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Tod und Sterben

Alltag und Schrecken des Krieges

© Die Berliner Literaturkritik, 13.10.10

STUTTGART (BLK) – Die Erstveröffentlichung des „Kriegstagebuchs 1914-1918“ von Ernst Jünger ist im September 2010 im Klett-Cotta Verlag erschienen. Es handelt sich um eine- kommentierte Ausgabe mit einem Nachwort, herausgegeben von Helmuth Kiesel.

Klappentext: Ernst Jüngers Frontbericht „In Stahlgewittern“ ist neben Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ das berühmteste deutschsprachige Buch über den Ersten Weltkrieg. Die „Stahlgewitter“ sind jedoch kein rein fiktionales Werk, sondern basieren auf den 15 Tagebuchheften, die Jünger während des Krieges von der ersten Fahrt an die Front am Jahreswechsel 1914/15 bis zu seiner letzten Verwundung im August 1918 kontinuierlich führte. Der Verlauf vieler Tage wird nur in kurzen Notizen festgehalten, die Kampfeinsätze in den großen Schlachten werden hingegen erzählerisch vergegenwärtigt: Persönliches steht neben Militärischem, Empfindsames neben Martialischem, Amouröses neben Barbarischem, Anrührendes neben Abstoßendem. Und bei alledem lässt sich genauestens mitverfolgen, wie die Erfahrungen des Krieges von Jünger psychisch verarbeitet und stufenweise literarisiert wurden.

Ernst Jünger wurde am 29. März 1895 in Heidelberg geboren. Er war ein deutscher Schriftsteller, Philosoph, Offizier und Insektenkundler. Er ist vor allem durch seine Kriegstagebücher „In Stahlgewittern“, durch Essays, phantastische Romane und Erzählungen bekannt. Mit seinem Frühwerk wird er der sogenannten Konservativen Revolution zugerechnet. Aufgrund seines radikalen, nationalistischen, anti-demokratischen und elitären Frühwerks gilt er einigen Kritikern als ein intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus, während ihn andere höchstens dem Rand eines reaktionären Spektrums zurechnen. Von der nationalsozialistischen Ideologie distanzierte er sich in den frühen 1930er Jahren wegen des als geistlos empfundenen Totalitarismus der NS-Massenbewegung. Ernst Jünger starb am 17. Februar 1998 in Riedlingen.

Leseprobe:

 ©Klett-Cotta Verlag©

30. XII .14.

Nachmittags, Empfang von Patronen und eiserner Ration. Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten. Als wir antraten, nahmen einige Mütter Abschied, was doch etwas trübe stimmte. 6 44 Abfahrt. Wir bekamen Stroh in die Wagen. Furchtbar gedrängte Pennerei in und unter den Bänken.

31. XII .14.

1/2 1 bekamen wir Kaffee und Brot inHannoversch Münden. 7 Uhr morgens in Gießen. Wir aßen Erbsensuppe mit Fleisch. Lahntal, wunderbare Aussicht. Rhein überschritten bei Coblenz . Dann Moseltal ( Revolverschießerei)! Hinter Trier überschritten wir die Luxemburger Grenze. • 10 aßen wir Erbsensuppe in Stadt Luxemburg, die ein ganz deutsches Aussehn hatte. Um 12 wurde Neujahr gefeiert mit Gesang und einem Schuck Curaçao . Dann pennte ich ziemlich gut bis zum andern Morgen.

1. I .15.

Um 7 Uhr in Sedan Erbsensuppe bekommen. Stimmung war fi del. Die Gegend bekommt kriegsmäßiges Aussehn . Zerstörte Häuser, gesprengte Brücken, die langsam überfahren werden, und die verfaulten Garben der Ernte auf den Feldern. Viele Hauser stehen verlassen mit offenen Fenstern und Türen. Überall an der Strecke Landsturmmänner. Die verwilderten Felder bieten einen traurigen Anblick. Überall stehen verroste Erntemaschinen. Am Bahnhof Bazancourt stiegen wir aus. In der Ferne brummten die Geschütze. Wir sahen weit hinten zwei Shrapnellwölkchen , die sich in weißen Dampf auflösten. Dann fuhren wir noch einige Kilometer weiter. Wir stiegen aus und gingen zu Fuß nach Oranville . Dort übernachteten wir in einer großen Scheune und hörten auf das Gebrumm der Kanonen.

2. I .15.

Am nächsten Morgen wurden wir eingeteilt. Ich kam zur 9. Kompanie. Wir legten uns dann etwas in die Schule des Ortes. Plötzlich krachte es [2 -3 Buchstaben gestrichen, unlesbar] ziemlich in unsrer Nähe. Aus allen Häusern liefen die Soldaten auf die Straße. Dann pfiff es 3 Mal dicht über uns hinweg. Alles lachte und niemand lief, aber jeder senkte den Kopf. Wenige Augenblicke später wurden die ersten Getroffenen auf Zeltbahnen herangetragen. Der erste, den ich sah, war blut überstromt und rief ein heiseres ersticktes zu Hilfe, zu Hilfe. Dem Zweitem hing das Bein lose am Schenkel. Es waren 9 Mann getötet, darunter der Musikdirektor Gebhardt. Es wurde von Spionage gesprochen, da unser Dorf erst seit gestern befeuert wurde. Wir standen längere Zeit hinter einer Böschung am Dorf und gingen dann wieder hinein. Ich kam nach her am Portal des Schlosses vorbei. Eine Granate war in die linke Ecke eingeschlagen. Einige große Blutlachen röteten die Straße und am Pfeiler klebte Hirn. Die schwere Eisentür war oben zerfetzt und von c. 50 Stücken durchschlagen. Ein durlöcherter Helm und Feldmütze lagen darunter. Oben hing lustig ein Schild: „Zur Granatecke .” Wir blieben tagsüber im Dorfe und am Abend marschierten wir in Feuerstellung. Unser Weg führte uns durch ein völlig zerschossenes Dorf dann kamen wir auf die sogenannte Fasanerie, ein Gehöft, das die Reserve für die Schützengräben beherbergt. Dort hieß es „Laden und Sichern” und dann ging es weiter vor. Mindestens 20 Minuten ging es durch lange Verbindungsgräben. Rechts und links wären wüste Granatfelder, ein Sprengtrichter neben dem andern. Endlich waren wir am äußerstem Schützengraben. Teils lagen wir die Nacht über in den engen Erdlöchern, teils wachten wir bei den Gewehren. Geschossen wurde wenig, aber unaufhörlich. Einmal pfiff eine Kugel über unsre Köpfe. Drei Stunden mußte ich wachen, eine Vorposten stehn . Priepke machte einen Patrouillengang bis an das Drahtverhau des Feindes, um dort eine Ermunterung an Überläufer anzuheften. Ich hatte 2 Stunden Vorposten und 2 Stunden Grabenwache.

3. I .15.

Am Morgen holte ich Kaff ee von der Feldküche, die an die Fasanerie gefahren war. Dann schliefen wir in der Hauptstellung, einem Schützengraben, der hinter der Linie liegt. Der Graben, der vor uns lag wurde stark beschossen, die Granaten platzten 50 -100 m vor unsrer Stellung, ich ließ mich im Schlafe nicht stören. Am Abend bezogen wir wieder unsre Feuerstellung. Das Granatenhölzchen hinter uns erhielt einige Treffer der Fortgeschütze, wir sahen die Funken aus dem Zünder sprühen. Ein Offizierstellvertreter, ein Unteroffizier und ein Gefreiter gingen mit Gewehrgranaten vor, als sie die erste abschossen, explodierte sie vor der Mündung und verwundete alle 3, den Unteroffizier sehr schwer.

©Klett-Cotta Verlag©

Literaturangabe:

JÜNGER, ERNST: Kriegstagebuch 1914-1918. Hrsg. von Helmuth Kiesel. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2010. 655 S., 32,95 €.

Weblink

Klett-Cotta Verlag

 


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