„Ich bin nach Comala gekommen, weil mir gesagt wurde, dass hier mein Vater lebt, ein gewisser Pedro Páramo.” So beginnt einer der großen Klassiker der modernen lateinamerikanischen Literatur. Dem Ich-Erzähler Juan Preciado ist bis zur Hälfte der Erzählung vollkommen unklar, was der Leser längst ahnt: Juan Preciado zählt nicht mehr zu den Lebenden.
Bereits mit dem ersten Satz wird der Leser, wie man es auch aus Kafkas Erzählung „Die Verwandlung” kennt, in den Bann gezogen. Man versteht lange wenig. Dazu sind die Szenen zu kurz und zudem zyklisch angeordnet. Doch der Faszination des Lesers tut das keinen Abbruch. Die komplizierte Verschachtelung der Szenen macht nach Aussagen des Autors Gabriel García Márquez vielleicht sogar den besonderen Reiz des Romans aus.
In unzähligen Szenen wird das Schicksal eines mexikanischen Dorfes und seiner Bewohner erzählt. Das Dorf Comala ist verlassen, karg, sonnenverbrannt und wird nur noch von den Geistern der ehemaligen Bewohner eingenommen, die hier immer noch herumspuken und ihre bedauernswürdigen Lebensgeschichten erzählen.
Die Figuren scheinen jeglicher Zeit enthoben, der Roman somit zeitlos, denn die ständig wechselnde Erzählperspektive changiert vom Gestern zum Heute und wieder zum Vorgestern. Alles im Dorf scheint sich um Schuld zu ranken.
Schuld fängt nicht erst mit dem zynischen Gutsbesitzer Pedro Páramo an, der nach und nach ganz Comala mit seiner Skrupel- und Gesetzlosigkeit überzieht: „Welche Gesetze, Fulgor?”, meint dieser Don Pedro nonchalant zum Verwalter seines Gutes Media Luna. „Von jetzt ab machen wir das Gesetz.” Offensichtlich erleben wir hier einen Al Capone feinster Güte.
Doch da ist auch die schuldig gewordene bettelarme Dorotea Hinkebein, wie sie von den Dorfbewohnern genannt wird, die dem Sohn Páramos für eine Portion Eier zum Frühstück verrät, wie und wo er Mädchen allein antrifft, um sie vergewaltigen zu können. Auch der mittellose Pater Rentería, der von Páramo als Gegenleistung für Sakramente und Sühne finanzielle Unterstützung erhält, wird von Schuldgefühlen verfolgt. Und Schuld lädt auch Eseltreiber Abundio Martínez auf sich, als er nach dem Tod seiner Frau im Alkoholdelirium Zuflucht sucht und vollkommen geistesabwesend eine alte Señorita ersticht. Sogar ein Pferd, das wild durchs Dorf rennt, wird von Schuld getrieben. Und Blätter, die es gar nicht gibt, rauschen wie die mahnende Kulisse des Dorfes.
So antwortet auch der Pater folgerichtig auf die Frage „Fühlen Sie sich schlecht?” mit einem frappierenden und doch aussagekräftigen: „Nein, nicht schlecht. Böse. Ein böser Mensch. So fühle ich mich.”
Auch wenn es im Klappentext des im Hanser Verlag erschienenen Romans heißt, die Toten würden von „seinen” – Don Páramos – „Untaten” erzählen, sie erzählen von Pedro Páramos und ihren eigenen Untaten.
Dorotea Hinkebein bringt es auf den Punkt, obwohl auch sie schon längst zu den untoten Seelen im gott- und menschenverlassenen Comala gehört: „Da irren lauter Leute herum, die ohne Vergebung gestorben sind und sie auch auf keine Weise erlangen können, am wenigsten durch unsere Fürbitte.”
Gekonnt charakterisiert Rulfo diesen gnadenlosen Pedro Páramo, der die Dorfbewohner als willenlose Objekte betrachtet, die es nur nach Gutdünken auszuspielen und auszulöschen gilt, als sehr menschlich. Juan Rulfo lässt den Leser nicht vergeblich nach der komplexen Figur eines Tyrannen suchen, indem er ihm nur den mexikanischen Prototypen eines Machos finden lässt.
Nach und nach erfahren wir, dass der Tyrann seine Jugendliebe Susana San Juan dreißig Jahre lang vermisst, sie schließlich als inzwischen Verrückte wiederfindet und an ihrer Unerreichbarkeit bis zu ihrem Ende leidet. Diese komplexe Gestalt des Titelhelden macht auf die Reichhaltigkeit des Romans aufmerksam.
Das Buch ist voll von Motiven: das Motiv der Suche nach dem Vater, das Motiv der irdischen Macht, die ein anderes Gesetz kennt als das der göttlichen Macht, das Motiv des Machos etc. Und die Suche könnte bis ins Unendliche fortgeführt werden. Im letzten Motiv entlarvt Rulfo auf subtile Weise die Attribute Männlichkeit, Kühnheit, Aggressivität, Gefühlskontrolle und Gewalttätigkeit als Charakterzüge eines lateinamerikanischen Machotypus. In den Figuren des Pedro und dessen Sohnes Miguel Páramo weist er auf die widersprüchliche Problematik dieses Mythos hin: Menschen, die nicht auch eine verletzliche zweite Seite zeigen, gibt es aus Sicht Rulfos schlichtweg nicht.
Man merkt diesem Roman an, dass der Autor sein Volk und dessen Geschichte gut kennt. Es ist die Rede von Caciques, Sombreros und von Rebellen des Generals Obregón, die das Land durchstreifen. Rulfo spielt hier – wie auch in seiner Erzählung „Man hat uns Land gegeben” aus dem Erzählband „Der Llano in Flammen” (1953) – auf die schwierige mexikanische Periode zwischen 1910 und 1929 mit ihren unzähligen Kämpfen und fruchtlosen Landreformen an. Die Leidtragenden waren immer die mittellose indigene Bevölkerung und die armen Landarbeiter, die ausgebeutet wurden und von denen Rulfo in seinem Roman und in seinen Erzählungen schreibt.
So sagte er über seine bevorzugten Themen: „Ich bin kein Schriftsteller der Stadt. Ich wollte andere Geschichten schreiben, die ich mir, ausgehend von dem, was ich in meinem Dorf und bei meinen Leuten gesehen und gehört hatte, ausdachte.”
Rulfo gibt in seinem nüchternen, klaren Erzählstil wieder, was seiner Ansicht nach die Essenz des Mexikos seiner Tage ist: Er schreibt vom dünnen Regen im kärglichen Landstrich, er erzählt von Indios, die ihre Marktstände von Dorf zu Dorf ziehend anbieten, und von Frauen, die routinemäßig einmal täglich zur Beichte gehen. Dies alles hinterlässt beim Leser einen tiefen Eindruck seiner Kunst, die Lebenswelt seiner Landsleute mit ihren überhistorischen Problemen deutlich zu machen.
Erstaunlich, dass die südamerikanische mündliche Tradition des Erzählens, die genussvolle Freude am Erzählen selbst, trotz der Übersetzung Dagmar Ploetz’ aus dem Spanischen ins Deutsche hinter den Dialogen und inneren Monologen spürbar bleibt: „Dort, wo die Luft die Farbe der Dinge verändert, wo das Leben hindurchstreicht, als wäre es nur ein Flüstern, als wäre es nichts als ein Flüstern vom Leben…“ Solche Sätze zeigen, wie die Figuren bei Rulfo gern erzählen, viel erzählen, und erzählend den trockenen Alltag in ein magisches Licht tauchen.
Als etwa jemand im Dorf eine Frauenstimme aus einem gottverlassenen Winkel vernimmt, heißt es erklärend: „Das muss die sein, die Selbstgespräche führt. Die aus dem großen Grab. Doña Susanita. […] Wenn Feuchtigkeit zu ihr dringt, wälzt sie sich im Schlaf.”
Dieser Stil, der mit Juan Rulfo und Jorge Borges in Lateinamerika seinen Anfang nahm, wurde wegen der Verquickung von Irrealem und Realem „magischer Realismus“ getauft. Im Gegensatz zur europäischen Literatur vermochten es Schriftsteller wie Juan Rulfo, den Glauben an Geister und Mythen harmonisch in den Alltag einzuordnen. So erklärt sich auch die besondere Bedeutung des Aberglaubens in dem Buch, der alle Erzählungen der herumgeisternden Dorfbewohner über ihre Vergangenheit durchzieht.
Rulfo gelangte trotz seines im Wesentlichen nur aus zwei Werken sowie einigen Fragmenten und Drehbuchskizzen bestehenden Œuvres zu weltweitem Ruhm. Er gilt heute als einer der Avantgardisten der lateinamerikanischen Literatur, der den Brückenschlag zwischen Elementen der modernen europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts und genuinen lateinamerikanischen Formen ermöglichte. Dafür erhielt er zu Recht 1986 den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis.
Sein karges Œuvre mag wahrscheinlich auch der Grund dafür sein, dass er innerhalb europäischer Breitengrade unbekannt ist. „Pedro Paramo“ ist ein großer Roman eines leider oft zu Unrecht übersehenen Autors.
Von Maria Müller
Literaturangaben:
RULFO, JUAN: Pedro Páramo. Neu übersetzt von Dagmar Ploetz. Hanser Verlag, München 2008. 174 S., 17,90 €.
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