PARIS (BLK) – Nedim Gürsel, der Autor des Buches „Allahs Töchter“, muss bei einer Verurteilung wegen religiöser Hetze mit bis zu zwei Jahren Haft rechnen. In Roman-Form geht er in seinem Buch auf die Ursprünge des Islams ein. Bisher wurden Schriftsteller in der Türkei wegen „Herabsetzung des Türkentums“ verklagt, nicht aber wegen Beschimpfung des Islams. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa spricht der Autor über seine enttäuschten Hoffnungen und Bedenken.
Sehen Sie in diesem Prozess wegen Verunglimpfung religiöser Werte eine Gefährdung des Laizismus?
Gürsel: „Dieser Prozess ist beunruhigend, denn es mischt sich erstmals eine Behörde ein, das Religionsamt, das sich normalerweise um die Ausrichtung des Islams kümmert und nicht um Literatur. Das Religionsamt untersteht direkt dem Regierungschef. Das ist bedenklich.“
In welche Richtung bewegt sich die Türkei politisch?
Gürsel: „Ich habe an die zahlreichen Reformen, auch EU-Reformen, geglaubt. Hoffnung lösten in mir auch die ersten Schritte zur Rehabilitierung des großen Dichters Nazim Hikmet aus und der Satz des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, dass die Türkei nicht mehr zu den Ländern gehöre, die ihre Autoren vor Gericht stelle. Ich habe geglaubt, die Türkei hätte Fortschritte gemacht.“
Sie pendeln zwischen Paris und Istanbul. Haben Sie Angst, dass dieser Prozess eine Ihrer wichtigsten Inspirationsquellen versiegen lassen könnte?
Gürsel: „Ich bin oft in der Türkei. Ich habe viele Freunde dort und liebe Istanbul. Ich schreibe über die Geschichte der Türkei und der Stadt. Ein Hafturteil wäre schmerzlich für mich und würde die Brücke zu meinen Wurzeln abbrechen, zumindest vorläufig.“ (dpa)
Interview: Sabine Glaubitz