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Mehr als eine Autobiografie

Nachdenklich zieht Russlandexpertin Gabriele Krone-Schmalz Bilanz

© Die Berliner Literaturkritik, 10.11.09

Von Jutta Steinhoff

Zwei Merkmale über Fernsehjournalistin Gabriele Krone-Schmalz genügen meist, um klar zu machen, wer gemeint ist: „die Russland-Expertin“ und „die mit den spitzen Haaren“. Vier Jahre hat sie als ARD-Korrespondentin in Moskau verbracht und sich tief in die russische Seele eingefühlt. Mehrere Bücher schrieb die Frau, die als erste westliche Journalistin Michail Gorbatschow interviewte („na klar war ich da aufgeregt“), über Russland, dann über die deutsche Politik - und nun eines, das sich nur um sie selbst dreht. „Mit 60 kann man ruhig auch mal Bilanz ziehen“, sagte die gebürtige Bayerin bei der Vorstellung ihres neuen Buches „Privatsache“ Anfang September in München. Eine klassische Autobiografie sei es aber dennoch nicht, betont Krone-Schmalz, die am 8. November 60 Jahre alt wird.

Neben Stationen ihres Lebens wie der Kindheit zwischen Heimatort Lam im Bayerischen Wald und Köln, wo ihr Vater Konzertmeister im Sinfonieorchester war, der Nonnenschule, ihren ersten Schritten im „Traumberuf“ Radioreporterin beim WDR oder dem folgendem Studium der Osteuropäischen Geschichte und Slawistik schreibt sie über Gedanken und Meinungen, Irrtümer und Gefahren. „Das musste ich nicht alles neu schreiben, vielfach musste ich nur in meinem persönlichen Archiv kramen“, erzählt sie zwischen den Lese-Passagen der Buchpräsentation. Viel aufgeschrieben hat sie schon als Kind, auf der alten Grundig-Schreibmaschine, Modell Gabriele. „Fand ich witzig, dass die Schreibmaschine genauso heißt wie ich.“

20 Kapitel mit meist Ein-Wort-Überschriften wie „Einsichten“, „Schuld“, „Deutsch“ oder „Angst“ reiht die Autorin aneinander und betont, dass es bewusst keine zeitliche Folge gebe. „Da springe ich, das geht nach Themen und das muss der Leser so hinnehmen“, sagt die Frau in ihrer direkten Art, die sie in Bildschirmjahren schon bei „Monitor“ und später dem „Kulturweltspiegel“ auszeichnete und sie zeitweise zur beliebtesten Fernseh-Korrespondentin Deutschlands machte. Krone-Schmalz erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter Grimme-Preise, die Puschkinmedaille und das Bundesverdienstkreuz.

Sie schreibt spannend über ihre „Faszination Fliegen“ im Cockpit eines Segelfliegers, nachdenklich über eine lebensgefährliche Schiffsreise im Polarmeer – „Ich dachte an meinen Mann, wie entsetzlich es werden würde, wenn weder er mir noch ich ihm helfen könnte, und wer wem beim Sterben zuschauen müsste“ - und bekennt innere Überzeugungen: „Das Korsett einer Kirche als Institution ist mir zu eng, aber die Existenz einer überirdischen Macht bezweifle ich nicht.“ Natürlich schreibt sie auch über Russland, dem sie mit ihrer Arbeit im „Petersburger Dialog“ noch immer eng verbunden ist, aber nur kurz. „Russland ist zu groß für westlich geprägte Köpfe“, ist ihr leicht resigniert klingendes Fazit nach vielen Jahren des zuletzt nicht immer ganz unumstrittenen Kämpfens für mehr Verständnis und weniger Klischeedenken über das „Riesenreich“ im Osten.

Sie hatte einfach „keine Lust“, noch ein Russlandbuch zu schreiben oder über die Reformfähigkeit Deutschlands und „Demokratiefähigkeit von Menschen, welche letztlich doch immer wieder diejenigen wählen, die ihnen am meisten versprechen, obwohl sie penetrant behaupten, gerade denen zu misstrauen und sich nach solchen zu sehnen, die ihnen reinen Wein einschenken“. Dennoch bleibt die schmale Sechzigjährige mit dem silbergrauen Haardreieck auf der Stirn nach eigenen Worten „ein fröhlicher Melancholiker und idealistischer Realist“. Und warum sie ein sehr persönliches Buch als „Kür“ nach all den „Pflichtbüchern“ vorlegt, begründet sie lächelnd: „Es war mir ein Bedürfnis.“

Literaturangabe:

KRONE-SCHMALZ, GABRIELE: Privatsache. Herbig Verlag, München 2009. 240 S., 19,95 €.

Weblink:

Herbig Verlag

 


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