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„Geschichte, die noch qualmt“ - Erich Loests Tagebuch

„Man ist ja keine Achtzig mehr“ sind Loests jüngste Tagebuchaufzeichnungen

© Die Berliner Literaturkritik, 24.02.11

Loest, Erich: Man ist ja keine Achtzig mehr. Tagebuch, Steidl Verlag. Göttingen 2011, 234 S., 18 €

Von Wilfried Mommert

Erich Loest hat DDR-Geschichte erlebt und erlitten und nach Ansicht mancher Leser mit Büchern wie „Es geht seinen Gang“, „Durch die Erde ein Riss“ und „Völkerschlachtdenkmal“ einige der wichtigsten Werke zur DDR und zur deutschen Geschichte geschrieben. Pünktlich zu seinem 85. Geburtstag (24. Februar) wird das auch von literaturwissenschaftlicher Seite in einem neuen Band gewürdigt mit dem Titel „Geschichte, die noch qualmt - Erich Loest und sein Werk“. Gleichzeitig legt der Leipziger Autor unter dem Titel „Man ist ja keine Achtzig mehr“ seine jüngsten Tagebuchaufzeichnungen von 2008 bis 2010 vor (Steidl Verlag). Nach eigenen Worten ist es sein letztes Buch: „Ende gut, alles gut. Meine Kraft ist aufgebraucht, mein Pulver verschossen.“ Und für seine Beerdigung hat er auch einen Wunsch: „Keine Reden, keine Lügen, Champagner!“

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Im Tagebuch kommt auch seine frühere und von ihm verdrängte NSDAP-Mitgliedschaft zur Sprache, als er über entsprechende journalistische Recherchen bei der Birthler-Behörde informiert wird: „Im Ergebnis wurde eine Karteikarte ermittelt, welche Ihre Aufnahme in die NSDAP zum 20. April 1944 unter der Mitgliedsnummer 9986544 auf der Grundlage eines Antrags, datierend vom 10. Februar 1944, dokumentiert. Loest dazu: „Dieser Fakt ist in meinen Lebenslauf nachzutragen.“

Zuvor notierte Loest in seinem Tagebuch anlässlich anderer ähnlicher Fälle: „Warum hat Walter Jens seine Jugendtorheiten nicht längst eingeräumt? Warum schwieg Grass über seine Waffen-SS-Zeit?“ Loest spricht von einer „Phase beginnender Vergesslichkeit“ und resümiert am Ende des Tagebuches, dass dies wohl auch sein letztes veröffentlichtes Werk sein werde. „Mein letztes Jahr hat Kraft gekostet. Hinter der 85 bleibt alles schwarz...Noch nie war ich 85...Ich bin gespannt.“

Das Tagebuch ist eine Mischung aus tagespolitischen, vor allem Leipziger Notizen der jüngsten Vergangenheit mit Rückblicken auf ältere wichtige Begegnungen und Erlebnisse seines Lebens. Es geht auch um die Verurteilung zu über sieben Jahre Haft im DDR-Zuchthaus Bautzen als „Staatsfeind“. Aber auch Notizen über private Alltagsereignisse, -freuden und -leiden sind enthalten, darunter auch Eintragungen über unerquickliche familiäre Auseinandersetzungen mit seinem Sohn, dem Leipziger Verleger Thomas Loest. Es ist fast eine Familientragödie: „Eine schlimme Geschichte ist vorbei und nicht vorbei...Mein Sohn Thomas wird in diesen Tagen sechzig und steht vor den Trümmern allen verlegerischen Bemühens.“

Immer wieder kommt Loest auf die dramatischen Tage im stürmischen Herbst 1989 zu sprechen und spart dabei nicht mit Kritik an ostdeutschen Kollegen, denen er noch heute vorwirft, sie hätten die DDR („eine Fehlkonstruktion von Anfang an“) retten wollen und seien auch gegen eine Wiedervereinigung gewesen. „Wer für Reformen in der DDR und damit für ihren Bestand eintrat, wollte die Vereinigung NICHT“,  betont Loest. „Sehr spät in diesem Tumult meldeten sich Berliner Intellektuelle zu Wort. Ziel war die Rettung der DDR, durch Zugeständnisse an die Opposition, Christa Wolf, die entsetzt war, als die Mauer fiel, Stefan Heym, Friedrich Schorlemmer aus  Wittenberg und Volker Braun...“

Zu Christa Wolfs letztem Buch „Stadt der Engel“ meint Loest, wenn sie sage, sie habe spätestens ab 1965 in der DDR nicht mehr mitgespielt, dann „irrt sie sich“. Beileibe nicht alle Bürger der DDR seien in die damaligen Kämpfe verstrickt gewesen. „Nichts wissen wir, was die Physikerin Angela Merkel tat und dachte; außer, dass sie am Abend des Mauerfalls in einer Sauna war.“

Nüchterner und streckenweise daher auch weniger spannend zu lesen ist die fundierte literaturwissenschaftliche Geburtstagsgabe „Geschichte, die noch qualmt - Erich Loest und sein Werk“, herausgegeben von Carsten Gansel und Joachim Jacob. Laut Verlag nehmen sie „erstmals das ganze Panorama“ von Loests Schaffen „gründlich in den Blick“. Der Autor selbst zeigt sich hocherfreut über diese Ausgabe: „Ich hatte an eine universitätsinterne Broschüre gedacht. Nun ein richtiges Buch von 300 Seiten!“

Neben einer breitgefächerten Würdigung durch die Literaturwissenschaft enthält der Band auch Beiträge von Historikern, Journalisten sowie einen bisher unveröffentlichten Text von Loest. Diesem wird bescheinigt,  beharrlich gegen die „Tricks der Erinnerung“ angeschrieben zu haben, wobei gleichzeitig das Wort Heimat einen Großteil seiner Schriften durchziehe. Sein (von Frank Beyer auch verfilmtes) Buch „Nikolaikirche“ über die Demonstrationen in Leipzig vom Herbst 1989 gehöre inzwischen zum „kollektiven Gedächtnis der Deutschen“. Aber Loest selbst betont: „Die Geschichte der Revolution von 1989 ist noch nicht geschrieben.“

Weblink: Steidl Verlag


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