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„Generation 1000 Euro“

Antonio Incorvaias und Alessandro Rimassas Roman zur „Generation Praktikum“

© Die Berliner Literaturkritik, 07.01.09

 

MÜNCHEN (BLK) – Der Roman „Generation 1000 Euro“ von Antonio Incorvaia und Alessandro Rimassa ist im Dezember 2008 bei Goldmann erschienen.

Klappentext: Der Roman zur „Generation Praktikum”. Du bist überarbeitet. An deine letzte Gehaltserhöhung kannst du dich nicht erinnern. Du hat das Gefühl, dass dein Studium reine Zeitverschwendung war. Du hast keine Sicherheiten, und deinen Freunden geht es genauso. Und trotzdem willst du auf den Spaß im Leben nicht verzichten …

Antonio Incorvaia, geboren 1974, arbeitet trotz eines abgeschlossenen Architekturstudiums als Dauerpraktikant in verschiedenen Funktionen, darunter als Grafiker, Web-Designer und Fernsehredakteur. Alessandro Rimassa, geboren 1975, ist Journalist und Fernsehautor. Die Autoren schufen gemeinsam den erfolgreichen Blog generazione1000, das erste Forum der „Milleuristi“, der qualifizierten, aber chronisch unterbezahlten jungen Generation von heute. Alessandro Rimassa lebt in Mailand. (mir)

Leseprobe:

©Goldmann©

Zwei Stunden Verspätung

Straff wie beim Militär spanne ich die Bauchmuskeln an, schlage die Decke zurück, springe aus dem Bett, lasse Boxershorts und T-Shirt fallen und stürze in die Dusche. Heißes Wasser. Eiskaltes Wasser. Zähne – Mist, irgendwann muss ich mal daran denken, mir eine neue Zahnbürste zu kaufen, die hier ist hinüber –, Bart … nee, ist zum Glück nicht so wild bei mir, kann ich mir heute sparen, Deo, Rasierwasser, Jeans, Hemd, Pullover, Schuhe. Kein Frühstück.

Ich ziehe meine Jacke an und bin schon fast aus der Wohnung heraus, als ich Matteo in seinem Zimmer grunzen höre. Beneidenswert. In diesem Moment würde ich auch gerne noch mal studieren und das Leben genießen.

Während ich schnell meine Mitbewohner durchgehe (Rossella ist nicht da, Alessio ist bei der Arbeit … Idiot, wenigstens er hätte mich heute Morgen wecken können!) und wie ein Mittelstreckenläufer um die gelangweilten Passanten herum zur Bushaltestelle trabe, wobei mir die Kälte und ein leichter, durchdringender Regen zusetzen, leuchten bei mir allmählich jede Menge Fragezeichen auf: Wenn Ross nicht da ist, wem gehört dann der BH auf dem Wohnzimmersessel? Ganz bestimmt keiner Frau, die mit Ale die Nacht verbracht hat. Seit wir zusammen wohnen, also fast zwei Jahre, hat er sich nie mit einer Frau blicken lassen. Matteo hat allerdings etwas von einer Schlittschuhläuferin erzählt, die aber zurzeit – gestern stand es in der Gazzetta dello Sport – in Deutschland für die Olympiade trainiert.

Nicht mein Bier. Heute Abend wird man ja sehen, ob jemand darauf zu sprechen kommt … Vielleicht erweisen sich meine Mitbewohner auch als wahre Verwandlungskünstler. Bedenkt man, dass wir in einer Gegend wohnen (Viale Certosa, Mailand), wo nachts die Prostituierten defilieren und Familienväter in ihren Luxuskarossen Schlange stehen, wäre das sicher nicht allzu erstaunlich. Man muss schließlich über die Runden kommen …

Na endlich, der Bus. Es ist einer von denen, die komplett mit Werbung zugekleistert sind – Handywerbung natürlich. Ich frage mich jedes Mal, ob das nun eine geniale Marketingidee oder der reinste Schwachsinn ist, weil zumindest ich hinter den zugeklebten Scheiben die betreffende Handymarke zu hassen beginne.

Acht Minuten, und ich bin an der Metro, dann noch dreizehn Minuten bis ins Zentrum. Vier Minuten Fußmarsch, und ich betrete das Büro. Alles in allem fünfundzwanzig Minuten. Viertel vor elf werde ich da sein, ungefähr zwei Stunden zu spät. Klasse!

Ich sehe es schon vor mir: Daniele, der in Gedanken noch bei seinem Fest von gestern Abend ist, hin und her gerissen zwischen Partyglück und der Verzweiflung, die schicksalhafte Dreißig nun erreicht zu haben. Dann Gloria am Telefon im Gespräch mit Gatte/Tochter/Babysitter. Mark natürlich, der auf vier Leitungen gleichzeitig spricht (während mindestens noch zwei Personen vor seinem Schreibtisch sitzen), ohne dass sein brillantes Englisch auch nur im Geringsten darunter leiden würde.

Schließlich Stefania, die nicht weiß, ob sie sich mehr über meine Verspätung aufregen soll oder über meinen Pullover, der … na ja … „vielleicht könntest du das nächste Mal einen anderen anziehen“.

©Goldmann©

Literaturangaben:
INCORVAIA, ANTONIO/ RIMASSA, ALESSANDRO: Generation 1000 Euro. Roman. Aus dem Italienischen von Claudia Franz. Goldmann, München 2008. 160 S., 6,95 €.

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