Werbung

Werbung

Werbung

Franzen kritisiert Nobel-Komitee

Politische Entscheidungen / „Schweden hat Amerika nicht gern“

© Die Berliner Literaturkritik, 09.10.10

FRANKFURT AM MAIN (BLK) – Der US-Schriftsteller Jonathan Franzen („Freiheit“) hat die starke Orientierung von Literaturpreisen an der Politik kritisiert. Auszeichnungen wie der Literaturnobelpreis seien ihm in den vergangenen Jahren vorgekommen wie „politische Schönheitswettbewerbe“, sagte der 51-Jährige am Freitagabend (08.10.2010) bei einer Lesung am Rande der Frankfurter Buchmesse. Es sollte aber um die literarische Leistung gehen. „Die Politik wird als Qualitätskriterium überschätzt.“

Daher sei er „sehr, sehr froh“, dass der peruanische Autor Mario Vargas Llosa in diesem Jahr den Literaturnobelpreis bekomme, sagte Franzen. „Er ist ein großartiger Schriftsteller.“ Er sei nicht enttäuscht, dass abermals keiner der seit Jahren favorisierten US-Amerikaner geehrt wurde. „Schweden hat Amerika zur Zeit nicht gern“, was wohl eher politische als literarische Gründe habe.

Der Leser soll entscheiden

Franzen überlässt die Deutung seiner Werke ganz seinen Lesern, sagte er weiter. „Es ist nicht meine Aufgabe als Autor, den Roman zu interpretieren. Er soll eine Erfahrung für den Leser sein. Als Schriftsteller will ich ihm nicht sagen, was er denken soll.“ Franzen, der 1982 als Student in Berlin gelebt hat, wollte unbedingt Deutsch sprechen, strauchelte dann aber beim Sprechen. „Das ist mir peinlich, so dumm zu sein“, witzelte er.

Unterstützen Sie unser unabhängiges Literatur-Magazin: Kaufen Sie Ihre Bücher in unserem Online-Buchladen!

Auf die Frage, wer sein Publikum sei, antwortete er: „Ich schreibe nicht für jeden. Ich schreibe nur für Menschen, die schon einmal eine lebendige Verbindung mit einem Buch eingegangen sind“, sagte Franzen.

Der Erfolgsautor von „Die Korrekturen“ stellt in Frankfurt seinen neuen Familienroman „Freiheit“ (Rowohlt) vor. Fast neun Jahre lagen zwischen den beiden Werken: „Ich will keinen neuen Roman schreiben, wenn ich nichts Neues zu sagen habe.“ Zu seinen Figuren - in „Freiheit“ heißen die Hauptcharaktere Walter und Patty Berglund - sagte er: „Eines meiner Probleme ist, Figuren zu erfinden, die ich liebe. Es ist wichtig, dass ich sie liebe, weil ich sie so schlecht behandle.“

Franzens Verhältnis zur deutschen Sprache

Am Abend las Franzen vor 8000 Zuhörern auf Deutsch im ausverkauften Schauspielhaus. „Es ist das erste Mal, dass ich diesen Text lese“, entschuldigte er sich zu Beginn. „Es kann sein, dass ich die Bühne zu einem Schlachtfeld mache, auf dem der Gegner die deutsche Sprache ist.“ Er hasse es, Fehler zu machen, „und ich werde viele Fehler machen“. Wenige Minuten später fand er einen Fehler in der Übersetzung, zückte einen Stift und verbesserte ihn.

Ebenfalls auf Deutsch beantwortete er geduldig die Fragen des Publikums, unter anderem die, weshalb er so gut Deutsch spreche. Er habe zwar als Student in Berlin „Tage, Wochen, Monate in meinem Zimmer gesessen und mit niemandem gesprochen“, dort aber sehr viel gelesen. „Ich bin verwandelt worden durch die Begegnung mit der deutschen Literatur“. Vor allem durch Kafka, Mann und Döblin. Heute spreche er besser Deutsch als damals „weil ich älter bin und nicht mehr so Angst habe, Fehler zu machen“. (mas)

Zur Leseprobe: Jonathan Franzen, Freiheit


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: