Von Susanna Gilbert-Sättele
„Du darfst auf keinen Fall über drei Brüder auf einem Schweinezüchterhof in einem Kaff bei Trondheim schreiben“, riet Anne B. Ragde einmal allen künftigen Bestsellerautoren. Sie selbst hat das Gegenteil bewiesen: Nach dem Erfolg des „Lügenhauses“ legt die norwegische Erzählerin nun mit „Einsiedlerkrebse“ eine Fortsetzung ihres Familienepos vor, das an Qualität und Spannung dem Vorgänger in nichts nachsteht. Wohl noch nie haben sich Leser von der Fütterung von Schweinen so faszinieren, selten haben sie sich von dem unspektakulären Alltag auf einem Hof hoch im Norden so bannen lassen wie hier.
Nach dem Tod der Bäuerin werden in dem herunter gewirtschafteten Gehöft der Familie Neshov die Stühle gerückt: Während der Vater sich aufs Altenteil in die Stube vor den Fernseher zurück zieht, übernimmt sein Sohn Tor Haus- und Hofhaltung. Unterdessen geht sein eigenbrödlerischer Bruder Margido nach der Beerdigung wieder seinen Bestattungsgeschäften nach, während der dritte, Erlend, mit seinem Lebenspartner in die Luxuswohnung in Kopenhagen zurückkehrt. Der Tod der Mutter hat die ganze Familie mit unliebsamen Tatsachen konfrontiert, über die man lieber nicht gesprochen hätte: Der vermeintliche Vater ist nämlich in Wahrheit der Halbbruder der drei Männer. Die müssen aber auch Erlends unbekümmerten Umgang mit seinem schwulen Freund und die Neuigkeit verdauen, dass Tor aus einer flüchtigen und von der tyrannischen Mutter schnell beendeten Beziehung eine Tochter hat, die ebenfalls in ihr bisher so eintöniges Leben geplatzt ist.
Für den introvertierten Bauern Tor ist das zuviel auf einmal. Wann immer es ihm möglich ist, flüchtet er in den Stall zu seinen geliebten Sauen. Dort lehnt er „den Hinterkopf an das Stahlrohr und schloss die Augen, wäre gern ein sattes Ferkel gewesen, nur für einen Moment. Sich an Brüder und Schwestern pressen und warm schlafen. Nichts wissen, nichts müssen.“ Unterdessen gerät Margido in die Fänge einer attraktiven Witwe, während Erlend und Partner in eine tiefe Beziehungskrise treiben. So wie Einsiedlerkrebse, die „splitternackt herumwuselten und neue Häuser probewohnten“, müssen sich die Männer und Tors Tochter Torunn neu orten.
Mit großer sprachlicher Präzision verleiht die Norwegerin den zwiespältigen Gefühlen ihrer Romanfamilie Ausdruck. Ihren skurrilen Figuren begegnet sie mit viel Sympathie, auch wenn die schrulligen Originale nicht immer zu ertragen sind. Mit Recht bewertet die norwegische Kritik den Roman als einen, „der einen nicht mehr loslässt“.
Literaturangaben:
RAGDE, ANNE B.: Einsiedlerkrebse. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Verlag btb, München 2008. 319 S., 17,95 €.
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