Ob Bob Dylan Adorno kennt? Michael Gray, einem seiner einflussreichsten Deuter, sagte der Name Theodor W. Adorno bis zum Mai 2006 jedenfalls nichts, wie er damals vor dem Frankfurter Bob-Dylan-Kongress freimütig bekannte. Jener internationale Kongress am renommierten Frankfurter Institut für Sozialforschung wollte pünktlich zum 65. Geburtstag des Meisters „eine Brücke zwischen strenger Wissenschaft, Popkultur und Medien“ schlagen. Die „Ergebnisse“ – das sind die wesentlichen Referate nebst der Dokumentation der Abschlussdiskussion – sind nun in der Edition Suhrkamp erschienen. Die Tagung stand noch unter dem Motto „Bringing It All Back Home“. Die Herausgeber haben den Band nun schlicht „Bob Dylan. Ein Kongreß“ genannt. Mit Dylan und der Wissenschaft ist das nämlich so eine Sache.
„Es ist einfach Rockmusik“, sangen Tocotronic einmal über ihre Idole. Ganz so einfach wie die Musiker der Hamburger Schule macht es sich die Frankfurter Schule mit Bob Dylan nicht. Im Gegenteil. Die in dem Band versammelten Wissenschaftler fahren die halbe abendländische Philosophie auf, um den Meister zu erklären. Als da wären: Theodor W. Adorno, Augustinus, Roland Barthes, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Jacques Derrida, John Dewey, Umberto Eco, Harry G. Frankfurt, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Max Horkheimer, Sören Kierkegaard, Georg Lukács, Herbert Marcuse – um nur die Einträge im Literaturverzeichnis zu nennen. Die Beiträge bemühen aber auch Herder, Sartre, Habermas, Nietzsche, Canetti, Heidegger…
Eine hübsche Ahnengalerie, in die Bobby Dylan da eingemeindet werden soll. Bringing It All Back Home? Dylan würde diese Heimholung selbst wohl eher als Heimsuchung empfinden. Die diversen universitären und außeruniversitären Ehrungen, die er im Laufe seiner Karriere einheimste, ließ er anteilslos über sich ergehen. Zuweilen beleidigte er auch die Initiatoren. Mit der akademischen Welt hat der Musiker nichts am Hut. Entsprechend konnten sich die Deuter seines Werks, die sogenannten Dylanologen, bislang nur mit einer gewissen Selbstironie „Wissenschaftler“ nennen. Menschen, die so sonderliche Dinge taten, wie geheime Botschaften aus der Reihenfolge der Lieder auf Dylans Konzerten zu entschlüsseln. Spinnerte Käuze waren das, aber irgendwie liebenswert und keinem Denkmuster unterworfen.
Den Autoren von „Bob Dylan. Ein Kongreß“ geht es dagegen um seriöse Wissenschaft. Zunächst brauchen sie allerdings einige Seiten, um zu begründen, ob man einem Popkünstler wie Dylan überhaupt akademische Weihen angedeihen lassen darf. Dylan habe immer wieder vermocht, „die Grenzziehung zwischen Unterhaltungsmusik und sogenannter ernsthafter Kunst in Frage zu stellen“, heißt es in der Einleitung der Herausgeber. Und weiter: „In seinem Werk vollzieht sich die subversive Verwandlung der Rockmusik in eine besondere Form der autonomen Kunst.“ „Er hat die Trennung zwischen Hoch- und populärer Kultur aufgehoben und uns statt dessen die Kultur gegeben“, schreibt auch Susan Neiman in ihrem Beitrag. Diedrich Diedrichsen wird grundsätzlicher: „Popmusik ist ein seltsames Mischformat, das es in High- and Low-Versionen gibt, nicht eine Seite der High/Low-Unterscheidung.“
Um das Ganze auch höchstinstanzlich abzusichern, zitieren die Herausgeber schließlich aus einem Brief von Adorno an Walter Benjamin, in dem Adorno bekennt, dass auch die autonome Kunst in Wirklichkeit „Wundmale des Kapitalismus“ enthalte. Wenn also Adorno selbst seine Entgegensetzung von Kulturindustrie und autonomer Kunst von oben her abschwächt, könnten dann nicht auch „in Produkten der Massenkultur Möglichkeiten eines autonomen künstlerischen Gestaltens“ vorhanden sein? Die Antwort der Herausgeber lautet natürlich: ja. Ja, man darf sich mit einem Popkünstler wie Bob Dylan ernsthaft beschäftigen. Solcherlei verkrampfte Selbstvergewisserung brauchen Professoren offenbar, um sich hinterher zu rühmen, keine Berührungsängste zu kennen.
Das hier angerissene Thema „Rock als autonome Kunst“ bildet einen der drei Hauptabschnitte, in die der Band gegliedert ist. In den entsprechenden Aufsätzen geht es um die verkannten Country- und Gospelausflüge Dylans (Richard Klein) oder um Popmusikalben als ästhetische Einheiten (Betsy Bowden). Diese Einzelinterpretationen folgen dem Abschnitt „Zeit und geschichtliche Erfahrung“, in dem insbesondere der Beitrag von Mitherausgeber, Habermas-Schüler und Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Axel Honneth, über Erfahrungen der Freiheit bei Dylan herausragt. Im besten Sinne der autonomen Kunsttheorie zieht die Freiheitserfahrung sich als ein großes Thema durch das Buch. Die Aufsätze des dritten Hauptabschnitts wenden sich dagegen hauptsächlich den „Masken der Verweigerung“ zu, einem Grundmotiv bei Dylan. Leider finden sich – anders als vom Verlag angekündigt – die Beiträge von Michael Gray und Klaus Theweleit nicht in dem Band.
Die Lektüre der Essays lohnt mit wenigen Ausnahmen. Der Intellektualismus der Autoren wirkt allerdings mitunter angestrengt, ja aufgesetzt. In allzu affektierten Sprachkonstruktionen wollen sie ihres Gegenstandes habhaft werden – und entfernen sich tatsächlich von ihm. Wissenschaft ist in Deutschland eine ernste und trockene Angelegenheit. Humor scheint nur einmal durch: bei Tilo Wesche, der seinen „Wenn ein Bär heult, dann erzählt er wirklich was“ betitelten Beitrag dem „Problembären“ Bruno widmet. Ansonsten verzichten die Autoren weitestgehend darauf, abseits der verstandesmäßigen Durchdringung von Dylans Werk das popkulturelle Umfeld oder gar die persönliche Faszination an Dylans Musik in ihre Betrachtungen mit einzubeziehen. Einen Bezug zu ihrem eigenen Leben stellt bezeichnenderweise nur Susan Neiman her – eine Amerikanerin, die damit noch für die alte Schule der Dylanologie steht.
Dass die Dylanologen nun ernst machen mit der Kanonisierung des „Song and Dance Man“, dass Dylan nun „versuhrkampt und musealisiert“ (Willi Winkler) wird, mag einige Kritiker verstimmen. Doch, Adorno hin, Adorno her, der Band enthält einige sehr kluge Gedanken. Schade jedoch, dass die Autoren allzu sehr in esoterisch-theoretischen Analysen verharren, dass sie auf die Wirkung, auf das mediale und soziale Umfeld von Dylans Kunst wenig eingehen. Die Lebenswelt der Dylan-Fans – und das werden die Leser dieses Bandes sein – berühren sie so kaum. Die versprochene Brücke zwischen Wissenschaft und Popkultur, zu der eben diese soziale Dimension notwendig gehört, baut der Band nur selten. Für reichlich Futter, um sich weiter über den Barden auszutauschen, reicht es für die Dylan-Gemeinde aber allemal. Und das auf intellektuell höchstem Niveau.
Literaturangaben:
HONNETH, AXEL / KEMPER, PETER / KLEIN, RICHARD (Hrsg.): Bob Dylan. Ein Kongreß. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 345 S., 12 €.
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