„Wenn Menschen Dinge herstellen, wissen sie meist nicht, was sie tun.“ Das Dilemma ist deutlich und in der Weltpolitik wie im alltäglichen, individuellen und gesellschaftlichen Dasein zu besichtigen: Ob es die Herstellung der Atombombe ist oder die Produktion von Dickmachern – die Einsicht von Selbstschädigung und vielleicht sogar -vernichtung hinkt meist hinter der Euphorie und Selbstsucht her. Die Angst vor der „Büchse der Pandora“, deren Öffnen im griechischen Mythos als Inbegriff für Unheilvolles und Schlechtes in der Welt gilt, wird allzu leicht und schnell verdrängt von der Macht des Faktischen und vom Irrglauben, es werde sich alles, was Menschen tun, zum Guten der Menschheit wenden.
Der 1943 geborene Richard Sennett, Soziologe und Kulturphilosoph an der Londoner School of Economics und der New York University, hat 2006 für seine vielfältigen Arbeiten zu Fragen des Humanen in der Welt von der Stadt Stuttgart den renommierten Hegel-Preis erhalten. In der „Berliner Literaturkritik“ sind eine Reihe seiner Arbeiten vorgestellt worden, u. a. sein Buch „Respekt im Zeitalter der Ungleichheit“. Seine Lehrerin, Hannah Arendt, war es, die Sennett als Studenten anregte, intensiver und kritischer darüber nachzudenken, was der Mensch mit den materiellen Dingen, die er herstellt und benutzt, eigentlich macht.
Bei der Betrachtung des tätigen, arbeitenden Menschen, ob als „Kopf-“ oder „Hand“-Arbeiter, geht es nach Hannah Arendt darum, zu unterscheiden, ob der Mensch ein Animal laborans, also ein Lasttier und zu Routinetätigkeiten verdammtes Individuum sei, oder ein Homo faber, der nicht um der Arbeit willen arbeitet, sondern in seiner Tätigkeit die Verantwortung für die Gemeinschaft der Menschen erkennt und nach dem Warum seines Tuns zu fragen vermag. Diese Gegenüberstellung hält Sennett als für zu kurz gegriffen, weil sie den praktisch tätigen Menschen in zwei Bereiche und Denkweisen zerlege. Vielmehr gehe es darum, danach zu fragen, „was das Herstellen konkreter Dinge über uns selbst verrät“.
Sennetts Projekt wird gleichsam mit dem Öffnen der Büchse der Pandora in heutiger Zeit charakterisiert und mit seiner Hoffnung, dass wir „das materielle Leben humaner gestalten (können), wenn wir das Herstellen von Dingen besser verstehen lernen“. In drei Büchern will er über die materielle Kultur heute und die Gefahren der Büchse der Pandora schreiben: 1.) über den Handwerker, bei dem praktisches Handeln und Denken im ständigen Dialog miteinander stehen; 2.) über das Handwerk des Rituals zwischen Religion und Aggression und schließlich 3.) über den Umwelthandwerker als bisher noch allzu Fremden.
Allen gemeinsam soll die Sehnsucht und die Hoffnung sein, dass es gelingen könnte, zur humanen Weiterentwicklung der Menschheit und eines menschliches Grundbestrebens „eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen“. Die Menschen, die dies berücksichtigen, bezeichnet Sennett als „Handwerker“, weil sie in der Lage sind, mit Kopf und Hand zu agieren. Sie sind Menschen mit engagiertem Tun. Damit erinnert er mit seinen Reflexionen sowohl an das Denken, wie es der griechische Philosoph Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik formuliert, indem er die „energeia“, die Tätigkeit, als „vollendete Wirklichkeit“ darstellt, als auch an aktuelle Denkweisen, die im Zusammenhang mit der Existenz der Menschheit hier und heute im Diskurs sind. Nun, Materialisten, Liberalisten und Egoisten werden dieses Ansinnen als eine Illusion und Utopie abtun; aber sie werden sich nicht der Faszination entziehen können, die Sennett im ersten Band mit seinen nicht selten provozierenden und gewagten Beispielen und Gegenüberstellungen erzeugt.
Er gliedert das 432 Seiten umfassende, vom Verlag mit einem festen Umschlag versehene und mit einem Schutzumschlag eingefasste Buch, das aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff übersetzt wurde, in drei Teile und zehn Kapitel: Im ersten Teil geht es um die „Handwerker“, das handwerkliche Können, die Werkstatt als Arbeitsort, das Werkzeug und die Maschinen sowie das Materialbewusstsein. Im zweiten Teil befasst sich der Autor mit dem „Handwerk“, bei dem etymologisch nicht nur das wichtige Werkzeug des Menschen, die „intelligente Hand“, betrachtet wird, sondern auch die Widerstände deutlich werden, „die dem Willen im Wege stehen“, die wir Menschen uns nicht selten selbst in den Weg legen und die bei bestimmten Gelegenheiten und Orten vorfindbar sind. Als Anschubmittel und Orientierungshilfe ist dabei sicherlich die Fantasie ein wichtiger Pfadfinder, und nicht zuletzt der Rat, den wir „moderne“ Menschen allzu oft bei unseren Bemühungen um Effektivität und Zielstrebigkeit vergessen: „das Gefühl der Kompetenz“.
Im dritten Teil schließlich geht es um das handwerkliche Können und die handwerkliche Orientierung unseres Daseins. Längst ist dabei klar geworden, dass der Autor dabei den Handwerker nicht nur als den Schreinermeister, sondern auch als den kompetenten Musiker, den Praktiker und den Theoretiker versteht. Erleuchtend dabei sind die interessanten Vergleiche, etwa des antiken Webers mit dem Linux-Programmierer. Dabei geht es mehr oder weniger um die Vermutung, dass der Mensch als Homo sapiens ein intelligentes Lebewesen und von daher auch bestrebt sei, nicht nur, im Sinne der griechischen Philosophie, eu zên, gut zu leben, sondern auch gute Arbeit zu verrichten. Unsere Alltagserfahrung, wenn wir in der Lage sind, uns auch selbstkritisch zu befragen, zeigt, dass auch hier zwischen dem Sein und dem Schein nicht selten Welten liegen.
Da haben wir den Experten, der, wenn er gut ist, sozial orientiert agiert und der Institutionen und Gesellschaft schadet, wenn er seine Tätigkeit isoliert, individualistisch und eigennützig ausübt. Und da finden wir die Obsession, also die Zwangsvorstellung zum Perfektionismus, so am Beispiel des Architekten Adolf Loos, der für Ludwig Wittgensteins Schwester das „ideale Haus“ bauen sollte und dabei zu der irritierenden Erkenntnis kam, dass, „wer eine vollkommene Form schaffen will, (…) möglicherweise die Spuren der Herstellung und des im Werden befindlichen Werkes tilgen (muss)“. Auch die Auseinandersetzung um das, was sich in der „Akkumulation von Wissen und Fertigkeiten“ als Beruf und Berufung darstellt, legt den Finger in so manche gesellschaftliche Wunde; etwa in der Gegenüberstellung der altenglischen Begriffe „career“ und „job“, wobei Ersteres „eine gut gebaute Straße, während job nur einen Kohle- oder Holzhaufen bedeutete, den man nach Belieben versetzen konnte“.
So kommt er zwangsläufig im zehnten Kapitel zu der vielleicht heikelsten Frage, der Frage nach den Fähigkeiten und der (philosophischen) Vermutung, dass fast jeder Mensch ein guter Handwerker werden könne. Damit gelangt Richard Sennett tatsächlich zu unseren Alltäglichkeiten, an denen wir verzweifeln, die uns gleichgültig und egoistisch machen und trotzdem auch die Hoffnung keimen lassen: „Wer gut arbeiten lernt, kann auch sich selbst regieren und ein guter Staatsbürger werden.“ Zur Wiederentdeckung der humanen Fähigkeiten der Menschen bringt der Autor die uralte, jedoch in den Zeiten der Effektivität vergessene Erkenntnis ein, dass der Mensch im Grunde seines Wesens ein Homo ludens sei, ein intelligentes Lebewesen, bei dem Spiel und Arbeit in einem gedacht und getan werden.
Im Schlussteil gelingt es Richard Sennett, das Animal laborans in seine „philosophische Werkstatt“ zurückzuholen und seine Ausführungen über das „Handwerk der Erfahrung“ in der Erkenntnis gipfeln zu lassen, „dass die Fähigkeiten unseres Körpers im Umgang mit materiellen Dingen dieselben sind wie jene Fähigkeiten, auf die wir uns in sozialen Beziehungen stützen“. Dazu bedarf es eines Perspektivenwechsels: die (neue) Betrachtung von Kultur und Ethik.
Richard Sennett hat ein (erstes) interessantes Buch zu einem ungewöhnlichen, weil alltäglichen wie vergessenen Thema geschrieben. Die Intellektuellen sollten das Buch lesen, um bei ihren Tätigkeiten das Handwerkliche zu entdecken und zu kultivieren; die Handwerker sollten es lesen, um sich ihres verantwortungsvollen Umgangs mit dem Materiellen bewusst zu werden, und Jugendliche, Studierende und Auszubildende sollten sich damit befassen, um zu Handwerkern zu werden und bei ihren zukünftigen Tätigkeiten mehr als einen „Job“ zu verrichten. Erst wenn das Aha-Erlebnis gelingt, dass das Herstellen von Gegenständen jeglicher Art, sei es ein Möbel- oder ein Musikstück, etwas mit uns selbst zu tun hat und etwas über uns verrät, wird es möglich sein, die Welt, in der wir und unsere Nachkommen leben, humaner zu gestalten. Auf die weiteren zwei Bände seines Projektes über materielle Kultur darf man gespannt sein.
Literaturangaben:
SENNETT, RICHARD: Handwerk. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Berlin Verlag, Berlin 2008. 432 S., 22 €.
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