Von Christina Horsten
SANTIAGO DE CHILE (BLK) - Ihre Schrift ist krakelig, aber ihre Worte sind sanft. „Das Leben ohne dich ist blutlos, ist sinnlos“, notiert die chilenische Dichterin Gabriela Mistral wenige Jahre vor ihrem Tod 1957 auf ein loses Blatt, „du bist mein Zuhause, in dir ist mein Zentrum“. Mehr als ein halbes Jahrhundert später werden diese Worte im Heimatland der ersten Literaturnobelpreisträgerin Lateinamerikas heiß diskutiert, denn gerichtet waren sie an ihre Assistentin, die 30 Jahre jüngere Amerikanerin Doris Dana.
Hunderte solcher zärtlicher und anrührender Liebesbriefe haben sich die beiden zwischen 1946, als sie sich bei einer Konferenz in New York kennenlernten, und 1957 geschrieben. Jahrelang lagerten sie unentdeckt in Kisten, bis Danas Nichte diese nach dem Tod der Tante 2006 dem chilenischen Staat vermachte. Eine Auswahl daraus hat der Konservator der chilenischen Nationalbibliothek, Pedro Pablo Zegers, jetzt in einem Buch herausgegeben: „Niña Errante“ – „Umherirrendes Mädchen“ - der Kosename, den Dana Mistral wegen deren Reiselust verlieh. Das Buch lässt keinen Zweifel an einer Liebesbeziehung der beiden Frauen. „Ein Briefwechsel von großer literarischer Kraft und Emotion“, lobt der chilenische Schriftsteller Armando Uribe.
Aber seit der Veröffentlichung schlägt Zegers auch eine Welle der Empörung entgegen. „Man tut der Dichterin keinen Gefallen, wenn man über den sexuellen Aspekt ihres Lebens spricht“, sagte beispielsweise der angesehene chilenische Literaturkritiker Cedomil Goic der Zeitung „El Mercurio“, „Mistral war eine sehr sensible Frau, mit echten und intensiven Gefühlen, aber das heißt eben auch nicht mehr als das.“
Schon sieht sich Herausgeber Zegers zur Verteidigung gezwungen. Er habe doch „absichtlich“ das Wort Homosexualität in seinem Buch nicht erwähnt, damit sich jeder Leser sein eigenes Bild machen könne, sagte er bei der öffentlichen Vorstellung des Buches in Santiago de Chile. „Nichts liegt mir ferner als etwas so privates und intimes zu veröffentlichen, um Gabriela Mistral damit zu schaden, wo ich doch mein ganzes Berufsleben nur ihrer Würdigung gewidmet habe.“
Mistral, 1889 als Lucila Godoy Alcayaga in dem kleinen chilenischen Städtchen Vicuña geboren, gilt als eine Ikone der Pädagogik und der Mütterlichkeit. Die stets streng und hochgeschlossen gekleidete Frau, die sogar ihren Nobelpreis ungeschminkt, im schlichten, schwarzen Kleid und ohne Schmuck entgegennahm, war streng katholisch und offen patriotisch. Sie hat nie geheiratet und auch keine Kinder bekommen. Ein Adoptivsohn nahm sich 1943 das Leben. Ihr Werk ist von einer tiefen Traurigkeit und Melancholie geprägt – „Desolación“ („Trostlosigkeit“) der symptomatische Name ihres zweiten Gedichtbandes, mit dem sie international bekannt wurde. Noch heute wird sie weltweit für ihr schriftstellerisches Werk verehrt und gilt in ihrer Heimat fast als Nationalheilige.
Die sexuelle Orientierung der „Mutter Lateinamerikas“ sei deshalb eben immer noch ein «delikates Thema», sagt die Direktorin der in der Hauptstadt Santiago gelegenen Gabriela-Mistral-Universität, Alicia Romo. Neu sind die Spekulationen jedoch nicht: Mehrere biografische Filmprojekte warfen die Frage auf, und schon 2002 veröffentlichte die amerikanische Wissenschaftlerin Licia Fiol-Matta ein Buch über Mistral mit dem provokanten Titel „Eine lesbische Mutter der Nation“. Trotzdem war das Thema in Chile lange Zeit tabu.
Heute spricht die Schauspielerin Tamara Acosta, die Mistral in einem Film verkörpert hat, das aus, was die meisten Chilenen denken: „Für ihr Vermächtnis ist es doch völlig egal, ob sie lesbisch war oder nicht. Pablo Neruda hat auch nie jemand gefragt, ob er schwul ist.“