Als sich das finstere Mittelalter unabwendbar seinem Ende entgegen neigte, wurde die Neuzeit von Veränderungen in nahezu allen Bereichen geprägt. Soweit nichts Neues. In der europäischen Musik war es die Violine, die ihren Siegeszug mit außergewöhnlichen und energischen Schritten antrat.
Ein ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet ist Rohan Kriwaczek. In „Eine unvollständige Geschichte der Begräbnis-Violine“ wird der Musikhistoriker und amtierende Präsident der Zunft der Trauerviolinisten spezieller und berichtet vom geheimen Wirken einer sinistren Gilde. Doch bevor der geneigte Leser das Buch vorschnell zur Seite legt, weil er es für das an ein Fachpublikum gerichtete Werk eines verschrobenen Gelehrten hält, lohnt ein unvoreingenommener Blick auf die vermeintlich wissenschaftliche Abhandlung.
Die Chronik der Totengeige reicht von den Anfängen in der Renaissance bis zu den mysteriösen Säuberungsaktionen des Vatikans, die auf die Glanzzeit des Barock und insbesondere der Romantik folgten. Die Reformation verkürzte die religiösen Aspekte des Trauergottesdienstes drastisch. Nur so ist erklärbar, dass die damals noch neue Begräbnisviolinmusik das Vakuum, das durch die Abschaffung katholisch geprägter Trauerriten in den Kirchen entstanden war, so nachdrücklich auszufüllen vermochte. Die gesellschaftlichen Elemente rückten fortan in den Vordergrund und fanden in pompösen Prunkbegräbnissen hochgestellter Persönlichkeiten ihren Ausdruck.
Kriwaczeks Essay stellt die Historie der Begräbnis-Violine als Geschichte der mit ihr verbundenen, extraordinären Charaktere dar. Begründet wurde die Gemeinschaft der Trauerviolinisten von George Babcotte, einem im Handgemenge um seine Nase gebrachten Musiker, der einer gestohlenen Geige solch anrührende Klänge entlockt haben muss, dass er damit sogar das Herz Elisabeth I. erreichen konnte. Nebenbei bemerkt, rettete aber auch die Protektion der Queen Babcotte nicht davor, als Häretiker verfolgt zu werden und mit einem Pflock im Herzen zu enden, wie es damals für Selbstmörder vorgesehen war.
Dennoch begründete dieser Künstler eine Tradition, die in den folgenden dreihundert Jahren von Genies und Wahnsinnigen, düsteren und eigenartigen, in jedem Fall besonderen Menschen geprägt wurde, deren klangvolle Namen auch in der Musikwelt bislang unbekannt geblieben sind. Wer hat je etwas von Bulstrode Whycherley, Hieronymus Gratchenfleiss, Pierre Dubuisson, Charles Sudbury oder John (Jane) Pemberton gehört, der einzigen bekannten, praktizierenden Frau der Vereinigung. Diese Menschen waren es, die das Genre von einer Improvisationstradition zur kunstvollen Trauerästhetik einer sieben Sätze umfassenden Suite perfektionierten, die sich auf Friedhöfen Trauermusikduelle lieferten und die Särge nahezu aller bedeutenden Persönlichkeiten jener Zeit zu Grabe geleiteten, bevor der Vatikan dem Treiben ein ebenso grausames, wie rätselhaftes Ende bereitete.
Dass überdies auch weithin bekannte Künstler, wie Niccolò Paganini oder William Shakespeare partizipierten, sei nur am Rande erwähnt. Shakespeare war, obwohl keineswegs als Violinenvirtuose bekannt, Mitglied der Zunft. Dies könnte sich aus der Bekanntschaft des Dichters mit Babcotte erklären, wahrscheinlicher aber ist, dass die Vita der Geiger des überbordenden Einfallsreichtums eines literarischen Dramaturgen bedurfte!
Rohan Kriwaczek verbindet Phantasie und Realität sehr subtil. Er hat den politischen, religiösen und sozialen Hintergrund akribisch recherchiert und ingeniös in Beziehung zu jenen Totengeigern gesetzt, denen Carpe diem und Memento mori ein Anliegen waren. Historische Persönlichkeiten sind in der unvollständige[n] Geschichte kunstvoll mit frei erfundenen verknüpft. Papst Gregor XVI. etwa führte im 19. Jahrhundert tatsächlich einen reaktionären Kampf gegen die Angriffe der Neuerer und verfolgte Reformbestrebungen wie Verbrechen. Nicht unwahrscheinlich, dass die Geheimbündler mit dem geschnitzten Totenkopf am Instrument, ebenfalls der Verfolgung ausgesetzt waren.
Dennoch ist die illustre Musikerschar vermutlich ebenso frei erfunden, wie die Darstellung der verworrenen Kommunikation des selbsternannten Präsidenten der Gilde mit der päpstlichen Pressestelle im Epilog. Nicht ohne Grund verlegt der Autor die Hochzeit seiner Profession in die Romantik. Schließlich war das Fragment – und lesen wir nicht auch hier eine unvollständige Geschichte – die beherrschende Form der romantischen Dichtung. Auch die Romantiker verquickten kunstvoll Phantasie und Realität, bedienten sich der Ironie als zentralem Mittel und waren fasziniert von Mystik, Scharlatanerie und Magnetismus. Kriwazcek ist zweifellos ein Erbe dieser Romantiker.
Obwohl der Titel ein Sachbuch verheißt, von dem man annehmen darf, dass es vermutlich nur für einige wenige Exzentriker geschrieben wurde, ist es tatsächlich ein großartiger Spaß für alle Freunde des schwarzen Humors. Doch hinter der feinen Ironie des Essays verbirgt sich zugleich ein Plädoyer: Die Begräbnis-Violine, so lehren uns die schrulligen Musiker, ist Kontrapunkt eines limitierten modernen Verständnisses unserer kulturellen Werte. Das Bindeglied zwischen Mensch und Musik dient als Metapher für die Einheit von Leben und Kunst, die ebenso untrennbar zueinander gehören, wie Leben und Tod.
In diesem Sinne ist Kriwaczeks Studie zunächst einmal lehrreiche und lebendige Geschichte; insbesondere aber ist sie dem aufmerksamen Leser ein erstklassiges Vergnügen und geistreiches Fest der Phantasie.
Von Jürgen Wicht
Literaturangaben:
KRIWACZEK, ROHAN: Eine unvollständige Geschichte der Begräbnis-Violine. Übersetzt von Isabell Lorenz. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008. 312 S., 34 €.
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