BERLIN (BLK) – Die Peter-Weiss-Stiftung ruft zu einer weltweiten Lesung zum „Jahrestag der politischen Lüge“ am 20. März auf. Im Mittelpunkt steht der Essay des chinesischen Schriftstellers Lu Xun (1881-1936) „Ich erinnere mich, um zu vergessen“. In Berlin beteiligen sich an der Lesung im Haus der Berliner Festspiele die Schauspieler Eva Mattes, Vadim Glowna und Jule Böwe, teilten die Berliner Festspiele am Sonntag (16. März 2008) mit.
In dem Aufruf der Weiss-Stiftung heißt es, aus Anlass der bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking sei es „nötig, auf die Zensur, das verordnete Schweigen zu Themen der jüngeren Geschichte Chinas, auf die enorm hohe Zahl von Todesurteilen, auf Tibet, auf die Zusammenarbeit mit dem Regime im Sudan und nicht zuletzt auf die Gefängnisstrafen für Bürgerrechtler hinzuweisen“.
„China ist heute ein Land ohne Erinnerung, wenn es um bestimmte Themen geht.“ Das Tian’anmen-Massaker vom 4. Juni 1989 sei der überwiegenden Mehrheit der Menschen, die in den 90er Jahren in China aufgewachsen sind, kein Begriff. Die Kulturrevolution dürfe nicht erforscht werden. „Eine öffentliche Erinnerung an die 500.000 Intellektuellen, die während der Kampagne ‚Hundert Blumen’ in den Jahren 1956 und 1957 ins Gefängnis oder in die Arbeitslager kamen, ist nicht erlaubt“, kritisiert die Peter-Weiss-Stiftung.
Indessen beginne der chinesischen Führung nun Lu Xun, „der Vater der modernen chinesischen Literatur, ihr vermeintlicher Gewährsmann der Revolution, suspekt zu werden, hat er doch die Chinesen immer wieder zur Erinnerung aufgerufen“. Das Erziehungsministerium habe 2007 begonnen, bestimmte Texte von Lu Xun, „die sich im Lichte des 4. Juni 1989 lesen lassen, aus den Schulbüchern zu streichen und durch Rittergeschichten zu ersetzen“.
Aus Anlass des Jahrestags des Beginns des Irakkriegs hatte die Peter-Weiss-Stiftung am 20. März 2006 erstmals eine weltweite Lesung initiiert. Es wurde Eliot Weinbergers „Was ich hörte vom Irak“ in Veranstaltungen und über Radio-Sender gelesen. Am 20. März 2007 hätten über 1,2 Millionen Menschen zwei Reportagen von Anna Politkovskaja gehört, heißt es in der Pressemitteilung.
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