PRAG/LIBLICE (BLK) – Das literarische Werk von Franz Kafka (1883-1924) hat nach Ansicht von Experten auch im 21. Jahrhundert nichts von seiner Strahlkraft und Aktualität verloren. „Wie Kafka Ängste und Bedrohungen auf das Papier brachte, ist zeitlos und sucht seinesgleichen“, sagte der Heidelberger Literaturprofessor Roland Reuß am Sonntag (26. Oktober 2008) im Gespräch mit der deutschen Presse-Agentur dpa. „Kafka protokollierte jede psychische Facette, jede Körperregung“, sagte Reuß zum Abschluss einer international besetzten Kafka-Konferenz im tschechischen Liblice.
„In der Bundesrepublik suchen die Leser nach den geheimen Botschaften in Kafkas Büchern“, sagte Reuß. „In Tschechien, aber auch in anderen osteuropäischen Staaten, hat man Kafka viel direkter verstanden.“ Wenn etwa Kafkas Hauptfigur in „Der Prozess“, Josef K., unschuldig verhaftet wird, assoziiere man dies im ehemaligen Ostblock direkt mit dem System der kommunistischen Sicherheitspolizei während der Stalin-Ära. „Viele tschechische Intellektuelle haben selbst solche Erfahrungen gemacht“, sagte Reuß.
Bei der Konferenz unter dem Titel „Kafka und die Macht“ trafen sich rund 80 Literatur- und Geschichtsexperten. Das Symposium war von Reuß und Oldrich Tuma, Direktor des Prager Instituts für Zeitgeschichte, initiiert und im Rahmen des deutsch-tschechischen Kulturprojekts ZIPP durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert worden. Anknüpfen wollte man an die berühmt gewordenen Kafka-Konferenz in Liblice aus dem Jahr 1963.
„Die Konferenz 1963 war eine Art Lackmus-Test“, sagte Reuß. Das damalige Treffen sei von der kommunistischen Führung der Tschechoslowakei argwöhnisch beobachtet worden. Zeitzeugen hätten die Konferenz als einen „geistigen Aufbruch“ in Erinnerung, der bis 1968 eine Basis für die Reformbewegung „Prager Frühling“ bildete. „Ein direkter Einfluss Kafkas auf die Politik ist aber schwer nachzuweisen“, fasste Reuß zusammen.
(Gespräch: Jakob Lemke, dpa / bah)