Immer mit dem Strom

Manipulation im Medienzeitalter

© Die Berliner Literaturkritik, 12.07.11

MÜNCHEN (BLK) – Im Mai 2011 ist bei Knaus „Mainstream – Wie funktioniert, was allen gefällt“ von Frédéric Martel erschienen. Übersetzt haben Elsbeth Ranke und Ursel Schäfer.

Klappentext: Wer beherrscht unsere Köpfe und warum? – Eine faszinierende Expedition zu den Mächtigen des Kulturbetriebs. Avatar, Stieg Larsson, Google, Michael Jackson – wie funktioniert die Kultur der Massen und wer macht sie? Was gefällt allen, überall auf der Welt? Und warum? Es geht in diesem Report über die weltweite Kulturindustrie um ein Billionengeschäft. Es geht aber auch um die Herrschaft über Worte, Bilder, Träume und Weltanschauungen. Fünf Jahre reiste der Medienforscher Frédéric Martel auf allen Kontinenten, befragte in 1250 Interviews die Mitwirkenden der Kreativindustrien von 30 Ländern. Auf der Suche nach Gewinnern und Verlierern begleitet ihn der Leser in die Kapitalen des Entertainment, nach Hollywood und Bollywood, zu TV Globo nach Brasilien, zu Sony, Al Jazeera, Televisa, in ägyptische Multiplexkinos, die Kleinstädten gleichen, zu Kellnern in L.A., aus denen Weltstars wurden, und zu Julliard-School-Absolventen, die kellnern. Noch beherrscht Amerika den globalen Markt, doch deutlich dringt aus den Medienkonzernen in Mumbai, Shanghai, Seoul, Rio und Dubai der Schlachtruf: „Wir haben ein Milliardenpublikum, wir haben Geld, wir werden es Hollywood zeigen.“ Dagegen spielen europäische Filme, Bücher, Musik eine immer geringere Rolle, da wir in Europa unsere elitäre Position, die auf Massenkultur hinunterschaut, nicht aufgeben wollen. Wir brauchen uns daher nicht zu wundern, wenn wir den Krieg um Werte, Bilder und die Inhalte in den Köpfen der Menschen verlieren. Provozierende These: Will Europa ein internationaler Player sein, braucht es mehr Mainstream.

Der 1967 geborene Franzose Frédéric Martel ist studierter Soziologe und Politikwissenschaftler. Unter anderem war er jahrelang als politischer Berater tätig und arbeitete auch für die französische Botschaft in Bukarest. Er publizierte bereits mehrere Arbeiten und ist auch als Journalist aktiv.

 

Leseprobe:

©Knaus©

Vorwort

Man kann sich keinen Ort vorstellen, der weniger in den „Mainstream“ passt als der Harvard Faculty Club. Dieses Restaurant, zu dem nur Dozenten Zugang haben, liegt auf dem Campus der renommierten Harvard University in Massachusetts, USA. Einst Lebte hier der Schriftsteller Henry James, und noch heute Atmet das Haus denselben protestantischen, männlichen, weißen Geist, herrschen Puritanismus und karge Kost (man isst im Harvard Faculty Club nicht besonders gut); jetzt sind hier die gepflegten Unterhaltungen der Harvard-Professoren zu hören. An einem weiß gedeckten Tisch sitze ich Samuel Huntington gegenüber. In den Jahren, die ich in den USA verbrachte, unter anderem mit der Recherche für dieses Buch, bin ich Huntington mehrmals begegnet. Sein umstrittenes Buch Kampf der Kulturen kreist um die These, die Kulturen führten heute Auseinandersetzungen um Werte und erklärte Identität und nicht mehr nur zur Verteidigung ihrer Interessen. Es ist darin vom Westen und dem „Rest der Welt“ die Rede, vom geeinten Westen im Gegensatz zu den anderen Ländern, den nicht-westlichen Staaten in ihrer Pluralität. Insbesondere konstatiert Huntington das Scheitern der Demokratisierung in den arabischen Ländern, für das er den Islam Verantwortlich macht. Bei unserem Essen in Harvard befrage ich Huntington zu seiner großen Theorie, zur Massenkultur und zur veränderten Weltordnung nach dem 11. September. Zögernd gibt er mir ein paar banale Antworten, offenbar hat er zur globalisierten Kultur nichts zu sagen; dann fragt er mich – diese Frage stellt einem in den USA jeder –, wo ich am 11. September war. Ich erzähle, dass ich an jenem Morgen im Flughafen von Boston war, genau zu der Zeit, als die zehn Terroristen für die American Airlines 11 und die United Airlines 175 eincheckten, die wenige Minuten später in die Türme des World Trade Centers rasen sollten. Der alte Herr – er ist 80 – wird nachdenklich. Der 11. September war für die USA ein Albtraum, für Huntington aber zugleich die Weihestunde, denn seine Thesen über den weltweiten Kulturkrieg erschienen Plötzlich geradezu prophetisch. Ich habe das Gefühl, er döst gegen Ende des Essens ein (wenige Monate nach unseren Gesprächen starb er). Schweigend Betrachte ich die großen Gemälde an den Wänden des Clubs. Ich frage mich, wie dieser elitäre Mann, ein Priester der Hochkultur, die Mechanismen des Kulturkampfs begreifen konnte. Hat er auch nur einmal Desperate Housewives gesehen? Ich wage nicht, ihm diese Frage zu stellen; Samuel Huntington Würde sich in seiner puritanischen Rigidität wohl kaum auf simples „Entertainment“ einlassen. Genau davon aber handelt dieses Buch.

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   Einige Wochen später sitze ich im Büro von Joseph Nye, damals Präsident der Kennedy School, der Hochschule für Politikwissenschaft und Diplomatie in Harvard. Der ehemalige Vize von Bill Clintons Verteidigungsminister, mit 70 noch vor Energie strotzend, engagiert sich ebenfalls im Welt-Kulturkampf. Doch während Huntingtons Thesen die Bush-Ära vorbereiteten, verkündeten Nyes die Diplomatie Obamas. Nye unterstrich die „komplexen Interdependenzen“ zwischenstaatlicher Beziehungen in einer Zeit der Globalisierung und entwickelte den Begriff „soft power“: Um internationalen Einfluss auszuüben und das eigene Image aufzubessern, müssten die USA ihre Kultur einsetzen und nicht nur ihre militärische, wirtschaftliche und industrielle Macht („hard power“). „Soft power ist Attraktion, nicht Zwang“, erklärt mir Joe Nye in seinem Büro. „Und die amerikanische Kultur liegt im Kern dieser Einflussmacht, egal ob ‚high’ oder ‚low culture’, ob Kunst oder Entertainment, ob Harvard oder Hollywood.“ Zur „soft power“ zählt er auch die Einflussnahme über Werte wie Freiheit, Demokratie, Individualismus, Pluralismus der Presse, soziale Mobilität, Marktwirtschaft und das Modell der Integration von Minderheiten in den USA. Auch dank der juristischen Regulierung, dank Copyright kann die „power“ „soft“ sein. „Außerdem verstärken heute das Internet, Google, YouTube, MySpace und Facebook unseren Einfluss auf der ganzen Welt.“

   Bei all ihrer Gegensätzlichkeit – treffen diese Berühmten Theorien von Huntington und Nye wirklich den Kern der Sache? Stehen die Kulturen unwiderrufbar in einem Weltkrieg um Inhalte oder tauschen sie sich mehr aus, als man meinen möchte? Warum beherrscht das amerikanische Modell des Massenentertainments die Welt? Ist dieses Modell genuin amerikanisch und lässt es sich anderswo reproduzieren? Wie sieht die Gegenbewegung aus? Wie verbreiten sich Inhalte um die Welt? Gibt es kulturelle Vielfalt, die zentrale Ideologie der Globalisierung, wirklich oder handelt es sich um eine Falle, die der Westen sich selbst gestellt hat? Um diese Fragen zur Geopolitik der Kultur und der Medien kreist dieses Buch.

  Juhu Beach in der indischen Metropole Mumbai, dem einstigen Bombay. Amit Khanna, Chef von Reliance Entertainment, einem der mächtigsten indischen Konzerne für Film- und Fernsehproduktion (er hat kürzlich einen Teil von Steven Spielbergs Studio DreamWorks aufgekauft), erklärt mir die Strategie der Inder: „Hier leben 1,2 Milliarden Menschen. Wir haben Geld. Wir haben Erfahrung. Zusammen mit Südostasien stellen wir ein Viertel der Weltbevölkerung, mit China ein Drittel. Wir wollen eine Zentrale Rolle spielen, politisch, wirtschaftlich, aber auch kulturell. Wir glauben an den Weltmarkt, wir besitzen Werte, indische Werte, für die wir einstehen wollen. Wir werden Hollywood Auf seinem eigenen Terrain herausfordern. Nicht nur um Geld zu verdienen, sondern um unsere Werte zu verteidigen. Und ich bin fest überzeugt, dass uns das gelingen kann. Mit uns wird man rechnen müssen.“

   Wenige Monate später treffe ich in Ägypten, im Libanon und am Golf die Manager des Rotana-Konzerns. Rotana, eine Gründung des saudischen Milliardärs Al Waleed, möchte Eine arabische Kultur schaffen: Die Zentrale sitzt in Riad, die Musikproduktion in Beirut, die Filmabteilung in Kairo und die Fernsehstudios sind in Dubai. Auch dieser Konzern verfolgt Eine kulturelle Strategie, will Werte und eine Weltanschauung verteidigen. Stützen kann er sich auf die Dollarmilliarden aus Saudi-Arabien und auf ein potenzielles Publikum von etwa 350 Millionen Arabern (wenn man alle Muslime in Süd- und Südostasien einschließt, wären es sogar 1,5 Milliarden). „Wir werden Uns dieser Schlacht stellen“, bestätigen mir die Chefs des Konzerns. Auf einer anderen Reise treffe ich im 19. Stock eines Hongkonger Hochhauses den kommunistischen Manager Peter Lam, der die Geschicke des Konzerns eSun bestimmt, ein Kino- und Musikmagnat im kontinentalen China und in Hongkong. „Wir haben 1,3 Milliarden Chinesen; wir haben Geld; wir haben die dynamischste Wirtschaft der Welt; wir haben Erfahrung: Wir werden die internationalen Märkte erobern und Hollywood Konkurrenz machen können. Wir werden das chinesische Disney.“

   In den Chefetagen von TV Globo in Rio de Janeiro, am Sitz des Weltkonzerns Sony in Tokio, bei Televisa in Mexiko und bei Telesur in Caracas, in der Zentrale von Al Dschasira in Katar, bei den Chefs des führenden indonesischen Fernsehkonzerns in Jakarta, in den Zentralen von China Media Film und von Shanghai Media Group – überall habe ich in den fünf Jahren Dieser Recherche Ähnliche Aussagen gehört. In China, Indien und Mexiko wird heute durchschnittlich jeden Tag ein neuer Multiplexkinosaal eröffnet. Über die Hälfte aller Abonnenten von Pay-TV sind inzwischen Asiaten. Der kulturelle Weltkrieg ist unbestreitbar Wirklichkeit. Die neuen Riesen in der Weltwirtschaft – China, Indien, Brasilien, aber auch Indonesien, Ägypten, Mexiko, Russland – produzieren auch immer mehr Information und Unterhaltung, und allmählich gewinnen diese neuen globalen Inhaltsströme im Verhältnis zum amerikanischen Entertainment und der europäischen Kultur an Gewicht. Wir stecken Mitten in einer grundlegenden Neustrukturierung des kulturellen Austauschs. Aber niemand hat bisher gemessen, welch immenser Wandel hier gerade vor sich geht – und niemand hat vor Ort recherchiert, wie die neue weltweite Schlacht um Inhalte aussieht.

   Werden sich diese neuen Rivalen des Westens als kulturelle Feinde begreifen? Erfüllen sich die Prognosen zum „Kampf der Kulturen „? In Asien, Lateinamerika, im Nahen Osten und in Afrika, wo mächtige Industrien im audiovisuellen und nachrichtlichen Bereich heranwachsen, stellen sich neue Fragen, für die die althergebrachten Schemata nicht ausreichen. Übrigens verwende ich die Begriffe“Kreativindustrien“ oder „Inhaltsindustrien“, weil sie klassische und digitale Medien umfassen; sie scheinen mir passender als der verbrauchte und heute lückenhafte Begriff „Kulturindustrie“. Denn heute geht es nicht mehr nur um Kultur und ihre Produkte, sondern auch um Dienstleistungen, Inhalte und Formate. Nicht nur um Industrien, sondern auch um Regierungen auf der Suche nach Softpower und um Mikrounternehmen auf der Jagd nach Innovationen.

   In diesen Kommunikationskonzernen auf der ganzen Welt, die häufig von einer Neuen Generation Irritierend junger Manager und Künstler Geführt werden, stößt man überall auf ein komplexes Verhältnis zu den USA, deren Modell Attraktion Ausübt und Ablehnung provoziert, auf die Spannungen zwischen regionalem Identitätsbedürfnis und dem Streben nach weltweitem Erfolg, auf die Schwierigkeit, für Werte einzustehen in einer Welt, in der die Inhalte allmählich global werden. Aber herrschende und beherrschte Staaten unterscheiden sich erheblich: Die einen tun sich als Produzenten von Inhalten hervor, andere werden von den globalen Kulturströmungen Geradezu ertränkt. Warum kommen Ägypten und Libanon gut zurecht, nicht aber Marokko? Warum Miami und nicht Buenos Aires, Mexiko Und nicht Caracas? Warum Hongkong und Taiwan und noch nicht Peking? Warum Brasilien und nicht Portugal? Warum immer Stärker die 50 amerikanischen Staaten und immer Weniger das Europa der 27?

   Jenseits der vereinfachenden Antworten, die im Harvard Faculty Club erdacht werden, musste einmal vor Ort recherchiert werden. Fünf Jahre reiste ich also um die Welt, besuchte die Hauptstädte des Entertainments, die Profis der Kreativindustrien in 30 Ländern, führte über 1250 Gespräche. Was ich nach Hause Gebracht habe, ist absolut neuartig, faszinierend und beängstigend zugleich. Es ist eine Untersuchung über den Weltkrieg um die Inhalte. Und dieser Krieg ist längst im Gang.

 

Mainstream ist ein Buch über die Geopolitik der Kultur und der Medien auf der ganzen Welt. Ein Buch über die Globalisierung des Entertainments, das sich mit dem befasst, was Menschen tun, wenn sie nicht arbeiten, also mit ihrer Unterhaltung – häufig spricht man von der „Unterhaltungsindustrie“. Diese Industrien, die Inhalte, Dienstleistungen und kulturelle Produkte herstellen, betrachte ich vor allem unter dem Aspekt der Quantität, nicht allein der Qualität. Es wird von Blockbustern die Rede sein, von Hits und Bestsellern. Mein Thema ist nicht die „Kunst“ – obwohl Hollywood und Broadway auch Kunst produzieren –, sondern jene Kultur, die ich als „Marktkultur“ bezeichne. Denn die Fragen, die diese Kreativindustrienin Bezug auf Inhalte, Marketing oder Einflussnahme aufwerfen, sind selbst dann von Interesse, wenn das, was sie produzieren, uninteressant ist. Über diese Fragen lässt sich der neue Kulturkapitalismus verstehen, der weltweite Kampf um Inhalte und Soft power, der Aufstieg der Medien im Süden und die langsame Revolution über das Internet, die wir derzeit erleben. Dabei versuche ich zu erfassen, was der Autor Francis Scott Fitzgerald auf Hollywood bezogen „the whole equation“ nannte, also die ganze Rechnung: die Arithmetik Von Kunst und Geld, den Dialog der Inhalte und Netze, die Frage nach dem Wirtschaftsmodell und der kreativen Produktion Für die Massen. Ich untersuche das Business im Show-Business. Ich versuche zu verstehen, wie man gleichzeitig jeden in jedem Land der Erde ansprechen kann.

   Die Kreativindustrien sind keine rein amerikanische Angelegenheit mehr: Sie sind heute global. Diese Studie hat mich demnach nach Hollywood geführt, aber auch nach Bollywood, zu MTV und zu TV Globo, in die amerikanischen Vorstädte mit ihren Zahlreichen Multiplexkinos und nach Schwarzafrika, wo es noch kaum Kinos gibt, nach Buenos Aires auf der Spur der „Latino“-Musik und nach Tel Aviv, um die Amerikanisierung Israels zu begreifen. Ich habe mich mit Rupert Murdochs Eroberungsplänen für China beschäftigt und mit dem Schlachtplan der indischen und saudischen Milliardäre Gegen Hollywood. Ich habe zu verstehen versucht, wie J-Pop und K-Pop (japanischer und koreanischer Pop) in Asien Vertrieben werden und warum Fernsehserien in Korea „Drama“ heißen, in Südamerika „Telenovelas“ und in Kairo „Ramadan-Shows“. Ich habe die Lobbyisten amerikanischer Kulturagenturen und Filmstudios zu ihren Anhörungen im Kongress begleitet und bin Robert Redford in den amerikanischen Senat gefolgt. Noch mehr Zeit aber habe ich in den Großen schwarzen Gettos der USA verbracht. Ich habe mit dem Disney-Chef die Broadway-Produktion von König der Löwen verfolgt und war auf einem Filmset für einen Bollywood-Film in Mumbai dabei, wo Schimpansen die Dreharbeiten unterbrachen. Ich recherchierte in den besetzten Gebieten des Westjordanlands und des Gazastreifens, um die Bedeutung arabischer Medien und Sänger kennenzulernen, kontaktierte die Presseabteilung der Hisbollah, um Al Manar besuchen zu können, ihren Fernsehsender in Süd-Beirut. Und in meinen Interviews mit den Redaktionschefs von Al Dschasira in Doha, Beirut, Kairo, Brüssel, London, Jakarta und Caracas wollte ich herausfinden, ob stimmt, was der Gründer des Senders, der Emir von Katar, behauptet: „Wir glauben an die Vermählung der Kulturen, nicht an einen Konflikt zwischen den Kulturen.“

   Ich habe mir also viel vorgenommen, denn mein Thema umfasst auf allen fünf Kontinenten Film- und Musikindustrie, Fernsehunterhaltung, Medien, aber auch Verlagswesen, kommerzielles Theater, Freizeitparks und sogar Videospiele und Mangas. Und um den grundlegenden Wandel zu verstehen, in dem sich all diese Sektoren befinden, bleibt im Hintergrund die Frage nach der digitalen Revolution immer präsent.

   Wir werden weder Google noch Yahoo, YouTube (das zu Google gehört) oder MySpace (im Besitz von Murdoch) besuchen – eine willkürliche Entscheidung. Was mich interessiert, ist nicht das Internet an sich, sondern die Frage, wie das Internet den Sektor der Kreativindustrien revolutioniert. Überall, in Saudi-Arabien genauso wie in Indien, Brasilien oder Hongkong, begegnete ich denen, die an den digitalen Kreativindustrien Von morgen bauen. Diese Optimistischen und häufig sehr jungen Unternehmer sehen das Internet als Gelegenheit, als Markt, als Chance; meine häufig älteren Gesprächspartner in Europa und den USA dagegen betrachten es als Bedrohung. Ein Bruch zwischen den Generationen – und vielleicht zwischen den Kulturen. Um bei diesem weiten Thema Ausuferungen zu vermeiden, konzentriert sich dieses Buch bewusst auf die Recherche vor Ort. Daher rührt auch die Entscheidung, in der ersten Person zu schreiben, die mir ganz ungewohnt ist; auch der Ablauf der Recherche selbst ist Thema dieses Buches. Ich spreche von dem, was ich gesehen habe. Ich benutze vor allem Quellen aus erster Hand – nicht Informationen aus zweiter Hand, aus Büchern oder der Presse. Folglich stehe ich auch zu den (unzähligen) Kurzschlüssen, die diese Entscheidung mit sich bringt; ich gehe lieber auf die speziellen Fragen jeder einzelnen Industrie ein, ohne den Anspruch, alle Bereiche erschöpfend abzuhandeln. So entwickle ich zum Beispiel Fallstudien zu den Konzernen Disney oder Rotana, beschreibe Motown, Televisa oder Al Dschasira sowie die Netzwerke von Rupert Murdoch oder David Geffen, weil sie für das Entertainment der Mainstream-Kultur repräsentativ sind; nur am Rande erwähne ich dagegen Time Warner, Viacom, Vivendi oder die BBC, obwohl sie entscheidende Einflussfaktoren sind und ich auch dort recherchiert habe. Diese schwierigen Entscheidungen haben ganz wesentlich mit dem Format und der Methodologie des Buches zu tun. Übrigens glaube ich, dass die Analyse der Kreativindustrien nur gewinnen kann, wenn man sich nicht auf ihre ökonomischen Aspekte beschränkt. Ich bin ein großer Bewunderer der amerikanischen Soziologie, in der Interviews und genaue Feldbeobachtung einen hohen Stellenwert haben. Nicht zuletzt sollte dieses Buch über das Entertainment auch „unterhaltsam“ geschrieben sein – sozusagen als Echo auf sein eigenes Thema.

   Recherche also, aber auch Bewertung. Zwar ist dieses Buch zuallererst eine Dokumentation, und die Analysen sind im Schlussteil zusammengefasst, während die Quellen und die unzähligen statistischen Daten auf der dazugehörigen Homepage zu finden sind. Häufig erzählten mir die Profis der Kreativindustrie von ihren Intuitionen, und viele von ihnen, das konnte ich erahnen, haben auch eine Agenda. Doch ich bin nur wenigen begegnet, die in Zeiten der Globalisierung und der digitalen Revolution eine Vision hatten: Genau diese globale geopolitische Vision aber versucht dieses Buch in seinem Schlusskapitel zu entwickeln.

   Allerdings stieß ich im Lauf meiner Recherche auf eine steile Hürde: die mangelnde Zugänglichkeit von Informationen. Dass die Quellen in China wegen der staatlichen Zensur nur spärlich sprudeln würden, hatte ich erwartet; dass es nicht leicht war, langfristig im Voraus Termine in Mumbai, Rio oder Riad zu vereinbaren, merkte ich bald; aber ich hatte nicht geahnt, wie schwierig es ist, bei den amerikanischen Platten-Majors und in den Hollywood-Studios zu recherchieren. Überall musste ich wiederholt um Interviews anfragen und meine gesamte journalistische Laufbahn Wurde von den „Public Relations“-Abteilungen haargenau durchleuchtet. Häufig wurde die Information intern von der „Kommunikations“-Abteilung abgeriegelt und extern von einer Agentur, an die man mich verwies. Ich brauchte sehr lange, bis ich begriff, dass diese „PR people“, von denen ich ganz naiv angenommen hatte, ihre Aufgabe sei es, die Kommunikation zu fördern, sie in Wirklichkeit verhindern sollten, dass ihr Ziel nicht die Verbreitung von Informationen war, sondern ihre Vorenthaltung. Ich wurde bei Al Dschasira und Telesur – das ist Chávez’ Sender in Venezuela – besser aufgenommen als bei Fox und bei ABC.

   Wer in diesem Schweigekartell redet also? Natürlich jeder: Die Chefs der Majors Reden über ihre Konkurrenten, die Independents über die Majors, nur zitieren darf man sie nicht immer. (Aber alle Gespräche, die Eingang in dieses Buch fanden, stammen aus erster Hand, und anonyme Zitate wurden bis auf begründete und im Text kenntlich gemachte Fälle Weitgehend vermieden). Die Gewerkschafter reden, die Künstler reden, die Agenten und die Banker reden (bei Börsenunternehmen hatte ich auch Zugang zu den realen Zahlen). Jeder redet aus Selbstgefälligkeit, um der Werbung willen, vor allem wenn man die richtigen Zugangskanäle findet und den PR-Leuten aus dem Weg gehen kann. China mag Informationen aus politischen Gründen zensieren und die amerikanischen Majors aus wirtschaftlichen, denn ein Film oder eine Platte sind ein strategisches Produkt des Kulturkapitalismus. Am Ende läuft es aber auf dasselbe hinaus: auf eine Kultur der Geheimniskrämerei und häufig der Lüge – und diese Parallele zum spätkommunistischen China ist für die USA nicht gerade schmeichelhaft.

   Bleibt eine zentrale Frage: Welchen Platz nimmt das amerikanische Modell in meiner Studie ein und welche besondere Rolle spielen die USA im Entertainment und in den Medien der Welt? Ihre Macht ist offensichtlich, ihre Kulturmaschinerie bei der globalen Verbreitung von Inhalten im Moment noch unschlagbar. Ich musste diese Studie also mit den USA beginnen, musste versuchen zu verstehen, wie das Entertainment in Hollywood und New York funktioniert, aber auch in Washington mit seinen Lobbys, in der Plattenindustrie in Nashville und Miami, in der Hochburg der Popmusik in Detroit, in den großen Vorstädten, wo die Multiplexkinos erfunden wurden, und in den Universitäten, wo für Hollywood geforscht und entwickelt wird. Bevor wir uns mit der Globalisierung der Kultur und dem neuen Krieg der Inhalte auf fünf Kontinenten befassen – im zweiten Teil dieses Buches –, müssen wir zunächst die unglaubliche amerikanische Maschinerie begreifen, die Maschinerie des Entertainments, die Bilder und Träume fabriziert und jene Kultur, die zum „Mainstream“ wird.

 ©Knaus©

 

Literaturangabe:

MARTEL, FRÉDÉRIC: Mainstream – Wie funktioniert, was allen gefällt. Übersetzt aus dem Französischen von Elsbeth Ranke und Ursel Schäfer. Knaus Verlag, München 2011. 512 S., 24,99 €.

 

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