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Liao Yiwu: „Kein Grund, warum ich nicht heimdürfte“

Der chinesische Autor im Gespräch

© Die Berliner Literaturkritik, 28.10.10

Interview: Nada Weigelt

BERLIN (BLK) - Nach 14 vergeblichen Versuchen durfte der in China verfemte Dichter Liao Yiwu erstmals ins Ausland. Sechs Wochen hat der 52-Jährige jetzt in Deutschland verbracht und als Gast des Berliner Literaturforums bundesweit zahlreiche Kontakte geknüpft. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa zieht er eine Bilanz seines Aufenthalts. Und sagt, warum er trotz seiner vier Jahre im Gefängnis und dem andauernden Schreibverbot wieder in die Heimat will.

Was waren Ihre wichtigsten Eindrücke in Deutschland?

Liao: „Das waren sehr aufregende Wochen für mich. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, allen voran Herta Müller und Wolf Biermann. Wir kommen ja aus einer ähnlichen Situation und haben uns praktisch ohne Worte verstanden. Das Schönste waren aber meine mehr als zehn Lesungen. Dieser direkte Austausch mit den Lesern - zu sehen, wie sie meine Geschichten verstehen, miterleben, mitzittern, das war wunderbar. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich am helllichten Tag auftreten konnte.“

Mit welchem Gefühl kehren Sie nach China zurück?

Liao: „Mit einem sehr guten Gefühl. Ich habe einen neuen Vertrag mit dem Fischer Verlag, in dem ja auch mein Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ erschienen ist. Anfang nächsten Jahres kommt dort mein vielleicht wichtigstes Buch heraus, eine autobiografische Erzählung über meine Zeit im Gefängnis und Interviews mit Zellengenossen, die zum Tod verurteilt waren. Und ein Buch über verfolgte Christen in China erscheint 2011 erst in den USA und dann auch in Deutschland. Ich weiß also: Meine Werke werden hier veröffentlicht - was gibt es Schöneres für einen Autor?“

Können denn die Menschen in China ihre Bücher auch lesen?

Liao: „Vor dem Jahr 2000 haben noch drei Verleger in Festland-China es gewagt, meine Bücher zu veröffentlichen. Aber sie haben jedes Mal sofort ein Verbot bekommen und große finanzielle Verluste erlitten. Dann druckte eine bekannte chinesische Zeitung ein Interview mit mir, und es war endgültig vorbei. Seither darf offiziell keine Seite, keine Zeile mehr von mir veröffentlicht werden. Aber meine Bücher werden außerhalb Chinas gedruckt und sind als Raubkopien auf dem Schwarzmarkt zu haben. Angeblich bin ich der am drittbesten verkaufte chinesische Autor. Aber ich kriege natürlich keinen Cent dafür.“

Ihr Kollege Bei Ling darf seit seiner Ausreise in die USA nicht mehr nach China zurück. Sind Sie sicher, dass Sie heimkehren können?

Liao: „Ja, bestimmt, da habe ich gar keine Bedenken. Ich sehe nicht, was die Regierung dagegen sagen sollte. Und ich will auch zurück. Ich verstehe mich als Zeuge der Geschichte, und die Geschichte hat eine Kontinuität - ein Glied greift in das andere. Wenn ich hierbliebe, wäre diese Kette durchbrochen. Ich bin ein chinesischer Autor. Ich kann meinen Beruf nicht in einem fremdsprachigen Land ausüben.“

Erwarten Sie, dass Ihre Situation nach der Rückkehr leichter wird?

Liao: „Ich habe schon alles erlebt, einschließlich der vier Jahre im Gefängnis. Mir kann nichts Schlimmeres mehr passieren. Aber ich hoffe sehr, dass die Reiseerlaubnis für mich ein Anfang war und es vielleicht schrittweise solche Möglichkeiten auch für andere gibt.“

Kann der Friedensnobelpreis für den inhaftierten chinesischen Bürgerrechtler Liu Xiaobo zu mehr Freiheit beitragen?

Liao: „Er trägt zumindest dazu bei, dass ein wichtiges Stück unserer Geschichte nicht vergessen wird. Seit 1989 (dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens) setzt China ganz auf Wachstum und versucht, sich ein glänzendes Image zu geben. Die Vergangenheit soll vergessen werden. Aber gerade Liu ist ein Symbol dafür, die Erinnerung wachzuhalten.“

Sollte auch Deutschland stärker auf die Menschenrechte drängen?

Liao: „Ja, das wünsche ich mir sehr. Deutschland braucht sich doch keine Sorgen mehr um die wirtschaftlichen Beziehungen zu machen. Es hat in China einen hervorragenden Stand. Die Chinesen glauben an deutsche Qualität, an deutsche Marken. Deshalb gehört Deutschland zu den Ländern, die es sich erlauben können, die Lage der Menschenrechte und das Dissidententhema anzusprechen.“

Ist da nur die Politik gefragt?

Liao: „Nein. Ich setze große Hoffnungen auf die deutschen Intellektuellen und die Medien. Sie haben einen großen Einfluss auf die Politik. Ich habe in Berlin das Holocaust-Denkmal besucht. Mich hat sehr beeindruckt, wie Deutschland mit seiner Geschichte umgeht und sich damit auseinandersetzt. Das braucht China, das braucht die chinesische Seele auch. Und da haben die Medien eine wichtige Funktion.“

Haben Sie hier auch Dinge kennengelernt, die Sie stören?

Liao: „Woran es wirklich noch fehlt, ist die Kommunikation zwischen Deutschen und Chinesen. Sogar bei meinem Treffen mit einem so berühmten Schriftsteller wie Günter Grass hatte ich das Gefühl, dass er nur wenig oder einseitig über China informiert ist. Ich hoffe, ich kann mit meinen Büchern ein bisschen zum Verständnis beitragen. Ich schreibe ja über die "kleinen Leute", die in China keine Chance haben, ihre Stimme zu erheben. Und ich hoffe, dass ich da eine Brückenfunktion übernehmen kann und die Leser hinter der Fassade das wahre China sehen.“


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