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Jüdische Paare im Exil

Gebrochene Zeit

© Die Berliner Literaturkritik, 23.07.09

ZÜRICH (BLK) – Im Januar 2009 ist bei Ammann „Gebrochene Zeit. Jüdische Paare im Exil“ von Jaques Picard erschienen.

Klappentext: Von vier Frauen und vier Männern handelt dieses Buch. Ausgangspunkt ihrer Biographien ist die Schweiz. Hier lernen sie sich kennen, verweilen und brechen dann in verschiedene Richtungen und Welten auf. Wir begegnen Léon Reich, der Auschwitz und Buchenwald überlebt und zum Erfinder und Mitgestalter der helvetischen Uhrenproduktion aufsteigt. Erzählt wird die Geschichte von Hermann Levin Goldschmidt, der aus Berlin flüchtet, in einer Zürcher Galerie seiner Frau Mary begegnet und zum Philosophen wird. Wir lernen Simche Schwarz aus Bukarest und Ruth Hepner aus Leipzig kennen, die in Paris mit Marc Chagall ein Puppentheater gründen und nach Buenos Aires weiterziehen. Und es treten Lotte und Herbert Strauss auf, die mit viel Glück über die Grenze in die Schweiz gelangen und von dort aus nach New York, wo sie das Thema Migration und Exil nie wieder loslassen wird. Eine Gemeinsamkeit der Porträts ist, daß diese Überlebenden und Entronnenen in der Zeit nach Erniedrigung, Flucht oder Konzentrationslager aus ihrem Leben neue Zuversicht gewinnen konnten. Sie schufen bemerkenswerte Dinge und brachten außergewöhnliche Ideen hervor – in Form von Kunst, Erfindungen, Wissenschaft oder sozialem Engagement. Jacques Picard spürt diesen Ideen nach, die er als Ausdrucksweisen des Überlebens deutet.

Jaques Picard wurde 1952 in Basel geboren. Er ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur der Moderne an der Universität Basel. Jacques Picard lebt in Zürich. (ber/rud)

Leseprobe:

©Ammann©

Zu diesem Buch

Von vier Frauen und vier Männern handelt dieses Buch. Ausgangs- und Augenpunkt ihrer Biographien ist die Schweiz. In diesem Land haben sie sich kennengelernt oder geheiratet. Soweit erschiene das alltäglich, wenn ihre Lebenswege nicht im Zeichen von Verfolgung und Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus gestanden hätten. Der Leser, die Leserin hat es mit Menschen zu tun, die Konzentrationslager überlebten oder sich dem Tod durch Flucht in die Schweiz entzogen. Jedoch wird unsere Teilnahme an deren Leben nicht auf die Jahre des Drangsals und Schreckens beschränkt. Unser Blick auf die Porträtierten führt uns vielmehr zurück in die Jugend und Räume ihrer Herkunft, in die Zeit vor der Verfolgung. Und wir lernen sie in der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennen, als sie Familien gründeten, Berufe ausübten, in neue Welten migrierten und ins Alter kamen.

Wir begegnen einem Jungen aus Südpolen, der in einer chassidischen Familie aufwächst, Uhrmacher lernt, Auschwitz und Buchenwald überlebt, in Israel wirkt, in der Schweiz heiratet und vom Arbeiter zum Erfinder und Gestalter der helvetischen Uhrenproduktion wird.

Erzählt wird die Geschichte eines rumänischen Künstlers und einer jungen orthodoxen Frau aus Leipzig, die sich in einem schweizerischen Flüchtlingslager finden, in Paris mit Marc Chagall ein Puppentheater entwickeln, sich nach Argentinien einschiffen und in Buenos Aires als Künstler, Erzieher und Therapeuten in Zeiten der Diktatur wie der erneuerten, aber ungesicherten Demokratie wirken. Wir lernen einen jungen Mann kennen, der von Berlin nach Zürich reist und zum Philosophen wird, und eine junge Frau, die aus gutem Haus und Tochter eines angesehenen Galleristen ist und sich als Fürsorgerin bei der jüdischen Flüchtlingshilfe engagiert, bis sich beide finden, einen gemeinsamen Haushalt gründen und das Denken über das Vermächtnis und die Situation des Judentums von Zürich aus betreiben.

Und es tritt ein Flüchtlingspaar aus Berlin auf, wo sie Zwangsarbeit verrichten müssen, Geistesgrößen des verbliebenen Judentums kennenlernen, sich vor Häschern verstecken, bevor sie mit viel Glück über die Grenze in die Schweiz gelangen, endlich frei atmen können, um dann, nach einem Studium in Bern, nach New York zu ziehen, wo sie die Beschäftigung mit dem Thema der Migration, des Exils und der Menschenrechte nie mehr loslassen wird.

Eine Gemeinsamkeit der Porträts ist, daß diese Überlebenden und Entronnenen in der Zeit nach Erniedrigung, Flucht oder Konzentrationslager aus ihrem Leben neue Zuversicht gewinnen konnten. Sie schufen bemerkenswerte Dinge und brachten außergewöhnliche Ideen hervor – in Form von Kunst, technischen Erfindungen, Wissenschaft oder sozialer Arbeit. Meine biographischen Skizzen gelten diesen Ideen und Formen, die ich als Ausdrucksweisen des Überlebens deute. Sie werden nicht immer linear, nicht immer chronologisch erzählt, überhaupt nicht umfassend berichtet, sondern fragmentarisch an Brüchen und Brücken des Lebens skizziert. Linien und Fluchtgeraden sind dennoch gut erkennbar. Es geht mir darum, Bilder, Motive und Gedanken zu erfassen, die ich in der Kunst oder im Denken der Porträtierten vorgefunden habe. Ihre Schöpfer und Schöpferinnen weisen sie als Menschen aus, die um Ausdruck und Gelingen in ihrem Leben und Überleben rangen, philosophisch, künstlerisch, technologisch oder durch soziales Handeln.

Die Wege und Umwege, die hier nachgezeichnet sind, führen von Bukarest nach Paris und Buenos Aires, von Krakau nach Jerusalem und ins Bieler Seeland, von Berlin nach New York und zurück nach Berlin. Auschwitz und Buchenwald sind wichtige Stationen und Chiffren der Erzählung. Wir haben es in den Lebenswelten dieser Menschen mit sehr unterschiedlichen, stets wechselnden Perspektiven zu tun. Saul Steinberg, ein aus Bukarest stammender Künstler, den es nach New York verschlug, hat uns für diese weit reichenden Linien ein treffendes Bild geliefert. Sein 1976 geschaffenes, berühmt gewordenes Plakat zeigt New York – augenzwinkernd als Nabel und Ausgangspunkt der weiteren Welt, vom Augenpunkt der 9th Avenue aus betrachtet, mit Blick nach Westen und dem Pazifik als Fluchthorizont. Das Bild sagt uns, daß jeder Mensch die Dinge stets von dort her wahrnimmt, wo er sich – in bestimmter Zeit – gerade befindet. Er wird seinen gegenwärtigen Ort aber nur begreifen können, wenn er über dessen Horizont hinausdenkt. Steinberg, ein jüdischer Flüchtling, hatte das Leben von Rumänien nach Nordamerika und dort an die neunte Avenue verschlagen. Über seine Kindheit und Jugend schrieb er, Bukarest sei als eine Stadt des guten Lebens immer in seinem Denken und Sehen anwesend geblieben – »wie ein Territorium, wie eine Nation, nicht was den Raum, sondern was die Zeit betrifft«1. Die Flucht und Migration durch Räume, über Grenzen hinaus, ist eine Bewegung durch unterschiedliche Lebenswelten auf dem Feld der Zeit.
Vielfach bezeugt, vielfach gebrochen führen die Wege in meiner Erzählung in die Schweiz und von ihr weg und auch wieder in die Schweiz zurück – wobei wir uns mehrheitlich außerhalb dieses Landes aufhalten. Es ist eine Schweiz, die trotz eines Versagens gegenüber Flüchtlingen für viele der Schutzsuchenden entschieden lebenserhaltend wirkte. Als eine Art Fluchtgerade markierte sie einen der vielen Transitpunkte und konnte auch zur zweiten Heimat werden. Der Verschonung der Schweiz vor dem Kriegsgeschehen verdanken viele Flüchtlinge den Schutz ihres Lebens vor Verfolgung und Vernichtung. Die Schweizer Landesgrenze war eine Linie im Kopf, an der über Leben und Tod entschieden worden ist. Jedoch würde eine Perspektive, die lediglich diesen Zeitraum und diese Grenze betrachtet, das Leben der hier Porträtierten eben auch verdecken. In solcher Erzählung wären Flüchtlinge nur Opfer und so auf den Status von Objekten der Politik und der sie beleuchtenden Geschichtsschreibung beschränkt. Die amtliche Praxis auf beiden Seiten der Grenze ist sehr wohl konstitutiv für Bedrohung, Verfolgung und Flucht, Zurückweisung in den Tod oder dann Aufnahme und Schutz vor Verfolgung. Eine Reduktion auf die Zeit des Schreckens, der Flucht und der Duldung käme jedoch einer Weigerung gleich, daß die davon betroffenen Menschen auch Zeiten der Suche nach Glück und des gelungenen Lebens in ihre Biographien eingeschrieben haben. Ihre Jugend und ihre Herkunft, ihre Reife und ihr Alter bezeichnen längere Abschnitte, die gerade nicht der Verfolgung anheimfielen, sondern kreative, initiatorische und unternehmerische Momente ihres Lebens waren.

Wenn nach Auschwitz und Buchenwald nichts mehr so blieb, wie es einst war, bedeutet dies nicht, daß Überlebende und Entronnene nicht Zuversicht schöpften – in der Erinnerung früheren Glücks ebenso wie in der Kraft, mit der sie sich neue Möglichkeiten in der Gegenwart schufen. Ihr Leben ist auch Zeugnis dafür, wie sie sich anstrengten, ihrem Leben Bedeutung abzugewinnen, und wie sie den schmalen Spalt suchten, durch den ihrem Leben Gelingen beschieden sein konnte. Wie man vorher und wie man später lebte, woher man kam und wohin man ging und was man an diesen und jenen Orten durchlebte und für das eigene Leben und Weiterleben unternahm, ist ein unersetzlicher Teil jener Geschichten, die im Zeichen des 20. Jahrhunderts zu erzählen sind.

©Ammann©

Literaturangabe:

PICARD, JAQUES: Gebrochene Zeit. Jüdische Paare im Exil. Ammann Verlag, Zürich 2009. 448 S., mit zahlreichen Abbildungen, 19.95 €.

Weblink:

Ammann Verlag


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