HAMBURG (BLK) - Im September 2009 hat der Verlag Hoffmann und Campe Matthias Polityckis „Jenseitsnovelle“ herausgegeben.
Klappentext: Hinrich Schepp ist unter die Sehenden geraten. Nach Jahrzehnten starker Kurzsichtigkeit möchte er nun endlich auch den Frauen und ihrer grandiosen Unbegreiflichkeit auf den Grund kommen. Umso mehr, als er in seiner Stammkneipe eine verführerische Schönheit an der Bar beobachtet, die – für einen Schepp entsetzlich verwerflich und glücksverheißend zugleich – von ihrer Begleiterin erst geküßt, dann sogar in den Hals gebissen wird. Sein Leben gerät endgültig in Schieflage, als ebenjene Frau wenig später in seiner Kneipe wieder auftaucht – als Bedienung. Aber was hat das alles mit den Notizen seiner Frau Doro zu tun, die er eines Morgens auf dem Schreibtisch findet? Und was mit dem dunklen kalten See, in den die frisch Verstorbenen laut Doro alle hineinmüssen, um darin ein zweites Mal zu sterben?
Matthias Politycki, 1955 geboren, lebt in Hamburg und München. Der „Grandseigneur unserer Literatur“ (Der Tagesspiegel) zählt zu den renommiertesten Vertretern deutscher Gegenwartsliteratur. Er hat Romane, Erzählungen, Essays und Gedichte veröffentlicht, darunter den „Weiberroman“ (1997) und den Schelmenroman „In 180 Tagen um die Welt“ (2007). Sein Werk bei Hoffmann und Campe umfasst bislang „Das Schweigen am andern Ende des Rüssels“ (Erzählungen, 2001), „Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe. 66 Gedichte“ (2003), „Frauen. Naja. Schwierig“. (Hörbuch, 2005), seinen großen Kuba-Roman „Herr der Hörner“ (2005), „Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft“ (Essays, 2007) und zuletzt „Die Sekunden danach. 88 Gedichte“ (2009). (jos)
©Verlag Hoffmann und Campe©
Leseprobe:
Wenn nur der Geruch nicht gewesen wäre! Als ob Doro vergessen hatte, das Blumenwasser zu wechseln, als ob die Stengel über Nacht zu faulen angefangen hatten und der Luft nun ein süßsaures Nebenaroma beimischten. Schepp witterte es auf der Stelle, dieses dezent Andere, das ihn inmitten des Gewohnten erwartete und den Morgen auf eine zarte Weise in Schräglage brachte. Vom gegenüberliegenden Ende seines Zimmers flutete freilich auch heute der Herbst herein und verwandelte jeden Gegenstand in etwas gelbgold oder rotbraun Schimmerndes – die Chaiselongue im Eck ein einziger zerlaufener Farbfleck –, man würde ein Fenster aufmachen müssen, um all das Licht wieder hinauszulassen, später. Schepp stand, blinzelte in seine sanft ihn umfließende Welt aus Stuckleisten- und Tapetenornamenten, Bücherwänden, seidenbezogenen Sitzmöbeln; indem er dem Verlauf der Haare quer über die Glatze hinterhertastete, durfte er sich versichern, daß er ein glücklicher Mensch war.
Nicht zuletzt im Hinblick auf Doro, deren hochgestecktes Haar er über der Lehne des Schreibtischsessels ausgemacht hatte, ein schwarzsilbern changierender Klecks, seitlich versetzt auch ein Stück des Kimonos, den sie so gern trug, wenn sie auf seinem Platz saß und korrigierte, was er am Vortag geschrieben. Jedenfalls seitdem die Kinder aus dem Haus waren, schließlich hatte sie ein wenig zurück in ihren Beruf finden wollen; und ihm war es gerade recht gewesen, ging er doch nicht nur spät zu Bett, sondern stand entsprechend spät am Vormittag auf. Wenn Doro dann überm Korrigieren wieder eingeschlafen war und sich so schräg zwischen Tisch und Sessel festgeklemmt hatte wie heute, schüttelte er nicht selten den Kopf, weil er all das mit Worten gar nicht hätte fassen können.
Aber merkwürdig, so regelmäßig er sie früher hier gefunden, seit seiner Operation hatte er doch so gut wie nichts mehr geschrieben, gab es eigentlich auch nichts mehr zu korrigieren? Ich träume ja noch, redete er sich ein, als er seine Schritte sachte ins Fischgrätmuster des Parketts hineinsetzte, der Sonne und dem Schreibtisch und Doro und der Bodenvase mit den faulenden Gladiolen entgegen.
©Verlag Hoffmann und Campe©
Literaturangabe:
POLITYCKI, MATTHIAS: Jenseitsnovelle. Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg 2009. 128 S., 15,95 Euro.
Weblink: