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Jurek Beckers Briefe

Aller Welt Freund

© Die Berliner Literaturkritik, 28.01.12

Diese Rezension und der kurze einleitende Vortext erschien am 20. Januar 2006 erstmals in diesem Literaturmagazin.

 

Der Rezensionsbetrieb folgt dem Publikationsrhythmus der Verlage – beide gehorchen mehr oder minder besinnungslos jenem Verwertungsgesetz des eingesetzten Kapitals, das den eiligen Umschlag erheischt: was nicht in wenigen Monaten den „Einsatz“ wieder hereinbringt, verschwindet zuerst aus der Werbung der Verlage, dann von den Tischen der Buchhändler: Es wandert bei diesen ins Regal, bei jenen in die „backlist“, die mit den Jahren auch bei angesehenen Häusern immer kürzer geworden ist. Der Rest landet im „modernen Antiquariat“, einer der Institutionen, die schon in ihrem Begriff eine absurde Beschleunigung anzeigen, die der Literatur das Atmen schwer macht. Heute über Bücher zu schreiben, die bereits vor mehr als einem Jahr erschienen sind, das hat etwas unziemlich Altmodisches. Gleichwohl sollte man es von Zeit zu Zeit nicht scheuen, etwa, wenn man aus dem Stapel des Liegengebliebenen ohne andere Begründung als der einer flüchtigen Neugier zu lesen beginnt, plötzlich gefesselt wird, nicht mehr aufhören kann und sich fragt, warum man so lange damit gewartet hat. Auf solche Bücher werden unsere Autoren zuweilen eingehen. Wir beginnen mit zweien von Jurek Becker, die Roland H. Wiegenstein rezensiert. (Die Redaktion)

 

Von Roland H. Wiegenstein

Es sind zwei Bände: die von seiner Frau gesammelten „Briefe“ und die von Trude Trunk herausgegebenen „Postkarten an seinen Sohn Jonathan“. Jurek Becker ist 1997, nicht einmal sechzig Jahre alt, an Krebs gestorben. Die meisten seiner Romane und Erzählungen sind immerhin noch in der „backlist“ oder als Taschenbücher greifbar, sein Erstling von 1968 „Jakob der Lügner“ hat es (auszugsweise) bis in die Schulbücher geschafft und gehört als eine düstere Schelmengeschichte in die Reihe der Zeugnisse aus der unmittelbaren Erfahrung mit Konzentrationslager und Judenvernichtung, die langsam überwuchert werden von den fiktiven Geschichten derer, die nicht dabei waren. (Nichts ist im Lauf der Historisierung der geschehenen Geschichte vor der Literatur gefeit, die Adornos Verdikt, nach Auschwitz könne man kein Gedicht mehr schreiben, einfach beiseite geschoben hat.) Jurek Becker war dabei (wie Primo Levi, wie Imre Kertész): von 1940 bis 1945 wurde das 1937 geborene Kind durch viele Lager geschleift und nur wie durch ein Wunder gerettet, ein Kind ohne andere Sprache als die gebellten Befehle der Henker und die geflüsterten Worte der Älteren, die untereinander Polnisch sprachen oder Jiddisch. Die Sprache seiner Prosa hat er mühsam lernen müssen, er war schon neun Jahre alt, als er damit ernsthaft begann. Die Skrupel dieser „Vatersprache“ gegenüber (sein Vater hatte darauf bestanden, dass der Sohn sie lernte), hat ihn sein Leben lang begleitet, noch die Postkarten, die er von 1992 an seinem erst 1990 geborenen dritten Sohn Jonathan geschrieben hat, wurden oft vorher in Skizzen entworfen, obwohl doch die in aller Regel wenigen Zeilen nichts anderes im Sinn hatten, als das Kind Johnny, nicht bloß mit immer neuen, phantasievollen Anreden - etwa „alter Blaubeerkuchen“, oder „liebe Apfelnudel“, oder „liebe Aprikosenwurst“ - und sorgfältig ausgesuchten Postkartenbildern (Becker kaufte sie allerorten, hortete sie) sondern durch die Texte, die man ihm, der noch nicht lesen konnte, vorlas, zum Lachen zu bringen und durch dieses Lachen die enge Verbindung zu bewahren zwischen dem geliebten Spätgeborenen und seinem abwesenden Vater. Jurek Becker war viel unterwegs in den Jahren von 1992 bis 1997.

Bewegtes Leben

Zwanzig Jahre früher hatte er mit einem Dauervisum die DDR verlassen, und war dann von Jahr zu Jahr frenetischer gereist; je berühmter er wurde, desto mehr Einladungen bekam er – und nahm sie an: in die USA (oft), nach Lateinamerika, nach Indien, in europäische Länder: er lehrte an Universitäten, las in Goethe-Instituten aus seinen Büchern vor – er holte die Welt nach, die ihm zu lange verschlossen geblieben war. Jonathan sollte davon wissen, und auch dies: dass derselbe unermüdliche Reisende sich immer wieder in die Einsamkeit zurückzog, in ein abgeschottetes Zimmer, in ein Haus im nördlichsten Schleswig-Holstein. Wenn er seine Bücher schrieb, konnte er keine Störung brauchen, und sei es die durch ein lebhaftes Kind. Das musste sich dann mit den Postkarten von überall her und den Geschenken begnügen, die der Vater verschwenderisch (und doch mit pädagogischem Bedacht) auswählte – bis er ihn wieder hatte, den geliebten Kumpan kindlicher Spiele. Und so komisch all diese Texte auch sein mögen, sie sind sichtlich darauf gerichtet, das kleine Kind zum Selber- und Weiterdenken anzuregen, mit des Vaters Zeilen und den Bildern von Tieren und Eisenbahnen, Autos und Comic-Figuren, deren Auswahl mit einigen „Babars“ begann, aus den wunderbaren Kindergeschichten von Laurent de Brunhoff, die alle von dem Elefanten „Babar“ handeln. Später hat der umsichtige Vater auch Abbildungen von Kunstwerken geschickt, von Kandinsky, Miró, Léger etwa, stark farbige Abbildungen, Erziehung aus der Ferne. Aber vor allem doch: Lachanlässe für den Kleinen und witzige, überraschende Volten für die Erwachsenen. Denn er hat auch Freunden solche Karten geschrieben.

Briefe und Postkarten

Sie sind das erheiternde Pendant zu den „Briefen“, deren Auswahl von 1969 bis zu seinem Tode reicht. Was bei ihrer Lektüre unübersehbar ist: Er war – wie es einer seiner Titel sagt - „Aller Welt Freund“, mindestens des Teils der Welt, die er kannte – und anerkannte. Seine Begabung für Freundschaften muss immens gewesen sein, schon nach Wochen wechselt er bei vielen Adressaten vom förmlichen „Sie“ zum vertraulichen „Du“, ohne dass dies je als Anbiederung hätte verstanden werden können: Er suchte die Nähe derer, denen er schrieb (häufig auch nachdem er an Konzepten zu den Briefen gefeilt hatte: Selbst das Spontane verdankte sich der Arbeit, das richtige Wort, den richtigen Satz zu finden, das, was sich nun liest, als wäre es selbstverständlich). Er konnte ohne jede falschen Zungenschlag beteuern, dass er jemand liebe, Freunde und Freundinnen, Lektoren und Autorenkollegen, zu vermuten steht, er sei ein ungemein erfreulicher, anderen zugewandter Zeitgenosse gewesen.

Dieser in seiner Prosa Einsame, der so viele einsame Helden geschaffen hat, war ein geselliger Mensch, einer, der auf andere zuging, sie unterhielt, mit Geschichten und Stimmungen, kleinen Anekdoten und gar zierlich formulierten Zusagen zu Veranstaltungen und nicht weniger graziösen Absagen, wenn es ihm nicht in den Kram passte, gestört zu werden. Die Absagen werden mit der Zeit häufiger, den höflichen Ton behält er bei; er hält auf Formen. Was ihn nicht daran hinderte, sich bestimmt zur Wehr zu setzen, wenn er sich zurückgesetzt, übergangen, missverstanden fühlte. Lange hat er dem Land, in dem er aufgewachsen war, die Stange gehalten, dessen Versprechungen geglaubt und ihm zwei Jahre freiwillig bei der Kasernierten Volkspolizei gedient (gewiss auch, weil seine Regierung ihn nach dem Abitur nicht zum Germanistikstudium hatte zulassen wollen, aber wohl doch nicht nur deshalb: Er wollte die Probe aufs Exempel), als der „Sozialist“, als den er sich verstand, und sich entschieden von ihm abgewendet, als sich die Versprechungen des Staats, der DDR, als Lügen erwiesen. Was es mit Lügen auf sich hatte, das wusste er, die meisten waren nicht gnädig, wie die seines Jakobs, sondern menschenverachtend: Das Experiment war gescheitert, der lange sprachlos Gebliebene sagte es zuerst in seinen Büchern, um deren Veröffentlichung er stets kämpfen musste, dann den Oberen: Er wollte weg aus ihrem Staat, er wollte es offiziell, sich wegzustehlen war seine Sache nicht. Entschiedenheit vertrug sich sehr wohl mit Öffentlichkeit.

Grimmiger Humor

In den Briefen, die davon handeln, spielt – wie in den Romanen, den Erzählungen – stets auch die Melancholie des Vergeblichen eine Rolle, ein grimmiger Humor, mit dem er den Mächtigen der SED den Bettel vor die Füße wirft: höflich aber bestimmt.

Jenen Kritikern, die ihm seinerzeit vorwarfen, er habe sich vom „Realismus“ nie zu lösen vermocht, sei also nicht wirklich in der „Moderne“ angekommen, widerstand er ebenso wie jenen, die eben von diesem Realismus, nichts wissen wollten, weil er zu realistisch war, sie bloßstellte…

Erinnerung an den Märchenerzähler

In anderen Zeiten, anderen Zonen wäre er vielleicht ein Märchenerzähler von orientalischer Phantasie geworden: Zu seinen Lebzeiten musste er die Welt, wie sie war, aufnehmen in seine Bücher, seine Briefe. Und ihm, der sehr wohl wusste, dass auch Schriftsteller essen müssen, also Honorare brauchen, gelang das Kunststück, in Filmen und Fernsehserien, vor allem den Folgen von „Liebling Kreuzberg“, dem einsamen Höhepunkt der TV-Unterhaltung in Deutschland, die anarchische Fröhlichkeit seines Freundes Manfred Krug, die Komik des Serienpersonals einzubringen in eine wie ein Subtext darunter laufende, dringliche Unterhaltung darüber, was Gerechtigkeit sein könnte, und wenn sie denn nur durchs Unterlaufen der Vorschriften oder ihre geschickte Übertölpelung herzustellen war: Gerechtigkeit für die kleinen Leute, die kaum je besser waren, als die, die sie bedrängten, nur schutzloser.

Wer heute diese Briefe liest, der erinnert sich an die Fernsehserien, die Filme, die Romane und Geschichten – und wenn er sich nicht erinnert, fühlt er sich gehalten, seinem Gedächtnis aufzuhelfen und nähere Bekanntschaft mit einem Autor zu machen, der die Mühen des Schreibens hinter dem Paravent von Witz und (meist sanfter) Ironie versteckte, dessen Melancholie Freundschaft kreierte und der über eine Tugend verfügte, die heutzutage auszusterben droht: Anstand.

 

 

Literaturangaben:
BECKER, JUREK: Lieber Johnny. Postkarten an seinen Sohn Jonathan. Ullstein Verlag, Berlin 2004. 175 S., 20,- €.
BECKER, JUREK: Ihr Unvergleichlichen. Briefe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 443 S., 24,80 €.

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