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Leben zwischen den Welten

„Grenzgängerin“ – die Autobiografie der Schauspielerin Asli Bayram

© Die Berliner Literaturkritik, 18.04.10

GÜTERSLOH (BLK) – Die Autobiografie „Grenzgängerin“ von Asli Bayram ist im November 2009 im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Sie trägt den Untertitel „Leben zwischen den Welten“ und ist das erste Buch der deutschen Schauspielerin türkischer Abstammung.

Klappentext: Asli Bayram ist eine Grenzgängerin zwischen verschiedenen Kulturen und Lebensweisen. Beruflich wie privat reist sie um die Welt, lebt abwechselnd in London, Wien und Los Angeles. In diesem Buch erzählt Asli Bayram, wie sie ihr intensives Leben mit Leidenschaft, Zuversicht und Tatkraft aktiv gestaltet und dabei immer die elementaren Begriffe Toleranz und Respekt im Blick hat. Ihr Buch ist ein Lebensbericht als Parabel und Motivation für andere. Die Entschlossenheit und Präzision ihrer Film- und Theaterarbeiten spürt man auch bei der Lektüre ihres Buchdebüts.

Asli Bayram, geboren 1981 in Darmstadt, begann nach dem Abitur ein Jurastudium. 2005 wurde sie zur Miss Deutschland gewählt. Anschließend spielte sie in türkischen und österreichischen Filmen mit. Heute nimmt sie Schauspielunterricht in Istanbul, Los Angeles und Wien. Mit ihrer Solorolle in „Anne Frank: Das Tagebuch“ wurde sie international bekannt. Nach Luxembourg, Frankfurt am Main und Prag wurde die gefeierte Theaterproduktion 2009 im „Museum of Tolerance“ in Los Angeles gezeigt. Im selben Jahr präsentierte die Berlinale den Film „Shortcut to Hollywood“. (kum/dan)

Leseprobe:

©Gütersloher Verlagshaus©

Licht

Lernt wann immer und wo ihr könnt, hat mein Vater oft gesagt. Ich habe den Klang seiner Stimme noch im Ohr. Er war gütig und warmherzig. Selbst für die einfachsten Alltagsbelange fand er mühelos den richtigen Ton. Seine väterlichen Worte waren niemals Befehle, sondern vielmehr liebevoll geäußerte Wünsche. Wir spürten das und hätten unserem Vater daher niemals widersprochen, auch wenn wir Kinder – wie Kinder eben sind – gelegentlich andere Absichten hatten.

Wir, das sind fünf Geschwister, ich, meine drei Schwestern und mein Bruder. Die Schwestern älter, der Bruder jünger. Wir durften so sein, wie alle Kinder sein sollten, lebhaft, manchmal eigensinnig, manchmal einfach nur verträumt, und konnten unbehindert in unseren Kinderwelten leben. Wir waren Prinzessinnen und Prinz unserer Welten.

Mein Vater und meine Mutter haben sich aus tiefstem Herzen geliebt, und sie haben diese Liebe auf uns Kinder in jeder Sekunde ihres Lebens übertragen. Das Erste, was ich von beiden gelernt habe, ist lieben zu können.

Ich habe meine Mutter einmal gefragt: „Woher kommt Liebe?“ Sie nahm mich in die Arme und sagte: „Aus einem reinen Herzen“. Ich war noch klein und hatte keine Vorstellung von einem reinen Herzen, also fragte ich: „Gibt es auch schmutzige Herzen?“ Sie sah mich lange an und antwortete: „Asli, geh allen Menschen, die nicht reinen Herzens sind, aus dem Weg!“ Am Abend fragte ich Vater, als er mich ins Bett brachte: „Was ist ein reines Herz?“ Ich dachte, er würde mir nun wie oft, wenn ich komplizierte Fragen stellte, als Erklärung ein Erlebnis aus seinem Leben oder vielleicht sogar zu meiner großen Freude ein türkisches Märchen erzählen. Seine Antwort aber war: „Schau auf deine Mutter, dann weißt du es.“ Dieser Satz leuchtet noch heute, viele Jahre später in all seiner Schönheit in meiner Seele.

Diese Erinnerung macht mich glücklich. Meine persönliche Glücksdefinition lautet: „Glück ist: Zeit mit Menschen  verbringen, die man liebt.“ Menschen bedeuten auch Geschichten, an die man sich gerne erinnern möchte. Mit Fotos geht das immer noch am besten. Familienfotos sind mir und meinen Geschwistern daher sehr wichtig und wir behandeln sie wie kleine Kostbarkeiten. Fotoalben sind ein wichtiger Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Da ich meine Mutter und meine Geschwister nicht oft sehen kann, betrachten wir gerne Fotos, die sie im Laufe der Zeit gemacht haben, als ich nicht da war, und die, die ich auf meinen Reisen geknipst habe. Kaum steht der Kaffee auf dem Tisch, holen meine Geschwister ihre Fotoalben und Notebooks. Wir sehen uns nicht mehr so oft wie früher, und deshalb möchten wir uns alles in kürzester Zeit erzählen, wir möchten alles loswerden, was ist, sein wird und war, die Gegenwart, die Zukunft und natürlich auch die Vergangenheit. Das gehört einfach dazu, auch wenn wir fast jeden Tag telefonieren. Ich liebe diesen Moment der Fotoschau. In mir entsteht eine wunderbare Spannung. Unser vergangenes Leben nimmt Form an, kehrt aus dem Nebel der Vergangenheit in klaren Bildern zurück. Jedes Foto ist die permanente Wiedergeburt eines gewesenen Momentes. Es ist wunderbar, der Vergangenheit Bilder zuordnen zu können, die für alle erkennbar sind. Wie war es wohl vor der Erfindung der Fotografie? Wie konnten sich die Menschen kollektiv erinnern?

©Gütersloher Verlagshaus©

Literaturangabe:

BAYRAM, ASLI: Grenzgängerin. Leben zwischen den Welten. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009. 175 S., 17,95 €.

Weblink:

Gütersloher Verlagshaus


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