Grass gegen Abschiebung von Roma

„Bestürzt, empört, entsetzt“

© Die Berliner Literaturkritik, 02.11.10

BERLIN/LÜBECK (BLK) - Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat vor einer massiven Abschiebung von Roma aus Deutschland gewarnt. „Da schaut ganz Europa auf Frankreich und empört sich über den Umgang mit den Vertriebenen und Armutsflüchtlingen der Roma aus Rumänien, und zur gleichen Zeit ist eine Abschiebeaktion großen Ausmaßes von Deutschland in den Kosovo im Gange“, schrieb Grass am Dienstag (02.11.2010) in einem Offenen Brief an Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und die Landes-Innenminister.

Die deutschen Pläne stellten die französischen Maßnahmen in den Schatten, schrieb Grass, der eine Stiftung zugunsten der Roma mitgegründet hat. Dies sei „ein Skandal für Deutschland und eine Hypothek für den europäischen Frieden“, erklärte der 83-Jährige.

Mit der Abschiebung tausender Roma nach Bulgarien und Rumänien hatte Frankreich wochenlang für Schlagzeilen gesorgt. In Deutschland leben 8500 Roma aus dem Kosovo, die grundsätzlich ausreisepflichtig sind. Die Bundesrepublik hat aber zugesagt, dass es keine Massenabschiebungen, sondern eine Fortsetzung der schrittweisen Rückführung in den Balkan-Staat geben werde.

Kinder, die in Deutschland geboren sind und hier über 15 Jahre gelebt haben, würden mit ihren Familien ins Nichts geschickt, schrieb Grass. „Keine Unterkunft, kein Essen, keine sozialen Kontakte, keine Schulen, keine Arbeit, so sieht die Wirklichkeit der in den Kosovo verstoßenen Menschen aus.“ Diese Menschen seien „an Leib und Leben bedroht“.

Grass forderte die Bundesregierung und alle deutschen Länder-Regierungen auf, ihre Entscheidungen umgehend zu revidieren. Die UNESCO-Menschenrechtsbeauftragte und der Menschenrechtskommissar des Europarates hätten sich schon vor Wochen entsprechend geäußert. „Es ist höchste Zeit zu handeln, dieses Unrecht wächst von Tag zu Tag“, betonte der Schriftsteller.  

Der Grass-Brief im Wortlaut:

„Bestürzt, empört, entsetzt, ist der Vorstand der Stiftung zugunsten des Romavolks, die Günter und Ute Grass 1997 gegründet haben. Da schaut ganz Europa auf Frankreich und empört sich über den Umgang mit den Vertriebenen und Armutsflüchtlingen der Roma aus Rumänien, und zur gleichen Zeit ist eine Abschiebeaktion großen Ausmaßes von Deutschland in den Kosovo im Gange, die die französischen Maßnahmen noch in den Schatten stellt.

Kinder, die in Deutschland geboren sind und dort über 15 Jahre gelebt haben, hier eine Chance auf Bildung und Lebensunterhalt hatten, werden mit ihren Familien ins Nichts geschickt. Keine Unterkunft, kein Essen, keine sozialen Kontakte, keine Schulen, keine Arbeit, so sieht die Wirklichkeit der in den Kosovo verstoßenen Menschen aus. Ein Skandal für Deutschland und eine Hypothek für den europäischen Frieden.

Wer Menschenrechte in so eklatanter Weise mißachtet, spielt mit der Zukunft des Friedens auf unserem Kontinent. Aus Sicht der Stiftung handelt es sich auch um eine Verletzung der Grundregeln. Die Menschen, die in den Kosovo, in eine feindliche Umgebung ohne Perspektive befördert werden, sind an Leib und Leben bedroht, da gibt es keine Zweifel. Für sie muß ein sofortiger Abschiebestopp her. Das ständig ausgegrenzte und bedrohte Volk hat nach den Greueln des letzten Jahrhunderts nie eine moralische Wiedergutmachung erfahren. Dies ist die Gelegenheit für uns Deutsche, andere Zeichen zu setzen als frühere Generationen.

Was dort passiert, treibt die Roma in eine Rolle zurück, die man ihnen seit Jahrhunderten zugedacht hat: am Rande oder außerhalb der Gesellschaft wird das Leben der aus Deutschland abgeschobenen Roma zum Überlebenskampf unter erbärmlichen Umständen. Damit muß endlich Schluß sein.

Im Namen der Stiftung fordere ich die Bundesregierung und alle deutschen Länder-Regierungen auf, ihre Entscheidungen umgehend zu revidieren. Die UNESCO-Menschenrechtsbeauftragte und der Menschenrechtskommissar des Europarates haben sich schon vor Wochen entsprechend geäußert. Es ist höchste Zeit zu handeln, dieses Unrecht wächst von Tag zu Tag.“

(mas)


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