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Flucht vor dem Vorhersehbaren

Benjamin Leberts vierter Roman „Flug der Pelikane“

© Die Berliner Literaturkritik, 08.04.09

 

Von Wilfried Mommert

Einmal den großen Ausbruch wagen. Davon hat der junge Benjamin Lebert wohl schon immer geträumt. Ob der Überraschungserfolg mit seinem Jugendroman „Crazy“ 1999 so etwas für ihn war, ist zweifelhaft. Denn danach hat er immer wieder den Ausbruch aus dem „neuen Gefängnis“ geübt, wie es der Erfolgsdruck nach so einem Bestseller, der in 33 Sprachen übersetzt und auch verfilmt wurde, für einen jungen „angehenden“ Schriftsteller wohl sein muss. Da werden Träume schnell zu Angst- und Albträumen.

Abgesehen von der Erfahrung, plötzlich ein „wichtiger Mensch“ für die Umwelt zu sein, „und vorher war ich das genaue Gegenteil“. Und als „wichtiger Mensch“ und erst recht „wichtiger Autor“ muss man ein „wichtiges Buch“ nach dem anderen vorlegen, sonst ist alle Welt enttäuscht.

So hat Lebert nun sein viertes Buch geschrieben, das wie alle nach dem leichtfüßigen Internatsroman „Crazy“ ziemlich düster und verrätselt ist, wie schon die Titel. Nach „Der Vogel ist ein Rabe“ und „Kannst du“ jetzt also „Flug der Pelikane“. Ein Buch, dem Sinnsprüche von Buddha und Bob Dylan vorangestellt sind. Lebert erzählt die Geschichte des jungen Anton, der aus seinem tristen Hamburger Alltag zu einem „Onkel Jimmy“ nach New York in dessen Imbissbude flüchtet – um dort zu jobben und sich in dessen abenteuerliche Geschichten über das legendäre Insel-Gefängnis Alcatraz in der San Francisco Bay zu verlieren, vor allem in die Legende einer abenteuerlichen Flucht von mehreren Männern, die danach nie wieder aufgetaucht sind.

Lebert stilisiert Alcatraz allzu dick zu einem mythischen Ort für verpasste und verlorene Chancen, Träume und Überlebensstrategien und für Gutes und Böses im Leben überhaupt. „Darauf kommt’s an im Leben, dass man bereit ist, auszubrechen.“ Das scheint sich wie ein roter Faden noch immer durch das junge Leben des heute 27-jährigen Benjamin Lebert zu ziehen, der als 17-jähriger Münchner „Jungautor“ die Flucht antrat, mal in Freiburg und Berlin wohnte und heute in Hamburg lebt. „In einer Chaosaktion zog ich nach Berlin und irrte umher“, schrieb er in dem Roman „Kannst du“ und bilanziert seine Odyssee mit den Worten: „Von dieser ganzen Zeit blieb mir kein einziger Mensch.“ Aber immer wieder die unstillbare Sehnsucht, „aus dem Vorhersehbaren einfach wegzufliegen“.

Auch sein neues Buch ist weitgehend melancholisch, auch wenn ihm manche gute Alltagsbeobachtungen aus dem Moloch New York gelingen. Immer wieder scheint der Protagonist Anton die momentanen Lebensgefühle des Autors, der seit der Kindheit mit einer linksseitigen Lähmung zu kämpfen hat, auszudrücken. „Die Therapie lief darauf hinaus, dass ich mich mehr dem realen Leben stellen muss.“ Von Psychosen, Angstzuständen und „Schutzhüllen“, Manisch-Depressiven und Borderlinern ist die Rede, auch von der eigenen Unbeteiligtheit und Distanziertheit, um sich dann auch wieder selbst auf die Schulter zu klopfen: „Dafür hältst du dich gar nicht mal so schlecht.“

In seinem vorangegangenen Roman „Kannst du“ lässt Lebert seinen Erzähler, einen Jungautor, verzweifelt ausrufen: „Was soll denn nur aus mir werden? Jetzt, wo klar ist, dass ich kein Schriftsteller sein kann?“ Auch sein neues Buch lässt diese Frage immer noch offen. Aber ein Durchhaltewillen drängelt sich beim „Flug der Pelikane“ mit dem Ausbruchsversuch der Häftlinge, die nie aufgegeben haben, immer mal wieder nach vorne. Mal sehen, wie stark er ist.

Literaturangaben:
LEBERT, BENJAMIN: Flug der Pelikane. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 188 S., 14,95 €.

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