Flucht nach vorn

Eine Expeditionsfahrt führt eine junge Frau an ihre Grenzen

© Die Berliner Literaturkritik, 28.01.11

MÜNCHEN (BLK) – Im Juni 2011 ist die dtv Premium Ausgabe des Romans „Vom anderen Ende der Welt“ erschienen. Es ist Liv Winterbergs erster Roman. Inspiriert wurde er vom Leben der französischen Botanikerin Jeanne Baret.

Klappentext: England, spätes 18. Jahrhundert: Von ihrem Vater, einem Arzt und Wissenschaftler, zur Botanikerin ausgebildet, träumt die junge Mary Linley davon, die Welt zu bereisen. Doch als sie nach dem Tod des Vaters verheiratet werden soll, sieht sie nur eine Möglichkeit, ihrer Berufung zu folgen. Sie gibt sich als Mann aus, um an Bord der Sailing Queen im Stab des Botanikers Sir Carl Belham auf Expeditionsfahrt zu gehen. Die Lebensbedingungen auf See erschüttern sie, denn Entbehrungen, Krankheiten und Tod prägen den Alltag. Dennoch glaubt sie, ihr Ziel erreicht zu haben: Sie erkundet fremde, faszinierende Länder. Erst durch die Liebe zu Sir Carl Belham erkennt sie, dass sie sich für ihre Ideale selbst verleugnet...

Liv Winterberg wurde 1971 in Berlin geboren. Sie studierte Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Hauptsächlich ist sie als Drehbuchautorin und Rechercheurin tätig.

 

Leseprobe:

 

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Plymouth, 13. Juli 1785

 

Die Wellen rollten in die Bucht, dass man hätte glauben können, der Hafen sei über Nacht zu klein geworden. Achtlos rissen sie die Schiffe in die Höhe, ließen sie wieder in die Tiefe sinken und suchten ihren Weg zur Kaimauer, an der sie sich weißschäumend brachen.

  Am Horizont erhoben sich dunkelgraue Wolkenberge, deren Ausläufer bereits die Küste erreicht hatten. Schwer trugen sie am Regen und ließen vereinzelte Tropfen fallen. Böen jagten über das Wasser und wölbten die Segel der Schiffe, dass die Masten unter dem Druck bedrohlich knackten. Die schwarze Wand, die über das Meer auf Plymouth zukam, kündete nicht nur von Regen, sie kündete von Sturm.

  Mary wandte den Kopf und blickte zu einem der Schiffe hinüber, das noch zur rechten Zeit im Hafen eingelaufen war. Der Wind zerrte an den Kleidern der Passagiere, als sie die Pier betraten. Die Erleichterung, wieder festen Grund unter den Füßen zu spüren, war ihren Gesichtern anzusehen. Mit ausholenden Schritten eilten sie davon und bestiegen die Droschken. Eisenbeschlagene Wagenräder rollten über das Straßenpflaster hinweg, Peitschen zuckten und Zungen schnalzten, bis der Wind die leiser werdenden Geräusche gänzlich verschluckte.

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  Bald würde er erscheinen. Es war spät, und die Stadt hüllte sich bereits ins fade Licht der Dämmerung. Mary fröstelte und hob die Kapuze ihres Umhanges über die Haube. Kurz darauf trat er neben sie. William, dieser erschöpfte, alte Mann, der Tag um Tag ausgeschickt wurde, sie zu suchen, und der Abend für Abend nach der Rückkehr Geschichten erfand, wo er sie aufgelesen hatte. Im Rosengarten, auf dem Markt, in der Kirche. Nur den Hafen, wo er sie ein ums andere Mal abholte, den erwähnte er nie.

  „Mary, Eure Tante ist kurz davor, Euch Ausgangsverbot zu erteilen.  Sie bezweifelt, dass Eure Spaziergänge der körperlichen Ertüchtigung dienen.“ Williams Stimme war sanft, fast zärtlich.

  „Sie sind noch keine sieben Monate unterwegs.“ Unsicher, ob er sie gehört hatte, musterte Mary Williams vertrautes Profil. Seine dunklen Augen, die gebogene Nase und den schmallippigen Mund.

  „Ja“, sagte er und sein Kehlkopf machte einen Sprung, „es sind heute hundertsiebenundachtzig Tage.“

  Er zählt also auch die Tage, dachte Mary und setzte erneut an: „Vielleicht sind sie umgekehrt und auf dem Heimweg. Nur weil das Schiff havariert ist, heißt das nicht, dass sie es nicht wieder flottmachen konnten.“

  „Ihr habt die Meldung des Town Magazine gelesen. Das Schiff ist bei Kap Hoorn zerschellt. Die Strömungen dort sind unberechenbar, das Wetter ist oft schlecht. Umhertreibende Eisberge und im Wasser verborgene Felsen machen die Umrundung zum Wagnis. Und Ihr wisst das.“ Er zögerte und atmete tief ein. „Wir

haben keinen Grund mehr zu hoffen.“

  „Ich kann die Hoffnung nicht aufgeben.“ Mary hörte, dass ihre Antwort flehentlich klang, fast als würde sie William bitten, er möge sie noch einen Augenblick schonen und die Wahrheit für sich behalten. Doch der tat nichts dergleichen.

  „Niemand hat überlebt“, sagte er leise. „Auch Euer Vater nicht. Er ist tot.“

Wie kann er eine Handvoll gedruckter Zeilen zur Gewissheit machen? Quälen ihn nicht die gleichen Bilder wie mich?, fragte sie sich.

 

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Literaturangabe:

WINTERBERG, LIV: „Vom anderen Ende der Welt“. dtv, München 2011. 448 S.,14,90 €.

 

Weblink:

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