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Mensch und Natur

Robert Harrison schreibt eine Kulturgeschichte des Gartens

© Die Berliner Literaturkritik, 15.03.10

München (BLK) – Im März 2010 ist im Carl Hanser Verlag Robert Harrisons Buch „Gärten“ erschienen.

Klappentext: Schon in der Bibel finden sich Adam und Eva in einem Garten wieder. Philosophen, Mönchen und Zen-Meistern dient er als Rückzugsort. Im Garten findet der Mensch zu sich selbst. In einer faszinierenden Reise durch die Kulturgeschichte führt uns Robert Harrison durch Gärten aus allen Epochen und Kulturen, um sie als unmittelbaren Ausdruck der menschlichen Natur zu lesen. In seinem wunderbaren Buch untersucht er, wie der Mensch die Natur nach seinen Idealen verändert, und greift damit, leicht und doch bezwingend, eine große Frage der Philosophie und der Ideengeschichte auf: die nach dem Wesen des Menschen.

Robert Harrison, 1954 geboren in Izmir in der Türkei. Nach dem Studium in Frankreich und in den Vereinigten Staaten lehrt er heute französische und italienische Literatur an der Stanford University in Kalifornien.

 

Leseprobe:

©Carl Hanser Verlag©

 Klösterliche, republikanische und fürstliche Gärten

Manche Gärten blicken nach innen, andere nach außen, einige öffnen sich der Welt, andere schließen sich von ihr ab. Das mittelalterliche Kloster träumte vom Paradies, nach dessen Bild es konzipiert war. Dort fand eine weltflüchtige Spiritualität Zuflucht vor dem Toben irdischer Leidenschaften und hielt durch Gebet und schweigende Kontemplation die Aussicht offen, dass die Seele im Himmel beständigen Feiertag halten würde. In den Mauern des Klostergartens konnte sich der Geist nach innen wenden und tief in seiner Einsamkeit über die transzendente, einheitliche Quelle der Schöpfung meditieren, die dort nur als erahnte anwesend war. So verkörperte der Garten eher die Verheißung von Glück als das Glück selbst – das heißt, die Verheißung eines jenseits der Grenzen des sterblichen Lebens, in einer anderen Welt angesiedelten gaudium. Zwar war auch das Mönchskloster von Menschen geschaffen, aber es wandte seinen Blick ab von dem, was „der Mensch aus dem Menschen gemacht hat“ (Wordsworth), und richtete ihn auf den Schöpfer der Menschheit und des Kosmos, in den sich der Mensch als Person wie ein Findling eingetaucht sah.

Andererseits gibt es Gärten, die nach außen blicken, die sich in einem ausgreifenden Geist der Bejahung dem Schauplatz der Geschichte öffnen und den Blick auf das bürgerliche Umfeld lenken, in das sie sich schmiegen. Um ein Beispiel hierfür zu finden, wollen wir in der Zeit zurück bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts gehen und vom Zentrum von Florenz aus einen Spaziergang über den Arno unternehmen, der uns zur Villa eines Renaissance-Literaten namens Roberto Rossi führen wird. Unseren Weg treten wir an mit Leonardo Bruni, Coluccio Salutati und Niccolò Niccoli, drei hochgestellten Humanisten, die im kulturellen und politischen Leben der Stadt Florenz in der bedeutendsten Periode der florentinischen Republik eine wichtige Rolle spielten, zu einer Zeit, da Florenz seine Freiheit erfolgreich gegen die feindlichen Tyranneien rivalisierender italienischer Stadtstaaten verteidigte, allen voran gegen Mailand, dessen Despot Gian Galeazzo Visconti so freundlich war, während seiner Belagerung von Florenz im Jahr 1402 zu erkranken und zu sterben. Das von Bruni um 1406 verfasste Werk Dialogi ad Petrum Paulum Histrum schildert den Spaziergang dieser Individuen durch Florenz auf dem Weg zu Rossis Villa. Bevor sie das Gebäude betreten, schreiten sie durch einen Garten, der Salutati entzückt: „Wie überaus schön sind die Bauwerke unserer Stadt und wie prächtig!“ ruft er aus. „Daran haben mich jetzt nämlich, als ich im Garten war, jene Bauten erinnert, die uns vor Augen stehen. […] Aber seht doch den Glanz der Gebäude; schaut ihre Feinheit und Anmut an!“ (Bruni, Opere letterarie e politiche, S. 118).

Bevor wir fortfahren, sollten wir bemerken, dass Salutati, Bruni, Niccoli und Rossi (die wichtigsten Gesprächspartner in Brunis Dialog) keine besonders in sich gekehrten Männer waren. Sie waren bedeutende Vertreter des florentinischen „Bürgerhumanismus“, der im Gegensatz zum mittelalterlichen Asketischen Ideal für den Vorrang des tätigen vor dem beschaulichen Leben eintrat, der seine Aufmerksamkeit von der Erlösung auf die Freiheit verlagerte und für eine Ideologie der Verantwortlichkeit und Teilhabe des Bürgers an der Ausübung der Selbstregierung eintrat. Salutati amtierte von 1375 bis zu seinem Tod im Jahre 1406 als Kanzler von Florenz. Bruni, der eine glänzende Lobrede auf Florenz und seine republikanischen Traditionen schrieb, folgte ihm dann in dieser Eigenschaft nach. Niccoli, der sich eifrig der Pflege des klassischen Altertums widmete, verbrachte einen großen Teil seiner Zeit damit, alte lateinische Texte aus verschiedenen Teilen Italiens zu sammeln und den „Barbarismus“ seiner mittelalterlichen Vorgänger anzuprangern, die schlechtes Latein geschrieben und schändlich dabei versagt hatten, das kulturelle Erbe der Antike zu bewahren. Rossi war ein florentinischer Humanist, der sein Leben ebenso der Gelehrsamkeit wie dem politischen Leben seiner Stadt widmete.

©Carl Hanser Verlag©

Literaturangabe:

HARRISON, ROBERT: Gärten. Ein Versuch über das Wesen der Menschen. Hanser Verlag, München 2010. 336 S., 24,90 €.

 

Weblink: Carl Hanser Verlag


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