Lanzmann blickt auf sein Leben

witzig, unterhaltsam und schwungvoll

© Die Berliner Literaturkritik, 09.09.10

Von Sabine Glaubitz

PARIS (BLK) - In einem Schützengraben hinter einem Maschinengewehr erwartete Claude Lanzmann die Deutschen. Damals, am 6. Juni 1944, war er 18 Jahre alt. Doch in seinen Erinnerungen, die unter dem ungewöhnlichen Titel „Der patagonische Hase“ nun auch auf Deutsch erscheinen, beschreibt der französisch-jüdische Journalist, Schriftsteller und Regisseur die Nacht so, als wäre es gestern gewesen. Auf den 660 Seiten erzählt der heute 84-Jährige witzig, unterhaltsam und schwungvoll sein anekdotenreiches Leben. Das Buch, das in Frankreich zum Verkaufserfolg wurde, ist eine gelungene Biografie - und als solche subjektiv, ohne retrospektive Verklärung und Anspruch auf Wahrheitsfindung.

„Der patagonische Hase“ ist eine Fundgrube interessanter Geschichten und Ereignisse, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. Sie folgen keiner Chronologie, sondern der freien Gedankenkette Lanzmanns: Während er seine Erfahrungen als Widerstandskämpfer im Vichy-Frankreich beschreibt, fließen Erinnerungen an amouröse Abenteuer ein und schweifen Assoziationen zu seiner Familiengeschichte.

Lanzmanns Stil ist ausgefeilt und lebhaft. Er spart weder mit Ironie noch mit Emotionen. Sein temperamentvolles Wesen will es jedoch, dass manche Stellungnahmen leichtes Erstaunen auslösen: Aus seiner uneingeschränkten Begeisterung für die israelische Armee, über die er das Filmepos „Tsahal“ (1994) drehte, macht er kein Geheimnis. Von seinem Philosophenfreund Jean-Paul Sartre zeichnet er ein sehr schönes, wenngleich fast schon zu idealisiertes Porträt. Der Autor geht in seinen Memoiren nicht auf Distanz, aus seinen Sympathien und Antipathien macht er keinen Hehl.

Er erzählt direkt, ungezwungen und mit viel Elan. Offen schreibt er über den alltäglichen Ehekrieg zwischen seinem Vater und seiner Mutter, die in der jüdischen Religion nur ein „Affentheater“ sah und ihren Mann unter anderem deshalb hasste, weil er versucht hatte, sie in der Hochzeitsnacht zu sodomisieren.

Ebenso unbefangen und mit leichter Feder berichtet er über sein Liebesleben. Eines der ungewöhnlichsten amourösen Abenteuer fand in Nordkorea statt. Mit einer französischen Abordnung besuchte er in den 50er Jahren Pjöngjang, wo er sich Hals über Kopf in die Krankenschwester Kim Kum-Sun verliebte. Doch machten die Männer des koreanischen Geheimdienstes dem Schriftsteller einen Strich durch die Rechnung. „Nach so einer Niederlage, so einem Liebesfiasko abzureisen, ohne sie wiederzusehen, war mir unerträglich, es erfüllte mich mit Hass auf den roten Totalitarismus, den ich gerade im Reinzustand an mir erlebte“, resümiert er seinen vergeblichen Versuch, unter der strengen Überwachung ein unbeobachtetes Liebesnest zu finden.

Lanzmann lässt keinen Bereich seines Lebens aus. Er schreibt über den Widerstand, über seine Erfahrung als Dozent an der Freien Universität Berlin im Jahr 1949, über die algerische Befreiungsbewegung FLN, die er wie viele Linke uneingeschränkt unterstützte, seine Arbeit als Journalist und über seine siebenjährige eheähnliche Beziehung zu Simone de Beauvoir.

Zu den interessantesten Kapiteln zählen die letzten 130 Seiten, auf denen er über die Entstehungsgeschichte seines mehr als neunstündigen Hauptfilms „Shoah“ schreibt, dessen Arbeiten sich über zwölf Jahre hinzogen. Lanzmann berichtet über die Schwierigkeiten der Finanzierung, gesteht, dass die Idee für den Film nicht vom ihm stammte, und geht ausführlich auf die Suche nach jüdischen Opfern und deutschen Tätern ein. Vieles aus Lanzmanns Leben ist bekannt, doch machen sein kluger, geistreicher und flüssiger Stil das Buch zu einer anregenden Lektüre.

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LANZMANN, CLAUDE: Der patagonische Hase. Erinnerungen, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 681 S., 24,95 €, ISBN 978-3-498-03939-4.


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