja. Könnte man machen, aber man müsste eine gute Idee für die zugrundeliegende Geschichte haben. Er hat gewisse Ähnlichkeiten mit Karl Schmidt (Detlev Bucks Figur in „Herr Lehmann“). Diese großen Gesten. Großes Herz, aber auch große Klappe.“
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Lesen Sie wirklich nicht die Kommentare zu Ihren Blogs?
Regener: „Nein. Was soll denn das bringen, das zu lesen? Interaktion - das ist eine von diesen Behauptungen, die nicht stimmen. In der Kunst schon mal gar nicht. Ich diskutiere ja auch nicht nach Konzerten mit den Leuten. Wenn da jemand einen Kommentar schreibt, weiß ich ja gar nicht, wer das ist. Die einzige Funktion, die Kommentare haben, ist, dass sie verkappte Chatrooms sind. Viele reagieren auf Reizwörter und lesen sich gar nicht durch, was sie da kommentieren.“
Was halten Sie von Facebook und Twitter?
Regener: „Universal-Thorsten wollte auch, dass ich twittere. Aber da habe ich gesagt, jetzt reicht's. Man muss nicht alles machen. Twitter sind 140 Zeichen. Das ist vielleicht interessant für Epigramme (eine Gedichtform), aber ich bin kein Epigrammatiker. Ich bin nicht bei Facebook, aber wir haben das für die Band. Man kann sich nicht um alles kümmern, MySpace lassen wir von der Plattenfirma betreuen. Newsletter sind wichtig. Und unsere Homepage, da spielt die Musik bei uns. Man darf es nicht übertreiben, sonst kommt man zu nichts mehr. Wir sind ja Musiker, ich bin auch Schriftsteller. Wir müssen ja uns irgendwann um die Kunst kümmern. Das sind auch Zeitfresser. Ich glaube auch deswegen nicht an die interaktive Kommunikation. Mitmachtheater, das will doch auch keiner. Sollen die Leute mit mir ein Buch schreiben oder bei Element of Crime mitspielen? So einen Künstler will doch auch keiner haben, der sich von den Leuten dann wirklich auf diese Weise beeinflussen lässt.“