Die Pest, der „Schwarze Tod“, erreicht 1348 England. Es gibt keinen Schutz, kein Entrinnen. Den Menschen ist in ihrer Verzweiflung alles recht, was Hilfe oder wenigstens ein bisschen Ablenkung von dem Grauen verheißen könnte. Und so ist dies auch die Zeit der Scharlatane, Heilerinnen, Runenleger, Wahrsager und Gaukler: Camelot ist einer von ihnen, ein Händler, der Wasser aus dem Jordan verkauft oder Knochen der Heiligen Bridget, möge es helfen, wofür auch immer. Auf der Flucht vor der Pest zieht er nach Norden.
Ihm schließen sich in Karen Maitlands historischem Roman „Der Fluch der Gaukler“ wie in Grimms Märchen von der Goldenen Gans nach und nach die Protagonisten der Handlung an. Jeder mit seiner eigenen geheimnisvollen Geschichte, von ganz unterschiedlichem Temperament, alle nur von der Gewissheit zusammengehalten, dass sie gemeinsam eine größere Chance zum Überleben haben.
Da ist die geheimnisvolle Narigorm, mit Haaren wie Raureif, die die Runen zu deuten vermag. Da sind Adela und Osmond, das junge Paar, das ein Kind erwartet, der Musiker Rodrigo und sein Schüler Jofre, oder Zophiel, der Judenhasser, der einen Wagen und ein Pferd hat und nach Irland will, wohin die Pest noch nicht gelangt ist. Sie werden eine eingeschworene Notgemeinschaft, vereint in ihrem Wunsch zu überleben, auch wenn es unter ihnen gärt. Ihr Weg nach Osten zur Küste—so will es Narigorm—führt sie in verlassene Kantoreien, Klöster, Dörfer, immer begleitet von den „Wölfen“, echten, Werwölfen oder Fantasmagorien. Die Grenze zwischen Aberglauben und der Wirklichkeit verwischt. Nach und nach erzählen alle neun ihre Geschichte, keiner ist, was er vorgibt zu sein, und Narigorm mit ihren Runen manipuliert sie alle.
Maitland mischt geschickt historisch Überliefertes mit märchenhaften Elementen: Um den Zorn Gottes abzuwenden, wird die „Krüppelhochzeit“ gefeiert, für die zwei bedauernswerte Kreaturen herhalten müssen. Ablassprediger drohen mit dem Pesttod und dem ewigen Fegerfeuer, wenn die Menschen ihnen nichts abkaufen. Männer des Bischofs bezichtigen die Juden, schuld an der Heimsuchung zu sein, und zwingen einen Verdächtigen, Schweinefleisch zu essen, um seine religiöse Gesinnung zu beweisen. Bei diesen rätselhaften Gestalten nimmt den Leser nicht Wunder, dass Cygnus, einem der Neun, statt eines zweiten Armes ein Schwanenflügel wächst, und Pleasance, die Heilerin und Hebamme, einstmals von Dämonen gezwungen wurde, einem Wolf beim Entbinden zu helfen.
Man folgt den Reisenden und ihren Geschichten voller Spannung, fühlt Abscheu gegen den skrupellosen Zophiel, der voller Vorurteile steckt, fiebert mit dem jungen Paar der Geburt seines Kindes entgegen, ist entsetzt über den grausamen Tode einiger der Reisenden. Mit großer Sensibilität beschreibt die Autorin, wie Jofre an seiner Homosexualität und an der erbarmungslosen Reaktion der Umwelt darauf leidet. Spannend auch, wie Maitland die Symbolik des Runenlesens erklärt, faszinierend ihre reiche Kenntnis über Heilkräuter. Die Geschichten der Neun und das Geheimnis von Camelot, das das Ende des Buches mit einem letzten Paukenschlag einläutet, sind mitreißend geschrieben. Maitland hat einen echten Schmöker verfasst, Geschichtsunterricht inklusive.
Literaturangabe:
MAITLAND, KAREN: Der Fluch der Gaukler. Übersetz aus dem Englischen von Karin König. Scherz Verlag, Frankfurt 2009. 525 S., 19,95 €.
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