Von Wilfried Mommert
Hans Fallada hat bis 1944 immerhin 18 große Romane wie „Kleiner Mann—was nun?“ oder „Wolf unter Wölfen“ geschrieben und manche davon in nur wenigen Tagen. Seine manische Schreibwut half ihn über manche lebensbedrohlichen persönlichen Krisen hinweg und verließ ihn sogar im Gefängnis nicht, wenn er mal wieder „ausgerastet“ war. An einem „Nullpunkt“ angekommen, findet Rudolf Ditzen, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, schreibend wieder ins Leben zurück. Als er am 4. September 1944 in Neustrelitz in eine geschlossene Heilanstalt für „geisteskranke Kriminelle“ eingewiesen wird, schreibt Fallada in 16 Tagen den Roman „Der Trinker“, eine der bedeutendsten Literarisierungen von Rauscherfahrungen in deutscher Sprache, eine „nüchterne Selbstdarstellung“ Falladas auch als Abrechnung mit sich selbst, 1995 mit Harald Juhnke verfilmt.
Außerdem beginnt Fallada in der Neustrelitzer Anstalt wieder wie schon einmal 1924 in Greifswalder Haft ein Gefängnistagebuch, das jetzt im Berliner Aufbau Verlag erstmals zusammenhängend und exzellent editorisch betreut erschienen ist („Hans Fallada—In meinem fremden Land—Gefängnistagebuch 1944“). Zunächst einmal ist das Buch das Ergebnis einer bewundernswerten Lektorats- und Herausgeberleistung. Wie schon bei der Erstausgabe des „Trinkers“ Anfang der 50er Jahre mussten die meist nur mit einer Lupe zu lesenden Manuskriptblätter entziffert werden, die Fallada noch einmal zwischen sämtlichen Zeilen gegenläufig schreibend bis zur letzten Lücke nutzte. Unter seinem Hemd schmuggelte der Autor sein Manuskript, für Außenstehende rein äußerlich vielleicht anmutend wie das Werk eines Geisteskranken, am 8. Oktober 1944 bei einem Freigang nach draußen.
Die Tagebuchaufzeichnungen, wären sie schon seinerzeit entdeckt worden, hätten für Fallada lebensgefährlich werden können. Er rechnet darin mit den Nationalsozialisten ab, auch wenn er an anderen Stellen auch befremdliche antisemitische Töne anstimmt („ein kleiner degenerierter Jude“) und außerdem eine selbstgerechte wie auch diffamierende Klage über die Emigranten anstimmt, die Deutschland seiner Meinung nach im Stich gelassen haben: «Wir haben ausgehalten, sie aber nicht.» Lieber wolle er mit diesem „unselig-seligen Volk“ untergehen als „in der Fremde falsches Glück genießen“—da ist die „teutsche“ Überheblichkeit oder Engstirnigkeit aus Richard Wagners „Meistersingern“ über den „welschen Tand“ auch nicht weit.
Aber dann auch wieder die Selbsterkenntnis: „Wie habe ich mich im Schreiben meiner Bücher selbst ändern müssen! Ich konnte nicht mehr daran denken, die Bücher zu schreiben, die mir am Herzen lagen.“ Und: „Niemand lebt fünf Jahre im Kriege, und unter einer solchen Staatsleitung, der sich nicht veränderte.“ Die Nazis nennt er unverhohlen „primitiv“, „Henker“, ein „hochgekommenes Gangstertum“. Wenn das damals in die falschen Hände geraten wäre, wäre Fallada schnell vor dem berüchtigten „Volksgerichtshof“ eines Blutrichters wie Roland Freisler gelandet.
Fallada rechnet aber auch mit manchen seiner spießig- obrigkeitshörigen kleinen Landsleute in Bürgermeisterstuben und anderen Ämtern ab und flüchtet sich auch im Tagebuch immer wieder in oft bizarre Träumereien. „Noch nie empfand ich es so wie unter Hitlers Regiment, daß der Mensch, ständig bedroht, in seinem wesentlichsten Bestand, etwas haben muß, wohin er sich flüchtet mit seinen Träumen und seinen Hoffnungen.“
Dazu dient ihm das unablässige Niederschreiben seiner Gedanken und Gefühle voller Hass und Sehnsüchte, Anklagen und Rechtfertigungen. „Wenn diese ganze Arbeit mißlungen, subaltern und langweilig ist, was schmerzt es? Ich habe mir die Seele befreit!“ Es sind aus zeitlichem Abstand nicht immer leicht verständliche Tiraden, die Falladas Ausbrüche prägen, manches lässt den Leser immer noch frösteln, aber das Buch ist ein erstaunliches Dokument über den nicht enden wollenden Kampf eines Menschen gegen alle äußeren Zwänge—und gegen sich selbst.
Fallada starb am 5. Februar 1947 in Berlin an Herzschwäche. Kurz vorher hatte er noch den 1949 erschienenen Roman „Jeder stirbt für sich allein“ über den Widerstand kleiner Leute im Dritten Reich vollendet.
Literaturangabe:
FALLADA, HANS: In meinem fremden Land. Gefängnistagebuch 1944. Herausgegeben von Jenny Williams und Sabine Lange. Aufbau Verlag, Berlin 2009. 333 S., 24,95 €.
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