Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist heute einer der populärsten Deutschen. Er hat sich selbst einmal als Mischung aus Schulmeister und Entertainer bezeichnet. Seine Anhänger schätzen seine Lust, lauthals zu rühmen und zu tadeln. Seine Gegner werfen ihm Egomanie und grobschlächtige Kategorisierungen bei der Beurteilung moderner Literatur vor. So kam es zu legendären Kontroversen Reich-Ranickis mit Günter Grass, Martin Walser, Peter Handke, Sigrid Löffler und, in Sachen Historikerstreit, mit Joachim Fest - seinem Förderer, der ihn einst als Literaturchef zur „FAZ“ geholt hatte. 2003 erlebte Marcel Reich-Ranicki einen auch für ihn unerwarteten Erfolg, als seine Autobiografie „Mein Leben“ eine Millionenauflage erreichte. Er hatte lange gezögert, seine Erinnerungen zu verfassen, da er seine Rolle als Literaturkritiker nicht mischen wollte mit dem, was ihm im NS-Staat und im besetzten Polen vor 1945 zugefügt worden war. Auch über seine Arbeit für den polnischen Auslandsgeheimdienst hatte er lange Zeit geschwiegen.
In ihrem umfassenden Film entwerfen die Grimme-Preisträger Lutz Hachmeister und Gert Scobel das Porträt eines Mannes, dessen Lebenslinien seit seinen Jugendtagen zwischen Einsamkeit und Sehnsucht nach öffentlicher Anerkennung verliefen. Mit selten gezeigten Archivaufnahmen und sehr persönlichen, ausführlichen Erzählungen von Marcel Reich-Ranicki werden die streitbaren Höhepunkte seines Lebens ebenso dargestellt wie jene Jahre, in denen das Leben Reich-Ranickis durch die Nationalsozialisten bedroht war. Zu Wort kommen unter anderen Reich-Ranickis Sohn Andrew Ranicki, Mathematikprofessor in Edinburgh, „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher sowie Hellmuth Karasek, Mitstreiter im „Literarischen Quartett“ des ZDF, Reich-Ranickis legendärer Fernsehbühne. (Quelle: 3sat)
Ich, Reich-.Ranicki, Dokumentarfilm, Mittwoch, 2.6., 3sat, 22.25 – 0.10 Uhr
Weblink: