Von Johannes von der Gathen
Leicht zugänglich sind sie nicht, die neuen Gedichte von Lutz Seiler, die in den Jahren 2004 bis 2010 entstanden sind. Der 1963 im thüringischen Gera geborene Lyriker und Erzähler („Die Zeitwaage“) ist ein bedächtiger Beobachter und Erforscher eines Archivs von Bildern, die zumeist in die Vergangenheit zurückführen. Und manche Orte, wie das immer wieder bei Seiler auftauchende Culmitzsch, existieren nur noch in der Erinnerung - Mitte der 1960er Jahre fiel die Gemeinde dem Uranerzabbau zum Opfer.
Es lohnt sich allemal, mit diesen zumeist reimlos und eher lakonisch als feierlich sich gebenden Gedichten in konsequenter Kleinschreibung eine poetische Landschaft zu bereisen, in der die Verwüstungen der jüngsten deutschen Geschichte ihre Spuren hinterlassen haben. Schon das zweite Poem „das neue reich“ des Bachmann-Preisträgers von 2007 liest sich wie eine Kontrafaktur zum Pathos des treudeutschen Dichterfürsten Stefan George: „komm in den totgesagten technikpark“, eine Aufforderung, der alles Hymnische fremd ist. Der Dichter ist kein Prophet mehr, sondern ein skeptischer Vermesser von Industriebrachen. Nirgendwo Idyllen oder blühende Landschaften.
Aber die Träume der Kindheit sind noch nicht entsorgt, abenteuerliche Figuren wie „saywer“ und „finn“ kommen aus den Stollen der stillgelegten Bergwerke hervor, oder die verspottete Außenseiterin „aranka“ taucht auf, eine von Einsamkeit und Armut umflorte Hausiererin, der Seiler eines seiner ergreifendsten Gedichte widmet: „ausgetretner engelskörper auf der flucht“. Auch die kostbare Erinnerung an „tante lanny“ kommt als schwereloses Kunststück daher.
Etliche Gedichte kann man durchaus als Naturlyrik bezeichnen, Seiler steht erkennbar in der Tradition des von ihm verehrten Peter Huchel oder auch eines Günter Eich, dessen berühmtes Stunde-Null- Gedicht „Inventur“ zitiert wird. Aber das tradionelle Repertoire dieser Lyrik wird erweitert durch allerlei technische Apparaturen, und so schafft es der gelernte Baufacharbeiter Seiler tatsächlich, summenden Fernmeldemasten im Nebel einen lyrischen Ton abzulauschen.
Dass dieser Autor durchaus Humor hat, beweist er mit seiner Fußball-Elegie „die fussinauten“. Im hohen Ton eines griechischen Epos wird die Odyssee einer Hobby-Fußballmannschaft durch Berlin besungen, vom damals noch nicht heiligen Rasen vor dem Bundestag über staubige Ascheplätze in Vororten bis zur finalen Flanke auf dem letzten Acker.
Literaturangabe:
Lutz Seiler: Im Felderlatein, Suhrkamp Verlag, 2010, ISBN 978-3518421697, 14,90 EUR