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„Gestern war auch schon ein Tag“

Finn-Ole Heinrichs neuer Erzählungsband

© Die Berliner Literaturkritik, 18.01.10

Von Angelo Algieri

Nach dem Erzählband „die taschen voll wasser“ im Jahr 2005 und dem Roman „Räuberhände“ im Jahr 2007, legt Finn-Ole Heinrich nun seine neue Erzählsammlung „Gestern war auch schon ein Tag“ beim Hamburger Mairisch Verlag vor. In den acht unterschiedlich langen Erzählungen geht es meist um Männer, die sich ihre Männlichkeit beweisen müssen oder bereits zu wissen glauben, wie sich echte Männer in bestimmten Situationen verhalten. Im Gegensatz zu ihnen sind die Frauen in den Erzählungen (vermeintlich) das stärkere Geschlecht. Sie meistern ihr Leben und lassen die Männer blass aussehen.

So beispielsweise in der längsten Erzählung „Marta“. Der disziplinierte Ich-Erzähler Paul verlässt drei Wochen vor Abgabe seiner Diplomarbeit seine Gewohnheiten und lernt Marta kennen. Von da an hat er die Diplomarbeit vergessen und ist ganz in Martas Bann gefangen. Er nimmt sie mit zu sich nach Hause, doch bald wird er in ihrem Haus einziehen. Sie verbringen vier Wochen miteinander: Paul begleitet sie überallhin, sofern er mithalten kann. Marta, angeblich eine 26-jährige Deutschrussin, verausgabt ihr Leben, obwohl sie sterbenskrank ist. Sie trinkt jeden Tag Wodka-Red-Bull, isst jeden Tag einen Happen aus sieben Stücken Kuchen, organisiert Partys, konsumiert Drogen und träumt davon, einmal mit Paul nach Friesland zu fahren – nicht nur des Trinkrituals Rummelpottlaufen wegen. Die in drei Abschnitten komponierte Geschichte endet mit – wie sollte es anders sein – einer Party, auf der Paul einen Eifersuchtsanfall ungeahnten Ausmaßes bekommt, und Marta wenig später in ihrem Bett stirbt. Daraufhin fährt Paul nach Friesland, wo er erstmals seit langem seinen Vater wieder sieht.

In dieser Erzählung greift Heinrich ein Thema auf, dem er bereits seine letzten Werken gewidmet hatte: Heimat. Was bedeutet Heimat für Twens, für Heranwachsende? Der 27-jährige Schriftsteller beschreibt ganz treffend das zerrüttete Verhältnis seiner Generation zu ihren Wurzeln. So wird sich Paul seiner friesischen Heimat erst dank der „Gegenspielerin“ Marta bewusst. Sie ist es, die ihm von Friesland und seinen Ritualen, insbesondere dem Rummelpottlaufen, erzählt. Das ist ein Trinkritual, das auch im Süden Dänemarks, sowie in Schleswig-Holstein und Niedersachsen zu Silvester zelebriert wird. Man geht von Haustür zu Haustür und nachdem man einen Reim gesagt hat, bekommt man einen Schnaps eingeschenkt. Heinrich unterstreicht mit den Reimen in friesischer Mundart die Heimatthematik: „Rummel rummel röten, giv me n Pott voll Pföten“.

Neben der Heimatthematik durchzieht den ganzen Erzählband die Frage: Wie verhalte ich mich richtig als Mann? – In der Geschichte „Marta“ flippt Paul vor Eifersucht aus, schlägt einen Partygast blutig – auch wenn er etwas ähnliches zuvor noch nie gemacht hat und obendrein ohne ersichtlichen Erfolg. Vermeintlich männliches Verhalten begegnet uns auch in der Erzählung „Zeit für Witze“, in der sich ein Junge vor seiner Freundin gerne als Beschützer, Helfer und als der Starke vor der Freundin hervortun möchte, nachdem sie bei einem Unfall einen Unterschenkel verloren hat. Doch er kommt mit dieser neuen Situation nicht zurecht: neben seinen übersteigerten „männlichen“ Erwartungen, lässt ihn seine Freundin nicht die Möglichkeit das Problem mit ihrem fehlendem Bein zu benennen und sich wirklich damit zurecht zu finden.

Gestörte Männerverhaltensweisen findet sich auch in der Erzählung „Machst Du bitte mit, Henning?“, deren jugendlicher Ich-Erzähler sich seine männliche Identität dadurch beweisen will, dass er ein Kind auf sadistische Weise misshandelt, von Kommandieren, über Haut verbrennen, Hundekot essen bis hin zu „Pimmellutschen“. Und in der Erzählung „Samstags“ treffen sich Woche für Woche drei Freunde, gebildet und nicht arbeitslos, Samstags im Stadion, wo sie sich einen Einzelnen aus der Menge herauspicken und verprügeln. – Doch Männer sind nicht nur gewalttätig, sie verleugnen auch ihre behinderten Familienmitglieder, wie in der Erzählung „Wenn man gesungen hat“. Willm erzählt erst seiner Frau vor der Beerdigung seiner Großmutter, dass er einen geistig-behinderten Bruder hat, obwohl er seinen Bruder mag. Seine Schwester hält ihm dieses Verschweigen vor. In der Erzählung, die die einzige mit einer Ich-Erzählerin ist, offenbart sich, dass die Frauen diejenigen in der Familie sind, die ihren Mann stehen – im Gegensatz zu Willm.

Der in Cuxhaven groß gewordene Heinrich hat acht einzigartige Erzählungen geschrieben – wie sein Verlag nicht zu Unrecht betont, hat Heinrichs Schreiben eine neue Stufe erreicht. Die Erzählungen sind nicht nur vielschichtiger in Form und Thematik, sie erforschen und zeigen uns den Kosmos einer Generation auf eine Weise, die existenzielle Fragen aufwirft. Dabei erklären sie die Welt nicht eindimensional oder monokausal, sondern stellen mehrere Erklärungsversuche bereit. So ist Henning Täter, doch wie kommt es, dass er so geworden ist? Ist er nicht auch Opfer? Andeutungen dazu gibt Heinrich reichlich, ohne vordergründig moralisch zu werden.

Auch stilistisch und formal hat sich Heinrich weiterentwickelt. Seine Geschichten kennen keinen konkreten Ort, keine konkrete Zeit, so als ob seine Generation nicht mehr weiß, wohin und in welche Zeit sie gehört. Des Weiteren bedient sich Heinrich in den meisten Erzählungen (Film-) Montagetechniken. Der Absolvent eines Filmstudiums verweigert sich als Autor einer chronologischen Erzählweise, was zum einen die Zerrissenheit seiner Figuren aufzeigt, zum anderen den Erzählungen eine dramaturgische Spannung verleiht. Kleiner Wehmutstropfen: Einige Erzählungen, beispielsweise „Schubert wäre gern geheimnisvoll“ oder „Samstags“, verlieren an Glaubwürdigkeit, da sie nicht konsequent in einer Umgangssprache oder Dialekt geschrieben wurden, und wirken streckenweise künstlich.

Dennoch: Finn-Ole Heinrich hat mit diesem Band ein beängstigendes Porträt seiner Generation geschaffen. Der Blick, den seine verstörten Ich-Erzähler auf unsere Gesellschaft werfen, steht jeder gängigen Political Correctness entgegen. Nicht jedem wird das schmecken. Und genau solche Literatur brauchen wir, die uns zwingt, darüber nachzudenken, was in dieser Gesellschaft falsch läuft!

Literaturangabe:

HEINRICH, FINN-OLE: Gestern war auch schon ein Tag. Erzählungen. Mairisch Verlag, Hamburg 2009. 160 S., 16,90 €.

Weblink:

mairisch Verlag

 

 

 


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