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Franz Kafka und der Film

Peter-André Alt erliest Kafka neu

Von: BJÖRN HAYER - © Die Berliner Literaturkritik, 24.07.09

Die neue Studie „Kafka und der Film“ des Berliner Professors für Literaturwissenschaft, Peter-André Alt eröffnet bisher kaum bedachte Bezüge zwischen Kafkas Schreibweise und dessen Kinorezeption. Nachdem bereits Adorno in seinen Aufzeichnungen zu Kafka aus dem Jahre 1953 „Filmbezüge namhaft gemacht [hat], ohne seine Diagnose jedoch analytisch auszubauen“, ist bis heute wenig in diese Richtung geforscht worden. Erstmals hat sich mit Alt ein Germanist in minuziöser Dokumentararbeit an Kafkas Faszination für die frühen Kinematographen angenähert und fast weltbewegende Erkenntnisse zutage gebracht. Es ist eigentlich nicht zu fassen, dass Sätze aus Kafkas Briefen wie zum Beispiel „Verliebt in das Kino“ oder sogar die existenzielle Bekundung, man müsse sich  „am Leben erhalten für den Kinematographen“, so lange so unzureichend reflektiert worden sind.

Dabei muss es für den Prager Juristen tiefstes Gefühl gewesen sein, einen Film anzusehen. So hält Alt im Zuge seiner genauen Quellenanalyse fest: „Der Film habe ihn zum Weinen gebracht, notiert Kafka in seinem dann nicht fortgeführten Reisejournal, dessen Auszüge er sieben Woche später an Felice Bauer schickt. ‚Das Genießen menschlicher Beziehungen‘, so lautet seine kühle Folgerung, ‚ist mir gegeben, ihr Erleben nicht’“. Dass Kafkas Unfähigkeit, Liebe zuzulassen in all seinen Texten eine große Rolle spielt, ist nichts Neues. Dass aber der Film ihm eine fast ekstatische Schöpfungs- und Gefühlskraft verliehen haben muss, bewirkt eine Erosion in der Rezeptionsgeschichte Kafkas.

„Das Thema der rasant beschleunigten Bewegung“ muss beispielsweise Kafka in dem Film „L’Arrivée d’ un train à la gare de la Ciotat“ (1895) der Brüder Luimière aufgefallen sein. Ebenso Verfolgungsjagden, wie es das frühe Kino in „La Cours des sergeants de ville“ (1906) bildlich zu erfassen suchte, haben Kafkas Wahrnehmung signifikant beeinflusst, was sich sowohl in der Sprache als auch in den Topoi seiner Texte wieder findet. Das Schnelle, der Schock und vor allem das technische Wunder der Suggestion versetzen den Prager Autor in ungekannte Gefühlswallungen. Analog dazu wimmelt Kafkas Literatur nur so von filmähnlicher Schreibweise. Was meist als rein formästhetische Lakonie wahrgenommen wurde, stellt für Alt den Auftakt zur sprachlichen Sequenzierung dar. In der Tat begegnen uns in Kafkas Romanen nicht selten Vorgangsbeschreibungen, die durch eine knappe Aneinanderreihung von Handlungen gleich bewegten Bildern in Filmen vorkommen.

Neben der cineastischen Kameraführung von Sprache übernimmt er wie schon angedeutet ganz bewusst filmische Motive, die er dann verarbeitet. So geschehen in der fulminanten Verfolgung Karls durch den Polizisten in „Der Verschollene“, als der Ausweg mittels straffer Sequenzen für Karl nahezu unmöglich wird. Aus dem Kamerablick deutet Alt: „Die Szene illustriert somit die Grenzen menschlicher Freiheit durch mechanische Folgerichtigkeit der Bewegung“. Was in dieser Aufnahme darüber hinaus auffällig sei, ist die fehlende Beschreibung innerer Denkvorgänge und Emotionen. Der Film bleibt an der Oberfläche des Geschehens. In Anlehnung an Kracauers „Ästhetik der Oberfläche“ konstatiert Alt in diesem Kontext: „Die irritierende Seite dieser Erfahrung [des Kinos] ist die eines Verlusts der Selbstkontrolle, der bewussten Reflexion; ihr glückliches Komplement dagegen erschließt das Erlebnis innerer Entgrenzung“. Die These, wonach der Film schon seit jeher Suggestionskraft freisetzt und damit dem Zuschauer Gedanken aufoktroyiert, ist durchaus keine Neuigkeit, aber bei der Betrachtung Kafkas literarischer Werke unumgänglich. So zeigt sich die für ihn typische Schreibweise in einem anderen Licht: Spannung erzeugen sowie darin die Unmöglichkeit des Entrinnens festzuhalten.

Gerade die Verkehrszenen und das damit stereotypisch für den Beginn des 20. Jahrhunderts betonte Großstadtbild New Yorks in „Der Verschollene“ spiegeln aus Alts Sicht die exemplarische Wechselwirkung zwischen bewegten Bildern, Schnelllebigkeit der Moderne und literarischer Verarbeitung derselben wider.

Allerdings lässt sich Franz Kafka nicht allein von den stilistischen Eigenheiten, von Schnitt, Montage und Kameraführung des Kinos beeindrucken. Gleichberechtigt hierzu verweisen Tagebucheinträge auf filmische Sujets, die seine Erzählungen inspiriert haben sollen. Beispielgebend dafür erwähnt Alt Max Macks Film „Der Andere“ aus dem Jahre 1913. Darin spielt Albert Bassermann den Rechtsanwalt Hallers, welcher wie in Stevensons „The strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ (1886), an einer Persönlichkeitsspaltung leidet und sich bei Nacht zum teuflischen Kriminellen entwickelt. Weniger die Art des Films muss Kafka fasziniert haben, als vielmehr das romantische „Topos der Ich-Spaltung“ oder des Doppelgängers. So äußert er dann in einem Brief an Felice, „man könne (…) über den Protagonisten ‚sehr viel erzählen’“. Und tatsächlich lassen sich im „Prozess“ Ansätze für eine Inspiration durch Macks filmische Vorlage erkennen. Zwar inszeniert Kafka nicht dezidiert Ks Persönlichkeitsspaltung. Dennoch deutet der Autor immer wieder eine Art Doppelleben im Rahmen von Bewusstsein und Unterbewusstsein. Ein klares Indiz offenbart sich für Alt in einem Satz, den Kafka jedoch später aus dem Manuskript strich:

„Jemand sagte mir, ich kann mich nicht mehr erinnern, wer es gewesen ist, dass es doch sonderbar sei, dass man, wenn man früh aufwacht, wenigstens im allgemeinen alles unverrückt an der gleichen Stelle findet, wie es am Abend gewesen ist. Man ist doch im Schlaf und im Traum wenigstens scheinbar in einem Wachen wesentlich verschiedenen Zustand gewesen und es gehört eine unendliche Geistesgegenwart oder besser Schlagfertigkeit dazu, um mit dem Augenöffnen alles, was da ist, gewissermaßen an der gleichen Stelle zu fassen, an der man es am Abend losgelassen hat.“

Zwischen Traum und Wirklichkeit, erweist sich Kafkas Literatur als Experimentierfeld, womit heute ein ganzer Zweig der Literaturwissenschaft sich beschäftigt. Denn jüngst ist klar, dass nicht nur Literatur den Stoff für Filme anhäuft, sondern ebenso der Film die literarische Schöpfungskraft befördert hat.

Alts ambitionierte Studie ist bezogen auf Kafka sicherlich wegbereitend und für Interessierte spannend zu lesen. Gleichwohl verhindert der komplexe Wissenschaftsduktus sowie die vielen thesenhaften Widerholungen das eingängige Lesen. Zudem ist trotz der neuen Erkenntnisse und der beeindruckenden Quellenauswertung eine kritische Lesart gefordert, da die Frage nach der Evidenz bei einigen scheinbaren Wechselwirkungen zwischen Film und Literatur berechtigt ist. So muss im Einzelnen geprüft werden, ob im gegebenen Beispiel eine cineastische Schreibweise von Kafka mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gezielt eingesetzt wird oder ob nicht doch eine zweckmäßig-stilistische Lakonie vorliegt. Aber ohne Zweifel ein mutiges und visionäres Buch, das uns doch beweist, wie sehr kulturelle Phänomene als Ganzes gesehen werden müssen. Denn Literatur und Film sind heute mehr denn je zwei Seiten der gleichen Medaille.

Literaturangabe:

ALT, PETER-ANDRÉ: Kafka und der Film. Über kinematographisches Erzählen. C. H. Beck Verlag, München 2009. 238 S., 19,90 €.

Weblink:

C. H. Beck Verlag

Björn Hayer ist Student der Germanistik an der Universität Mainz und arbeitet als freier Literaturjournalist


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