Von Elke Vogel
BERLIN (BLK) - Heiner Müller wäre über die Weltfinanzkrise wohl nicht sonderlich überrascht. Im Dunst seiner geliebten Zigarren und mit einem Glas Whiskey in der Hand würde er darüber sinnieren, woher das Elend kommt und wer dafür verantwortlich ist. Für den Dramatiker, der am Freitag (9.1.) 80 Jahre alt geworden wäre, ging es immer um die großen, globalen Probleme. Die ewig aktuellen Menschheitsthemen Krieg und Macht, Korruption und Moral, Liebe und Tod waren sozusagen sein Spezialgebiet. „Antworten interessieren mich nicht. Ich kann keine anbieten. Mich interessieren Probleme und Konflikte“, hat der Regisseur und frühere Intendant des Berliner Ensembles dazu einmal gesagt.
Müllers Stücke haben auch 13 Jahre nach seinem Tod einen festen Platz auf den Spielplänen der Theater in aller Welt. Jedes Jahr gebe es 25 bis 30 Neuinszenierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sagt Frank Kroll vom Henschel Schauspiel Theaterverlag (Berlin), der die Aufführungsrechte vergibt. Im Ausland - vor allem in Asien, Südamerika und Frankreich - kommen jährlich sogar bis zu 36 Neuinterpretationen auf die Bühne. Das Interesse an den Müller-Werken halte sich seit zehn Jahren konstant auf diesem Niveau, erklärt Kroll. „Das liegt an den Verhältnissen in unserer Welt.“
Die stattliche Zahl an Neuinszenierungen entspreche etwa den Aufführungszahlen der Werke von Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek oder dem Gegenwartsdramatiker Roland Schimmelpfennig, so Kroll. Im Sommer 2008 gab es die erste Müller-Produktion in China. Am häufigsten aber wird er in Japan gespielt. Die beliebtesten Müller- Stücke sind dabei „Die Hamletmaschine“ über politische Moral sowie „Quartett“ nach Choderlos de Laclos, in dem die Liebe als brutales Spiel um Gewalt und Macht entlarvt wird.
Geringer sei das Interesse an Müller in den USA und Großbritannien, sagt Kroll. Dort würden seine Texte meist nur in Lesungen und studentischen Projekten aufgearbeitet. In Deutschland steht Müller in den nächsten Wochen am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, an der Stuttgarter Staatsoper und am Düsseldorfer Schauspielhaus neu auf dem Programm.
Die Struktur von Müllers Stücken lasse so viel Raum, dass ihnen die Einbettung in eine andere Zeit nichts anhabe, sagt der Regisseur und Müller-Weggefährte B.K. Tragelehn, der 1961 dessen „Umsiedlerin“ uraufführte. Die Arbeit mit Müller sei trotz der Gedankengebirge des Dramatikers nie theoretisch, sondern immer ganz praktisch an der Sache entlang gewesen. In Gedanken spreche er auch heute noch oft mit Müller, erzählt Tragelehn. Und dieser antworte auch.
Müller wurde am 9. Januar 1929 als Sohn eines Beamten und einer Textilarbeiterin im sächsischen Eppendorf geboren. In den 50er Jahren veröffentlichte er in der gerade gegründeten DDR seine ersten dramatischen Texte. In seiner Karriere erlebte der Feind jeder ideologischen Erstarrung viele Hochs und Tiefs - von der parteiamtlichen Verbannung durch die SED bis zum späten „Sonnyboy“ der gewandelten DDR-Kulturpolitik.
Mit dem Ende der DDR fehlten Müller plötzlich die Themen, es fehlte ihm die Reibung. Er wurde Mitdirektor des Berliner Ensembles und letzter Präsident der DDR-Akademie der Künste. 1994 unterzog sich Müller einer Krebsoperation, bei der dem Whiskey-Trinker und Zigarrenraucher der größte Teil seiner Speiseröhre entfernt wurde, weitere Krankenhausaufenthalte folgten. Am 30. Dezember 1995 starb er im Alter von 66 Jahren.
Zu Müllers 80. Geburtstag gibt es zahlreiche Veranstaltungen. Unter dem Motto „Nachbar Müller“ erinnert die Berliner Volksbühne mit Theater, Installationen, Filmen und Musik an ihn, „als wäre er noch unter uns“. Im Literaturforum im Berliner Brecht-Haus wird über die Möglichkeiten von Müllers Werk im 21. Jahrhundert diskutiert. In der Akademie der Künste beteiligen sich an einem Abend unter dem Motto „Die Menschheit braucht ein neues Wozu!“ mit Texten des „politischen“ Müller unter anderem Hans Neuenfels, Elke Heidenreich, Thomas Langhoff, Gregor Gysi, Wolfgang Engler, Jenny Erpenbeck, Durs Grünbein, Nike Wagner und Wolfgang Thierse.
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