Von Oliver Pietschmann
US-Präsident Harry Truman ein Massenmörder, die Vereinten Nationen ein stumpfes Schwert - Daniel Jonah Goldhagen stellt auch in seinem neuen Buch provokante Thesen auf. Der viel kritisierte Autor von „Hitlers willige Vollstrecker“ stellt in seiner Studie „Schlimmer als der Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist“ die Moral der Medien infrage und wirft den Mächtigen der Welt und der Staatengemeinschaft Versagen und Inkonsequenz aus eigenen Interessen vor. Mit teils zu drastischen Formulierungen, wissenschaftlicher Sprache, empirischen Daten und vielen brutalen zeitgenössischen Berichten dokumentiert er die Motive und Entstehungsgeschichten von Gewaltausbrüchen gegen Völkergruppen bis hin zum hemmungslosen Morden.
Die Vernichtung der Herero durch die Deutschen, das Massaker der Türken an den Armeniern, das Morden Stalins in der Sowjetunion oder der Roten Khmer in Kambodscha, der Holocaust, der Völkermord an den Tutsi und der Angriff auf das World Trade Center, die Liste der Gräueltaten ist lang. „Unsere Epoche ist ein Zeitalter des Massenmords“, schreibt Goldhagen. Gemordet wurde in Lagern, durch Todesmärsche oder kalkulierte Hungersnöte, mit Schusswaffen, Knüppeln und Macheten - der Politologe schätzt die Zahl der Todesopfer durch „eliminatorische Angriffe“ auf bis zu 175 Millionen Menschen. Nicht mit gerechnet die Menschen, die durch Folter, Haft, Sterilisation oder Massenvergewaltigung gequält und gebrochen wurden.
Goldhagen zeichnet die Motive, die Entstehung, die Antriebskräfte der Täter, das Leiden der Opfer und das Verhalten der Staatengemeinschaft bei den globalen Gewaltakten in seiner jetzt zur Frankfurter Buchmesse erscheinenden Studie nach. Dabei verteidigt er seine teils heftig kritisierte bisherige Forschungsarbeit und wirft seinen Kollegen zu kurz gegriffene Ansätze in der Genozidforschung vor. „Bis heute finden wir in der Massenmordliteratur zahlreiche unhaltbare Annahmen darüber, warum Menschen dem Befehl zur Eliminierung Tausender oder Millionen anderer Menschen Folge leisten“, schreibt der Wissenschaftler, der viele Jahre Politologie in Harvard lehrte.
Goldhagen spart auch nicht mit Kritik an den mächtigen Politikern und Nationen, die aus eigenen Interessen nicht handeln wollen, wenn irgendwo in der Welt ein Massenmord verübt wird. „Die Vereinten Nationen leiden unter der nachhaltigen Fehlentwicklung der ersten Jahrzehnte und der fortdauernden Mitgliedschaft sowie dem Vetorecht von Ländern, die ihre internationale Straffreiheit bei der Ermordung und Eliminierung unerwünschter Gruppen beibehalten möchten.“ Seiner Auffassung nach wäre eine umfassendere internationale Überwachung und eine Änderung des Völkerrechts nötig.
Den Medien wirft der Wissenschaftler vor, unzureichend über die Gräueltaten zu berichten. Täter würden oftmals nicht als das bezeichnet was sie sind, als Mörder. Eine Diskussion über Massenmorde sei auch deswegen so unbeliebt, weil die Menschen sich kritisch mit den Vorgängergenerationen auseinandersetzen müssten. „Harry Truman war ein Massenmörder. Er gehört genauso auf die Anklagebank wie Stalin, Pol Pot und die anderen“, schreibt Goldhagen über den amerikanischen Präsidenten. Er habe 1945 ohne jede militärische Notwendigkeit den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki befohlen.
„Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es im Grunde keinen Zeitpunkt, an dem nicht irgendwo eine Massenvernichtung stattgefunden hätte.“ Dabei sei das massenhafte Morden der Deutschen zur Zeit der Nazi-Diktatur das umfassendste Beispiel für eliminatorische Politik. Sie hätten alle Strategien von der Verschleppung, der Versklavung, Unterdrückung, Sterilisation bis hin zur Vernichtung angewandt.
Die größte Gefahr sieht Goldhagen derzeit im politischen Islamismus, wobei es um die Politik und nicht um die Religion an sich gehe. Er sei totalitär, aggressiv, eroberungssüchtig, realitätsfern und selbstherrlich und betreibe einen Todeskult, wie es in den letzten 100 Jahren vielleicht nur die Nationalsozialisten oder das kaiserliche Japan betrieben haben. Die gefährlichsten Protagonisten sein Osama bin Laden und El Kaida als nicht staatlicher und der Iran mit seiner Führung auf staatlicher Seite.
Literaturangabe:
GOLDHAGEN, DANIEL JONAH: Schlimmer als der Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist. Siedler Verlag, München 2009. 704 S., 29,95 €.
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