Stefan Kiesbye: Hemmersmoor. Tropen Verlag, Stuttgart 2011. 208 S., 17,95 €.
Von Angelo Algieri
Teufelsmoor – das nordöstlich gelegene Gebiet von Bremen bietet sich gut für fantastische Geschichten an. Nicht nur des Namens wegen. Allein die Landschaft erregt die Fantasie: schwefelstinkende Torfmoore, dichte Wälder, gefährliche Schlammufer. Dazu das neblige und diesige Wetter – ein wahrer Fund für jeden Schriftsteller. Das wusste das Fernsehen bereits Anfang der 1980er Jahre: Radio Bremen produzierte die TV-Serie „Teufelsmoor“ – eine Familiensaga. Nun reiht sich mit dem Roman „Hemmersmoor“ von Stefan Kiesbye eine weitere Teufelsmoor-Geschichte ein. Der 44-jährige Autor ist gebürtig aus Eckernförde, hat u.a. Amerikanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften an der FU Berlin und Buffalo im Bundesstaat New York studiert. Er lebt in Los Angeles, wo er Kreatives Schreiben an der University of California in Los Angeles unterrichtet.
In Kiesbyes Zweitling geht es um die vier Jugendfreunde Anke, Linde, Christian und Martin. Sie erzählen abgründige Geschichten über ihr Dorf Hemmersmoor. Die Rahmenhandlung im Pro- und Epilog stellt das Begräbnis von Anke in der Gegenwart dar. Es offenbart sich gleich zu Beginn, dass einiges im Argen liegt. So pisst Linde vor Wut auf Ankes Grab. In den 14 miteinander verbundenen Erzählungen berichten die Jugendfreunde abwechselnd von schaurigen Ereignissen in ihrer Kindheit und Jugend der 1950er bis 60er Jahre.
So erzählt Martin, als er 7 Jahre alt war, über Lynchjustiz: Der Dorfmob beschuldigt Zugezogene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten Menschenfleisch gebraten zu haben. Die unschuldige Familie wurde totgeprügelt und in ihrem Haus verbrannt.
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Aber auch über tödlich verlaufende Kinderspiele, Inzest zwischen Vater und Tochter sowie aus Eifersucht getriebene Intrigen, wissen die Protagonisten zu berichten. Bei einem Schauerroman darf natürlich der Teufel nicht fehlen. Auf dem Jahrmarkt, will der 7-jährige Christian die Hölle sehen, doch der Betreiber Rico – der Teufel – verlangt die Seele seiner jüngeren Schwester. Daraufhin bringt Christian seine Schwester um und geht zum Jahrmarkt zurück. Mit dabei einen vollen Sack. Christian bekommt den Einblick in die Hölle. Doch Rico bekommt statt des Mädchens Kleidungsstücke.
Auch unter den Freunden kommt es zu Neid, Missgunst und falschen Beschuldigungen. So wurde Linde von Anke um das Gymnasium-Stipendium gebracht. Anke ließ das Baby des Stipendiumgebers fallen. Doch Linde, die mit dem Abitur Hemmersmoor sehnlichst verlassen wollte, wurde von Anke beschuldigt. Bitter für Linde: Sie konnte nicht auf das Gymnasium gehen und blieb im Dorf die nächsten 40 Jahre. Die eingangs beschriebene Wut von Linde rührt auf ihre verpasste Lebenschance, weswegen sie Anke allein verantwortlich macht.
Autor Kiesbye zeigt präzise, wie durch Dorfklatsch, die die Kinder und Jugendlichen aufsaugen, Anlass für abgründige Handlungen sind. Und dieses diabolische Verhalten ist wiederum Anlass für weiteren Klatsch – einerseits. Andererseits gibt es bis zum Schluss eine durch die Erzählungen versteckte, unerklärliche Suspense. Erst in der letzten Erzählung wird deutlich, dass es in der Nähe von Hemmersmoor ein Arbeitslager gab. Was es war und wer dort untergebracht worden ist, darüber schweigt die ältere Generation im Dorf. Lediglich ein Bild von Christians Vater gibt Aufschluss: Während des Zweiten Weltkriegs belieferte sein Vater gemeinsam mit dem Dorfbäcker Brot und Milch für die Kriegsgefangenen im Arbeitslager.
Mit dieser meisterlichen Wendung wird dem Leser klar: Das wirklich Schauerhafte ist das bedingungslose kollektive Schweigen – insbesondere wenn es um Verbrechen und Kollaboration im Nationalsozialismus geht. Das Schweigen bewirkt, dass diese Geschichten innerhalb der Familie an die nächste Generation nicht weitergegeben werden. Ohne Erzählungen über das Lager, ist sie trotz der Nähe zu Hemmersmoor nicht existent. Ganz im Gegensatz zum Dorf und seiner Bevölkerung, die durch das Erzählen lebendig ist und noch für Generationen bleibt.
Der Autor verweist auf das Kriegsgefangenenlager in Sandbostel, das am Rande von Teufelsmoor liegt. Dort kamen laut der gleichnamigen Dokumentationsstätte schätzungsweise 10.000 Gefangene um. Einer der berühmten Gefangenen war der französische Krimiautor Léo Malet (1909-1996), der die Geschichte um den Detektiv Nestor Burma erschuf.
Stefan Kiesbye ist mit „Hemmersmoor“ ein einzigartiger und spannungsreicher Roman gelungen. Er verquickt das miefige Dorf der 50/60er Jahre mit den abgründigen Verhalten der Kinder und Jugendlichen. Dass das Nazi-Gefangenenlager eingewoben ist, wirkt nicht überfrachtet. Im Gegenteil: Kiesbye zeigt eindrücklich, dass in Zeiten, wo die Zeitzeugen der Konzentrations- und Arbeitslager verschwinden, diese Geschichten weiter erzählt werden müssen. Damit sie nicht in (kollektiver) Vergessenheit geraten.
E.T.A. Hoffmann würde neidvoll feststellen, dass er mit Stefan Kiesbye einen fantastischen Nachfolger gefunden hätte!