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Hitlers Schmöker

Studie gibt Einblick in das „Leseland“ Drittes Reich

© Die Berliner Literaturkritik, 19.08.10

Von Esteban Engel

BERLIN (BLK) - Zuerst verbrannten sie die Bücher, dann brummten die Druckereien: Im Umgang mit der Literatur verbanden die Nationalsozialisten hemmungslos Unterdrückung mit Propaganda. Kulturvernichtung, Blut-und-Boden-Ideologie und Unterhaltung gehörten unter den Nazis zusammen. Zu welchen Büchern griffen aber die Deutschen zwischen 1933 bis 1945 tatsächlich? Eine Studie gibt erstmals Einblick in das „Leseland“ Drittes Reich.

Für seine Untersuchung „Lesen unter Hitler - Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich“ (Verlag Galiani Berlin) hat sich Christian Adam 350 Titel vorgenommen und ihre Entstehung sowie Wirkung analysiert. Die Werke mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren aufwärts waren die Bestseller der NS-Zeit. Romane und Ratgeber, Sachbücher und Kriegsberichte, Schnulzen und Landserhefte – die Geschichte der NS-Bucherfolge ist „das Gegenstück zur Geschichte der verbrannten und verbannten Bücher und Autoren“, schreibt Adam.

Neben dem Dauer-Spitzenreiter „Mein Kampf“ (Auflage 12,5 Millionen Exemplare) standen in deutschen Wohnzimmern und Bibliotheken Bücher, die sich auch nach dem Krieg sehr gut verkauften. Ob Antoine de Saint-Exupérys „Wind, Sand und Sterne“ (135 000), Margaret Mitchells Südstaaten-Drama „Vom Winde verweht“ (366 000), Heinrich Spoerls Anekdotensammlung „Mann kann ruhig darüber sprechen“ (890 000) oder Johanna Haarers Ratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ zur „Aufzucht des Neugeborenen“ (1,2 Millionen bis 1987) – Adams Liste, die er in zehn Büchertypen aufteilt, liefert ein Sittengemälde des deutschen Kulturlebens unter dem Hakenkreuz.

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme, war Hitlers Literaturpolitik nicht aus einem Guss, sondern ein chaotisches Nebeneinander von Behörden und Bürokraten. Auf keinem anderem Gebiet war der Kompetenz-Wirrwarr größer. Ob die Parteiführung oder Joseph Goebbels' Propaganda-Ministerium, das Amt des NS-Ideologen Alfred Rosenberg oder die Reichsschrifttumskammer - diese und zahlreiche andere Instanzen wollten festlegen, wer in Deutschland publizieren konnte, was gelesen werden durfte und was nicht.

Es gab mindestens 20 Zensurstellen, schwarze Listen und Empfehlungen. Für Rosenberg war Unterhaltungsliteratur Gift für die richtige Gesinnung. Goebbels sah dagegen mit der sich abzeichnenden Kriegsniederlage die leichte Lektüre als soziales Ventil. „Abends etwas gelesen. Hamsun und Wilhelm Busch. Ein bisschen Entspannung. Das tut so gut“, schrieb Germanist Goebbels in sein Tagebuch.

Angesichts des Durcheinanders an Zuständigkeiten gelang es Verlagen und Autoren im Schatten oder mit Hilfe des Apparates zu gedeihen und wie etwa das Verlagshaus C. Bertelsmann den Grundstein für den wirtschaftlichen Erfolg auch nach 1945 zu legen.

Zu den erfolgreichsten Gattungen gehörten Sachbücher, die sich mit Erfindungen oder der Gewinnung von Rohstoffen beschäftigen, etwa „Anilin“ von Karl Aloys Schenzinger („Hitlerjunge Quex“), das mehr als eine Million Mal verkauft wurde und nach dem Krieg ein Erfolg blieb. Titel wie „Erfinder brechen die Blockade“ (400 000 Exemplare) oder „Robert Koch. Roman eines großen Lebens“ (135 000) fanden vor allem unter Soldaten begeisterte Leser.

Auch wenn es politisch heikel war, boten Biografien berühmter Leute, etwa Elly Beinhorns „Mein Mann, der Rennfahrer“ über den verunglückten Bernd Rosemeyer (200 000), Einblick in das Leben des NS-Jet-Sets. Einer der kuriosesten Erfolge ist wohl „Mensch und Sonne. Arisch-olympischer Geist“ mit Tipps zum Nacktwandern, zu Lehmbädern und zum unbekleideten Skifahren (Auflage: 235 000). Hier wurde sexuelle Freizügigkeit an den „Rassegedanken“ gekoppelt und dem „deutschen Körper“ gehuldigt.

Zur Abteilung weiche Propaganda gehörten die Bilderalben des Zigarettenherstellers Reemtsma. Wie in einer Art Panini-Album wurden mit den Zigaretten die Fotos von Nazi-Größen zum Einkleben verkauft. Es gab Arztromane („Angela Koldewey“) und deutsch-französische Liebesgeschichten („André und Ursula“), Kriegsliteratur („Narvik“) und Einladungen zum Heldentod („Mein Weg nach Scapa Flow“). Die Titel wurden millionenfach verkauft und spornten junge Männer an, sich etwa für die Marine und die U-Boot-Waffe zu melden.

War die Gleichschaltung der Literatur erfolgreich? Für Christian Adam sind die Nazis dabei „grandios gescheitert“. Im „Verbieten und Ausmerzen“ hätten sie eine gewisse Perfektion erlangt, doch gemessen an den Absatzzahlen habe sich vor allem „das unpolitische Mittelmaß“ durchgesetzt.

* BLK-Notizblock

Literaturangabe:

CHRISTIAN ADAM: Lesen unter Hitler - Autoren, Bestseller und Leser im Dritten Reich, Verlag Galiani Berlin 2010, 384 S., 19,95 €. ISBN 978-3-86971-027-3


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