Maike Albath „Der Geist von Turin“

Maike Albath schildert in ihrem Buch die Wiedergeburt Italiens nach 1943

© Die Berliner Literaturkritik, 07.05.10

Von Roland H. Wiegenstein

„In Turin trafen in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Spätausläufer der piemontesischen Aufklärung, die Arbeiterbewegung und die jüdische Kultur aufeinander. Lehrer und Universitätsprofessoren zeigten offen ihre antifaschistische Gesinnung, und man richtete den Blick nach Frankreich und Amerika. Während Mussolini Italien immer stärker isolierte, experimentierten drei junge Turiner mit Zeitschriften und Büchern und gründeten 1933 den Einaudi-Verlag. Es war die Geburtsstunde einer linken elitären Kultur, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer hegemonialen Macht werden sollte.“

So Maike Albath schon auf der ersten Seite ihres Buchs „Der Geist von Turin“, das „Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943“ behandelt. Weil deutsche Leser im Allgemeinen mit der industriellen Großstadt im Nordwesten Italiens nur den Autokonzern FIAT verbinden oder allenfalls den Fußball-Club Juventus, führt sie uns auch durch die geraden Straßen der Stadt und erzählt einiges von ihrer Geschichte - und der Italiens von 1922-1945, der Zeit des Faschismus also und dem ersten Nachkriegsjahren, als der Verlag Einaudi, den Giulio Einaudi (1912-1999) im Jahr 1934 gegründet hatte, in der Tat eine „hegemoniale Macht“ darstellte.

Die ironische Pointe dieser Geschichte: Einaudi musste ihn Mitte der achtziger Jahre an den Architekturverlag Elemond verkaufen und landete schließlich als „Imprint“ im mächtigen Verlags-Imperium Mondadori, das dem Medienzaren und Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gehört. Der Einaudi-Verlag von heute bringt zwar immer noch Bücher heraus, aber gegen den neuen Chef (beziehungsweise dessen Tochter Marina, die als Verlegerin agiert) geht gar nichts. Die „linke Hegemonie“, die einst der kommunistische Theoretiker Gramsci beschworen hatte, ist vorbei; sie war eine Utopie, die eines anderen, sowohl sozialistischen als auch demokratischen Italien.

Die, die es - außer dem Verleger - wollten: Cesare Pavese, Natalia Ginzburg, Italo Calvino, Noberto Bobbio, Cesare Cases, sind alle tot. Ihre Bücher, die so viel zu dieser Utopie beitrugen, erscheinen weiter im Dunstkreis des politischen Großunternehmers Berlusconi, der nicht müde wird, alle seine Gegner summarisch als „Kommunisten“ zu diffamieren. Die Befreiung des Landes ist nach dem Krieg auf halbem Weg stecken geblieben. All das kann man bei Albath nachlesen; sie hat die Gabe, die politischen Ereignisse und geistigen Strömungen in schöner Knappheit darzustellen, selbst solche, die eminent kompliziert sind. Und das sind die Leben und ist die Literatur der Protagonisten wahrlich.

Giulio Einaudi war selbst 1943 in den bewaffneten Widerstand gegen das Deutsche Reich gegangen, nachdem der König und der faschistische „Großrat“ Mussolini 1943 abgesetzt hatten und der Verbündete zum Feind geworden war, dessen Territorium die Deutsche Wehrmacht besetzt hielt. Diese „Resistenza“, die in Guerilla-Gruppen vor allem im Norden kämpfte - umso härter, seit die Alliierten nach der Landung in Sizilien von Süditalien aus begonnen hatten, nach Norden vorzurücken.

Der von den eigenen Leuten verhaftete Duce, der von deutschen Fallschirmjägern befreit worden war, errichtete am Gardasee in Salò eine gewalttätige Operetten-Republik und zog viele der antifaschistischen Intellektuellen und Arbeiter an, auch Giulio Einaudi, der in einer ihrer Einheiten kämpfte, ehe er sich ins schon befreite Süditalien durchschlug. Leone Ginzburg, einer der wichtigsten Mitarbeiter Einaudis, der in den wenigen Wochen seit der nur kurzen Befreiung Roms hektisch für den Widerstand wirkte, Zeitschriften gründete und an einer Konstituierung des Verlags als einer linken, demokratischen Institution arbeitete, wurde nach der Wiedereroberung Roms durch die Deutschen von diesen gefoltert und hingerichtet. Er hatte maßgeblich zu denen gehört, die das „neue Italien“ vorbereiteten.

Der Verlag agierte zuerst von Rom aus, ehe er 1946 nach Turin zurückkehrte, wo Cesare Pavese als wichtiger Lektor wirkte, zusammen mit Natalia Ginzburg, Leones Witwe und den anderen wichtigen Autoren des Verlags. Pavese selbst hatte sich aus den Kämpfen herausgehalten, ihn, den neurasthenischen Dichter, interessierte eher die Literatur, den in Mailand lebenden, auch zu Einaudi gestoßenen Elio Vittorini die Politik, gleichwohl er es war, der dem Verlag die Autoren zuführte, die im autarken faschistischen Italien niemand gekannt hatte, vor allem die Amerikaner und neue Autoren wie Bassani, Fenoglio, Lucentini und andere. Er gründete die nur zwei Jahre existierende Zeitschrift „Il Politecnico“.

„Für den Verlag begann eine äußerst produktive Phase. Die Mitarbeiter waren überzeugt von der Veränderbarkeit Italiens. Ein freieres Land mit laizistischen Werten, das erhoffte man sich“ - zusammen mit dem PCI, der Kommunistischen Partei Italiens, damals der mächtigsten und größten im Westen. Trotz aller Auseinandersetzungen im Verlag selbst, wurde Einaudi in wenigen Jahren zu einem der wichtigen geistigen Zentren des demokratischen, republikanischen Italien, das das Königtum der Savoyer abgeschafft hatte.

Albath beschreibt die wichtigsten Mitarbeiter des Verlags: Pavese, der sich 1950 das Leben nahm, Natalia Ginzburg, die noch in der Zeit des Faschismus ihren ersten Roman unter Pseudonym veröffentlicht hatte, den Mailänder Vittorini, der den Verlag in seine Stadt holen wollte, den später hinzugekommenen Dichter Italo Calvino und den Literaturwissenschaftler Cesare Cases. Sie alle hatten das gleiche Ziel und sie machten „ihren Verlag“ für eine kurze Phase zum wichtigen Kraftzentrum. Albath widmet sich diesen Autoren einlässlich, auch ihren ideologischen und literarischen Streitigkeiten. Sie hat mit einigen der Wenigen, die heute noch leben, Interviews geführt und es gelingt ihr, die Aufbruchsstimmung dieser Jahre plastisch zu schildern.

Mit dem Kalten Krieg und der Jahrzehnte lang währenden Vorherrschaft (und Regierung) der „Democrazia Italiana“, also der katholischen Volkspartei, die zuerst von Alcide de Gasperi und dann von dessen sehr viel weniger begabten Nachfolgern geführt wurde, ging die „Hegemonie“ langsam verloren. Auch Einaudis Unternehmen, das dieser mit Phantasie, großen Spürsinn für neue Autoren, waghalsigen Projekten für neue „Reihen“ führte, geriet in die Krise, hatte der Großbürgersohn, dessen Vater Luigi gar Staatspräsident wurde, für die finanzielle Seite von Einaudi doch nur eine geringere Begabung. Mit der vollständigen Veränderung des gesellschaftlichen Klimas und seiner finanziellen Implikationen kam er nicht zurecht. Das Ende ist bekannt. Die Bücher der Einaudi-Protagonisten sind heute zu Klassikern geworden, die Utopie, die sie verfolgten und die eine erstaunliche literarische Blüte in Italien heraufführte, ist Vergangenheit. Das wird aus Albaths einfühlsamen Porträts vollends deutlich.

Zur Kenntnis Italiens seit den dreißiger Jahren trägt ihr Buch eine Menge bei. Man begreift das Land und seine Verwerfungen besser und die Autoren, die es zu einem besseren Land machen wollten.

Literaturangabe:

ALBATH, MAIKE: Der Geist von Turin. Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943. Berenberg Verlag, Berlin 2010, 191 S., 19 €.

Weblink:

Berenberg Verlag


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