HAMBURG (BLK) – Miriam Meckel erkläre in „Das Glück der Unerreichbarkeit“ die Wirkung der Technologien auf den Menschen.
Sie zeige, was diese mit dem Miteinander machen würden, wenn alle immer auf Standby sind, schreibt der Verlag. Wie der Titel schon sagt, liege das Glück in der „klugen Unerreichbarkeit“. Kommunikation brauche Qualität, und Qualität brauche Zeit. Daher empfehle Meckel eine Denkpause, denn wer verstanden werden wolle, müsse nachdenken können und sich erklären dürfen. Die modernen Kommunikationstechnologien böten diese Chance, würden aber auch zu Abhängigkeiten verleiten.
Miriam Meckel war Ende der 90er Jahre die jüngste Professorin an einer deutschen Universität, dann Staatssekretärin und Regierungssprecherin in Nordrhein-Westfalen. Heute ist sie geschäftsführende Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. (wag/wip)
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„Wir Simultanten: Immer erreichbar, im Standby“
Lästige Erledigungen verschiebe ich gerne. Seit Wochen fehlte mir ein Halogenlämpchen. Abends war die rechte Seite meines Schreibtischs nur noch dunkel. Schließlich fuhr ich an einem Samstagmorgen mit der U- Bahn in die Stadt und stieg am Neumarkt aus. Direkt auf der anderen Seite des Platzes befindet sich eines der großen, alteingesessenen Lampen- und Elektrogeschäfte von Köln. Dort haben sie eigentlich alles. Es gelang mir noch, die Straße zu überqueren, da klingelte mein Mobiltelefon. Es war die Hausverwaltung, die mich tags zuvor nicht erreicht hatte, um mit mir zu klären, ob ich einen Nachmieter für meine Wohnung gefunden hätte. Hatte ich.
Ja, ich würde ein Fax schicken mit den Unterlagen. Ja, gut, dass jetzt alles geregelt ist. Das ging schnell. Ich hatte das Handy noch nicht wieder verstaut, da klingelte es noch mal. Diesmal war es ein Kollege. „Hast du kurz Zeit?“, fragte er, es müsse dringend die Gliederung des gemeinsamen Aufsatzes besprochen werden. „Eine Minute“, sagte ich und meinte „keine Minute“. Ich war unter Zeitdruck. Außerdem ist es prinzipiell unsinnig, ein anspruchsvolles Thema zwischen Tür und Angel zu besprechen, im Lärm der Stadt, das Quietschen der Straßenbahn im Hintergrund. Ich bat dann doch noch um Aufschub und erklärte meine Situation. Er wollte keinen Aufschub gewähren, habe er doch nur noch die nächsten drei Stunden, um seinen Teil des Artikels zu schreiben. Dann müsse er nach Paris fliegen, und dann nach London, und dann . . . sei der Abgabezeitpunkt verstrichen. Ich diskutierte also geschlagene zwanzig Minuten mitten auf der Straße die Gliederung und die inhaltlichen Schwerpunkte des Aufsatzes. Zwischenzeitlich musste ich ins Telefon schreien. Denn es wurde immer lauter um mich herum; die samstägliche Einkaufswelle war längst angerollt.
Als das Gespräch endlich beendet war, entdeckte ich einen kleinen gelben Briefumschlag auf dem Display meines Mobiltelefons.
Zwei Nachrichten waren während des Telefonats eingegangen. Die erste erinnerte mich daran, dass ich bereits seit zehn Minuten im Café an der Apostelnstraße hätte sitzen müssen, weil ich dort verabredet war („Wann kommst du denn? Warten hier.“). Die zweite Nachricht lautete: „Meldest du dich heute gar nicht?“ Es war 11:10 an einem Samstagvormittag, ich hatte mich bislang nicht gemeldet. Der Tag hatte noch 12 Stunden und 50 Minuten, aber an der privaten Front war er bereits kommunikativ verloren.
Genau in diesem Moment piepste mein BlackBerry, um mich an eine Telefonkonferenz (Englisch: Conference Call ) zu erinnern, die – ausnahmsweise – auch am Samstagmorgen möglich sein sollte, denn es gab drängende Probleme. Ich hatte auch einige:Dieses Telefonat hätte bereits in dem besagten Café stattfinden sollen, nachdem ich das Halogenlämpchen gekauft, ein Weilchen nett mit meinen Freunden geplaudert und einen Kaffee getrunken hätte. Nun fand auch die Telefonkonferenz auf dem Bürgersteig vor dem Lampenladen statt. Ich war sauer auf das Gerät, das zu dem Zeitpunkt piepste, den ich selbst festgelegt hatte. Ich war nass geschwitzt, denn es waren fast dreißig Grad, und das Mobiltelefon klebte an meinem Ohr. Menschen drängten sich an mir vorbei und redeten rücksichtslos in voller Lautstärke, obwohl ich doch telefonieren musste.
Mehrfach überkam mich die unbändige Lust, den anderen Teilnehmern der Telefonkonferenz das Wort abzuschneiden und eine knappe und präzise Zusammenfassung zu präsentieren, um endlich den Gehsteig verlassen zu können. Als das nach mehreren Anläufen nicht gelungen war, legte ich einfach auf und stellte mein Mobiltelefon ab. Über den BlackBerry schickte ich schnell eine Mail an einen Kollegen, der noch an der Telefonkonferenz teilnahm: „Mein Akku schmiert ab, bitte entschuldige mich bei den Teilnehmern.“ Ich dachte: „Wenn jetzt noch irgendjemand anruft, bringe ich ihn um.“ Dann betrat ich den Lampenladen. Eine ältere Verkäuferin steuerte auf mich zu: „Wat kann isch für Sie tun?“ Ich kramte mein kaputtes Halogenlämpchen aus dem Rucksack und hielt es ihr hin. „Dat hammer nisch“, sagte sie gut gelaunt. „Sie sind doch ein Lampenladen?“ fragte ich spitz. „Jawoll“, antwortete die Frau. „Und Sie verkaufen Lampen und Zubehör?“ Ich nahm selber meine leicht gepresste Tonlage wahr. „Jawoll“, wiederholte die Frau und ließ sich in ihrer guten Stimmung nicht beirren.
„Aber Sie haben keine Halogenlampen?“, fragte ich, fast schon kreischend. „So isset: die hammer nisch.“ Ich verspürte ein Beben in mir. Dann sagte ich zu der freundlichen älteren Dame „Schlampe!“, drehte mich auf dem Absatz um und verließ das Geschäft.
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Literaturangaben:
MECKEL,MIRIAM: Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle. Murmann Verlag, Hamburg 2007. 272 S., 18 €.
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