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Im düsteren Land der Drückeberger und Denunzianten

Tom Rob Smith’ Thriller „Kind 44“

© Die Berliner Literaturkritik, 19.09.08

 

Im stalinistischen Russland der fünfziger Jahre kommen zahlreiche Kinder auf mysteriöse Weise ums Leben. Die Obrigkeit geht von Unfällen aus, denn Mord darf es nicht sein. Ein Wettlauf um Leben und Tod in einem finsteren Land beginnt.

„Die Aufgabe eines Ermittlers war es, an der Unschuld zu kratzen, bis die Schuld offen gelegt war. Wenn man keine Schuld entdeckte, dann hatte man womöglich nicht lange genug gekratzt.“ So beschreibt der Geheimdienstler Leo Stepanowitsch Demidow seine Aufgabe als Agent des sowjetischen staatlichen Geheimdienstes in Tom Rob Smith’s Thriller „Kind 44“. Mit dieser Umschreibung hat er die Grundlage des alltäglichen Lebens in der vom stalinistischen Staatsterror durchdrungenen Sowjetunion kurz und eindringlich beschrieben.

Diese Aussage verdeutlicht, wie manisch die Schergen des russischen Geheimdienstes nach Schuldigen für Taten suchten, die es eigentlich nicht geben durfte. Wie berechtigt die alltägliche Angst vor staatlicher Verfolgung war, die das Leben eines jeden Sowjets bestimmt hat. Nur durch diese alles ergreifende Gewaltherrschaft konnte eine Gesellschaft entstehen, in der Menschen entweder ängstlich wegschauten oder ihre Mitmenschen an den Staat auslieferten. Nur so entstand dieses absurde soziale Gefüge des staatlichen Realsozialismus, bestehend aus Drückebergern und Denunzianten. Rechtschaffen konnte in einem solchen Staat niemand sein, denn ein jeder Bürger konnte allein mit seiner Existenz den Staat in Frage stellen, sofern diese Existenz der Staatsideologie im Wege war.

In einem solchen System ist bereits jeder schuldig, der für verdächtig erklärt wird. Wer erst einmal in den alles vernichtenden Fängen des Staates ist, entkommt ihnen nicht mehr. Unschuld ist unmöglich, Schuld wird von den Staatsdienern kreiert. „Wenn man verfolgt wird, wird man auch immer verhaftet. Wenn man verhaftet wird, ist man auch immer schuldig. Unschuldige werden hier nicht hervorgebracht.“ Eine Feststellung, welche die stalinistische Diktatur in ihrem Wesen zusammenfasst.

Dem 28jährigen Briten Tom Rob Smith gelingt es in seinem packenden Thriller auf eindrucksvolle Weise, die beklemmende Atmosphäre des stalinistischen Systems in einem erstklassigen und sehr realen Plot einzufangen. Er erzählt in „Kind 44“ die Geschichte des in Ungnade gefallenen Kriegshelden und Geheimdienstlers Leo Stepanowitsch Demidow auf der Suche nach einem Mörder, den es laut Staatsideologie nicht geben darf.

Mit allen Wassern gewaschen diente Leo bislang seinem Staat, verhaftete sorgfältig dessen Feinde, sorgte für die notwendigen Schuldgeständnisse und machte sich danach pflichtbewusst an den nächsten Fall. Bis er eines Tages beginnt, an seiner Arbeit zu zweifeln. Er soll den Tierarzt Anatoli Brodsky verhaften, dessen Verbrechen einzig darin besteht, die erkrankten Hunde und Katzen der amerikanischen Botschaftsangestellten behandelt zu haben. Ein Spionageakt in den Augen des Systems, schlichte Berufsausübung für Leo. „Anatoli Tarasowitsch Brodsky war ein Tierarzt und sonst gar nichts.“ Trotz aller Bedenken kann er die Mühlenräder des Systems nicht stoppen und Brodskys Exekution nicht verhindern.

Leo wird klar, dass Brodsky nur einer unter Tausenden ist. Er beginnt, am System zu zweifeln, da sich nicht das System an die Gesellschaft anpasst, sondern die Gesellschaft in das System gepresst wird, skrupellos und mit letzter Konsequenz. „Niemand konnte sicher sein, ob er nicht der antisowjetischen Agitation, konterrevolutionärer Umtriebe oder der Spionage schuldig war, weil niemand, Leo eingeschlossen, sich genau darüber im Klaren war, worin diese Verbrechen eigentlich bestanden.“ Ein Verbrechen konnte schon darin bestehen, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein – ein perverses System aus Angst und Unsicherheit hat die Sowjetbürger in seinem engen Griff.

Leo wird nach der Beendigung des Falles Brodsky zu seinem Kollegen Fjodor geschickt, dessen Sohn Arkadi tot aufgefunden wurde. Dieser ist sich sicher, dass sein Junge einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Zeugen hätten gesehen, wie er aufgeschlitzt und nackt auf den nahe liegenden Gleisen gefunden worden sei, Schmutz im Mund und geschändet. Mit dieser Behauptung begibt sich Fjodor in Lebensgefahr, denn in einem perfekten Staat, wie der sozialistischen Sowjetunion, darf es keine Verbrechen geben. Fjodors Behauptung, es handle sich um Mord, stellt das System infrage. Doch Leo gelingt es, Fjodor von einem Unfall zu überzeugen.

Er versagt aber bald an anderer Stelle. Er wird auf seine Frau Raissa angesetzt, die die Sowjetunion angeblich für das Ausland ausspioniert. Will er das Unrechtssystem aus Verdächtigung und Schuldspruch nicht hintergehen, muss er sie denunzieren. Er stellt sich jedoch hinter Raissa – eine Beleidigung des Staates sondergleichen. Er wird degradiert und als unterster Milizangestellter in die ostrussische Provinz zwangsverschickt. Dort bekommt er eine Akte in die Hand, in der er ein Muster zu erkennen glaubt. Ein junges Mädchen wurde ermordet aufgefunden. Völlig entkleidet, ein Stück Strick um die Fessel, der Mund gefüllt mit Schmutz und der Magen aus dem Leib herausgeschnitten. Das klang wie die Aussagen seines Kollegen Fjodor in Moskau. Leo beginnt, dem Verbrechen, das es eigentlich nicht geben darf, auf eigene Faust nachzugehen. Er findet eine weitere Leiche, nach demselben Ritual hingerichtet. Ihm gelingt es, seinen Vorgesetzten General Nesterow von seiner Theorie eines Ritualverbrechens zu überzeugen. Heimlich recherchieren Nesterow und er in ganz Russland und suchen nach Akten mit einem ähnlichen Muster. Sie stoßen auf eine schier unglaubliche Mordserie.

Leo und Nesterow beginnen, nach dem Mörder zu suchen. Aus hier nicht näher zu erläuternden Gründen geraten sie jedoch in das Visier des Geheimdienstes. Leo und Raissa werden erneut festgenommen und wegen antisowjetischer Agitation zur Zwangsarbeit in den Goldminen von Kolyma verurteilt. Nimmt es der Staat tatsächlich in Kauf, dass ein Serienmörder weiter sein Unwesen treibt und weitere Kinder mordet, nur um sein absurdes Diktum zu wahren?

Tom Rob Smith geht hier schier bis an die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft und macht es so möglich, dass dem Leser die bedrückende und paranoide Atmosphäre des stalinistischen Russland auf die Haut rückt. Smith macht derart das Unfassbare greifbar. Er zeigt in seinem Thriller, wie der staatliche Terror selbst die unschuldigsten Menschen in den Wahnsinn des Schuldgefühls treiben kann, wie das orwellsche System der permanenten Überwachung und Beobachtung eine Gesellschaft von innen zerstört und auflöst; jegliche Menschlichkeit untergräbt. Fast beiläufig bringt er dabei seinen Lesern den kulturellen Schleifungsprozess in Russland nahe, welcher die russische Kultur für den idealen Menschen ausrotten sollte. Dabei wurden Kirchen zu Propagandakinos umfunktioniert. Lesesäle zu kommunistischen Politikseminaren. Museen entweder geschlossen oder der Ausstellung sozialistischer Einheitskunst gewidmet. Es wurde schlichtweg alle Kultur als Ursprung kritischen Geistes abgeschafft.

Smith zieht mit seinen eindringlichen Stil den Leser in die schwärzeste Periode der sowjetischen Geschichte hinein. Der Leser wird fast Teil des todesmutigen Kampfes Leo Stepanowitsch Demidows gegen das stalinistische System. Man merkt es dem Thriller an, dass hier ein Experte für Gewaltregime schreibt. Ein junger Mann, der sich tiefgehend mit dem sowjetischen System unter Stalin auseinandergesetzt hat. Mit der schrecklichen Tretmühle, die die Sowjets gefangen hielt in einem Land, dem die eigene Existenz über die seiner Bürger ging. Doch auch ein anderes stalinistisches System ist Smith hinlänglich bekannt. Das der Roten Khmer in Kambodscha, wo er als Autor half, die erste landeseigene Seifenoper zu schreiben. Dort war er umgeben von den allgegenwärtigen Überresten des wahnsinnigen Versuches, den stalinistischen Terror der Sowjetunion mit dem agrarischen Steinzeitkommunismus Chinas zu paaren. Smith hat auch in Kambodscha genau hingesehen und hingehört. Er weiß, wo der tägliche Terror beginnt, welche Kreise er dann zu ziehen imstande ist und wie er den Menschen schließlich den Atem nimmt.

So wie Alexander Solschenizyn in „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ das menschenverachtende Leben im sowjetischen Gulag beschrieben hat, hat Tom Rob Smith in „Kind 44“ den paranoiden Alltag in der Sowjetunion außerhalb der Zwangsarbeitslager dargestellt. „Du verkörperst für mich das Menschliche, und Dein furchtbares Schicksal ist das Schicksal des Menschen in unmenschlicher Zeit“, schrieb einst der jüdisch-russische Schriftsteller Wassili Grossman seiner von deutschen Wehrmachtsoldaten ermordeten Mutter ins Grab. Unzählige Menschen sind während und nach dem Weltkrieg in den russischen Lagern des Gulag, in den Folterkellern des Geheimdienstes und auf offener Straße den skrupellosen Machenschaften der stalinistischen Schergen zum Opfer gefallen. Sie alle teilen das Schicksal des Menschen in unmenschlichen Zeiten. Auf welch wackeligen Füßen dieses Schicksal in der Sowjetunion der fünfziger Jahre, in dieser unmenschlichen Zeit, stand, macht Tom Rob Smith eindrucksvoll deutlich. „Kind 44“ ist ein atemberaubender Thriller, der so nah an der stalinistischen Realität ist, als dass er das Signum einer erschreckenden Realfiktion verdient. Es bleibt nur noch eines zu sagen: „Anatoli Tarasowitsch Brodsky war ein Tierarzt und sonst gar nichts.“

Von Thomas Hummitzsch

Literaturangaben:
SMITH, TOM ROB: Kind 44. Dumont-Buchverlag, Köln 2008. 512 S. 19,90 €.

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