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Für alle Fragen offen

Das Beste aus „Fragen Sie Marcel Reich-Ranicki“

© Die Berliner Literaturkritik, 30.09.09

MÜNCHEN (BLK) – Im September 2009 erschien im DVA-Verlag das neue Buch von Marcel Reich-Ranicki „Für alle Fragen offen. Antworten zur Weltliteratur“.

Klappentext: „Ist die deutsche Literatur humorlos?“, „Kann man nur mit klarem Kopf klare Prosa verfassen oder hilft der Rausch?“ – in der beliebten Rubrik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung „Fragen Sie Marcel Reich-Ranicki“ beantwortet Deutschlands bekanntester Kritiker Leserfragen. Die ärgerlichsten und kuriosesten, die unverschämtesten und persönlichsten Fragen und Antworten zeigen Marcel Reich-Ranicki als eloquenten, streitbaren und immer hörenswerten Anwalt der Literatur.

Warum manche Schriftsteller Genies sind und trotzdem Langweiler, welches Buch ihm die Angst vor dem Tod nimmt, ob Borges wohl wusste, was für eine schöne blaue Krawatte er damals trug – über all das plaudert Deutschlands Literaturpapst in der allwöchentlich erscheinenden Rubrik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung „Fragen Sie Marcel Reich-Ranicki“. In diesem Band sind die Fragen aus den vergangenen drei Jahren versammelt, die den Kritiker verärgerten, die ihn zum wortreichen Schwärmen brachten, die ihn persönlich betroffen machten oder seinen Widerspruchsgeist reizten. Marcel Reich-Ranicki erzählt packend von außergewöhnlichen Begegnungen mit internationalen Autoren, liefert Interpretationshilfen, wettert gegen literarische Fehleinschätzungen und den Literaturbetrieb. Seine Antworten, mit ironischer Distanz verfasst und immer souverän und pointiert, belehren, belustigen und empören. Ein Band voll verblüffender Fundstücke aus der Weltliteratur.

Marcel Reich-Ranicki, 1920 in Polen geboren, war von 1960 bis 1973 Literaturkritiker der „Zeit" und leitete von 1973 bis 1988 den Literaturteil der „FAZ“. Dort ist er heute noch als Kritiker und Redakteur der „Frankfurter Anthologie“ tätig. Von 1988 bis 2001 leitete er „Das Literarische Quartett“ des ZDF. Er erhielt zahlreiche literarische und akademische Auszeichnungen. (kum)

 

Leseprobe:

©DVA©

Was halten Sie von Gustave Flaubert und Madame Bovary?

Gustave Flaubert war beides – ein Poet und ein Protokollant, ein Romantiker und ein Realist, ein Visionär und ein Berichterstatter, stets leidenschaftlich und pedantisch zugleich. Er war Frankreichs sachlichster Dichter und zärtlichster Chronist, wahrscheinlich der neben den Russen Tolstoi und Dostojewski größte Prosaschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts. Sein Hauptwerk, der Roman Madame Bovary, hat längst die Grenzen gesprengt: Er wurde in alle Sprachen der zivilisierten Welt übersetzt, man hat ihn mehrfach verfilmt und auch vertont und für die Bühne bearbeitet. Und natürlich wurde er zahllose Male kommentiert.

Woran geht eigentlich Emma Bovary, deren Geschichte Flaubert erzählt, zugrunde? An der unglücklichen Ehe mit einem biederen und langweiligen Landarzt? An ihrer bornierten, kleinbürgerlichen Umgebung? An der Monotonie des Alltags in einem französischen Provinznest? An dem Konflikt zwischen Traum und Leben, zwischen Phantasie und Realität, also an der Scheinwelt, in der sie Zuflucht sucht? Sind es die überspannten Wünsche und die romantischen Vorstellungen, die ihr zum Verhängnis werden? Oder scheitert sie an der Liebe, genauer: an der Sehnsucht nach Liebe?

So viele Fragen es auch sind, die der Roman aufwirft – die Zahl der Antworten ist ungleich größer. Denn jeder Leser versteht diese Geschichte auf seine Weise. Millionen haben sich in ihr wieder gefunden – vielleicht deshalb, weil wir hier von einem Menschen hören, dem kein Preis zu hoch war, um zu leben, statt zu vegetieren. Es gibt nicht viele Romane, von denen man sagen kann: Wer sie nicht gelesen hat, sollte wissen, dass er keine Ahnung hat, was die Weltliteratur leisten kann. Madame Bovary ist ein solcher Roman.

©DVA©

Literaturnachweis:

REICH-RANICKI, MARCEL: Für alle Fragen offen. Antworten zur Weltliteratur. DVA, München 2009. S.224, 14.95€

Weblink:

DVA


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