Von Carola Frentzen
WIEN (BLK) - Künstlerischer Avantgardist und literarischer Revolutionär: Der gebürtige Wiener Gerhard Rühm lässt sich nicht in eine einzelne Gattung pressen. So wurde das Aufheben der Grenzen zwischen verschiedenen Strömungen und das Experimentieren mit diversen Kunstformen zu einem der Grundprinzipien des Österreichers, dessen Schaffen irgendwo zwischen Komposition und Interpretation, zwischen Dichtung und bildender Kunst pendelt. An diesem Freitag (12. Februar) wird der Mitbegründer der legendären „Wiener Gruppe“, der in den 60er Jahren mit einem Publikationsverbot belegt war, 80 Jahre alt.
Im Jahr 1930 als Sohn eines Musikers der Wiener Philharmoniker geboren, stand die Musik zunächst im Mittelpunkt von Rühms Laufbahn. Er studierte unter anderem beim Zwölfton-Spezialisten Josef Maria Hauer Klavier und Komposition und beschäftigte sich während eines längeren Aufenthaltes im Libanon mit orientalischer Musik. Aufmerksamkeit erregte er dann mit ersten avantgardistisch-experimentellen Kompositionen, wie der mit dem Pianisten Hans Kann geschaffenen “geräuschsymphonie“ und einer „ein-ton-musik“ für Klavier.
Die Begegnung mit H. C. Artmann Anfang der 50er Jahre brachte Rühm zur Literatur. Mit Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Bayer und Oswald Wiener gründete er die „Wiener Gruppe“ als dessen „Mutter“ Ernst Jandl den vielseitigen Künstler einmal betitelte. „Gelungene ästhetische Provokation setzt den Kulturbanausen, den Spießer voraus, der sich eben provozieren lässt“, meinte Gerhard Rühm zu seinem viel diskutierten Werk.
Da seine Arbeiten aber in Österreich keine Anerkennung fanden und sogar durch Verbote behindert wurden, ging Rühm 1964 nach Berlin und 1975 nach Köln, wo er noch heute die meiste Zeit lebt. Am vergangenen 25. Januar erhielt er dort die Ehrendoktorwürde der Universität. Der documenta-Teilnehmer (1977) wurde mit zahlreichen weiteren Preisen geehrt, darunter mit dem Großen Österreichischen Staatspreis und dem Karl Sczuka-Preis.