Im Zentrum der Philosophie

Neues von Dieter Henrich

© Die Berliner Literaturkritik, 19.12.11

Henrich, Dieter: Werke im Werden. Über die Genesis philosophischer Einsichten. Verlag C.H. Beck, München 2011. 216 S., 22,95€.

Von Dorothee Arndt

Seit dem Erscheinen seiner Schrift „Grundlegung aus dem Ich. Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus“ (2004) ist der Name Dieter Henrichs aufs Engste mit der Konstellationsforschung verbunden. Einer Methode, die grob gesagt den Denkraum einer sich untereinander austauschenden und beeinflussenden Gruppe an Philosophen, wie z.B. zur Zeit des deutschen Frühidealismus, anhand ihrer spezifischen Bezugnahme aufeinander und gegeneinander, in Hinblick auf den Werdegang einer Denkströmung zu entschlüsseln versucht. In seinem neuen Buch „Werke im Werden“ möchte der vielgerühmte Philosoph Dieter Henrich, zur Zeit emeritierter Professor an der Ludwig-Maximiliams-Universität München, sein analytisches Auge nun auf das spezifische Moment der spontanen Eingebung richten, das einem Philosophen häufig den entscheidenden Treibstoff zur Entwicklung und Ausgestaltung eines philosophischen Hauptwerkes liefert. Im Grunde geht Henrich hier einen Schritt hinter die Konstellationsforschung zurück, liefert dieser einen zusätzlich möglichen Dreh- und Angelpunkt zur Erschließung der gedanklichen Architektur eines einzelnen Philosophen, um Ideen, Theorien, Probleme und Lösungen von hier aus eingehender untersuchen zu können. 

Wie Henrich selbst betont, kann die Konstellationsforschung, die generell nur für historische Abschnitte anwendbar ist - so denn genug authentisches und aufschlussgebendes Datenmaterial vorliegt - nicht allein für sich stehen, sondern bedarf der Komplettierung durch andere Verfahrensarten. Während die Forschung in Hinblick auf eine spezifische Konstellation sich notwendigerweise auf eine zeitliche Verlaufsform beziehen muss, versucht dieser neue Ansatz Henrichs einen zeitlich kaum oder gar nicht fassbaren Moment zu untersuchen, der, so er bedeutungsschwer und sinnvoll war, in die spätere Verlaufsform hineinführt und einstrahlt. Es geht Henrich explizit eben nicht darum das Werk eines Philosophen über die biographische Entwicklung zu erschließen, sondern den Moment der spontanen Eingebung, den er zwar nicht mit einer religiösen Offenbarung gleichsetzt, jedoch eine gewisse Verwandtschaft einräumt, aufzufächern. So spricht Henrich selbst auch von einer „Kernidentität des Werkes“ und diese gilt es aus diesem verdichteten Moment der spontanen Eingebung herauszuschäen. Vielleicht ähnelt dies einem Gedanken aus der Malerei, wo es doch gerne mal heißt, dass es eigentlich gar keine Linie gibt, vielmehr nur einen sich bewegenden Punkt.

Der erste Teil des Buches „Werke im Werden“ ging, wie der Autor selbst anekdotisch berichtet, aus einer Rede hervor, die er im Juni 2009 bei der Verleihung des Kuno-Fischer-Preises der Universität Heidelberg hielt.
Diese sogenannte Genesis einer philosophischen Einsicht möchte Henrich anhand von vier voneinander zu unterscheidenden Stadien betrachten: (1) Die Diagnose eines grundlegenden Defizits im Denken der Zeit eines Philosophen, auf die dieser in der frühen Phase seines Nachdenkens stößt, (2) dem Moment der plötzlichen Einsicht zur Überkommung dieses Defizits, (3) die Prüfung und Ausdifferenzierung dieser Eingebung und (4) die Planung zur Ausgestaltung eines philosophischen Hauptwerkes.

Eine spontane Eingebung im Sinne Henrichs unterscheidet sich explizit von spontanen Heureka-Momenten oder alltagssprachlichen Aha-Ereignissen, die zwar die Lösung eines Problems unmittelbar aufkommen lassen, aber keine lebensbestimmenden weitreichenden Folgen im Denken des Einzelnen bewirken. Der eigentliche Einsichtsmoment ist vielmehr eine „Sekundenphilosophie“, die zur Gänze den Komplex einer ganzen Philosophie aufblitzen lässt, deren Erfassung dann vom Denkenden in mühevoller Arbeit unternommen werden kann. Als unwiederholbar und für das ganze zukünftige Denken und Leben prägend wird sie von Henrich bestimmt.

Nach derlei Ausführungen widmet Henrich sich mehr oder weniger konkreten Beispielen, die einen Ausblick auf dieses von ihm angestrebte neue genetische Verfahren geben sollen. Diese Ausblicke - Kants „Rousseau-Erfahrung“, Fichtes „ursprüngliche Einsicht“ oder Nietzsches Eingebung zum Zarathustra - sind jedoch äußerst kurz gehalten und machen eher skeptisch, in wie weit der Moment einer spontanen Eingebung überhaupt anhand von Selbstzeugnissen und Werkdokumenten erschlossen werden kann. Wie eine spontane Eingebung von außen wissenschaftlich zugänglich zu machen ist ohne die Möglichkeit zur Abgleichung einer (ebenso) wackeligen Kongruenz mit der tatsächlichen Erfahrung des Philosophen, erscheint erst einmal fragwürdig. Das, so betont Henrich, kann und soll aber auch nicht die Aufgabe dieser Schrift sein.

Im zweiten Teil des Buches geht es Henrich dann auch nicht mehr um die Darstellung einer möglichen Forschungsmethode, sondern um das „Innere“ der Genese und damit nicht zuletzt um die Frage, was Philosophie als Tätigkeit eigentlich ausmacht. Er wird nicht müde immer wieder darauf hinzuweisen, dass philosophische Hauptwerke auch unter dem Aspekt der literarischen Produktion verstanden werden müssen, so dass es längst an der Zeit sei, eine Literaturgeschichte der Philosophie zu schreiben. Dieses Plädoyer ist ebenso leidenschaftlich wie angenehm zu lesen. Jedoch vermag dieses nicht darüber hinweg zu täuschen, dass Henrich es nicht ganz bewerkstelligt hat, dem interessierten Leser für diesen seinen neuen Ansatz eine vielversprechende methodische Perspektive aufzuzeigen und so bleiben viele Fragen leider noch ungeklärt.


Bookmark and Share

Copyright © 2002-2009 Die Berliner Literaturkritik. Alle Rechte vorbehalten. Realisierung: <script-o-flex/>