Erinnerungen an den Nachkrieg

Die Kindheitserinnerungen des Autors Christoph Meckel

© Die Berliner Literaturkritik, 26.12.11

MECKEL, CHRISTOPH: Russische Zone. Mit Graphiken des Autors, Libelle Verlag, Konstanz 2011, 106 S., 16,90 €.

Von Volker Strebel

„Erinnerungen an den Nachkrieg“ – lautet der Untertitel dieser beeindruckenden Prosa von Christoph Meckel. Er schildert das trostlose Durcheinander einer Zeit, die in der Literaturgeschichte oft als „Stunde Null“ umschrieben wird.

Es sind unverstellt persönliche Erinnerungen des 1935 in Berlin geborenen Autors. Zusammen mit seinem kleineren Bruder, der Mutter und dem Dienstmädchen Lucie waren sie gegen Kriegsende im thüringenschen Erfurt im Hause der Großeltern untergekommen und versuchten wie Millionen ihrer Landsleute, irgendwie über die Runden zu kommen: „Schlechter Schlaf in allen Zimmern des Hauses. Der Großvater hustete, schlappte laut auf den Treppen. Mein kleiner Bruder schlafwandelte mit dem Nachttopf. In allen Seelen rumorten jedermanns Ängste – Todesangst Krieg und Lebensangst Nachkrieg. Die Großmutter schleppte Unschuld und Leidgemurmel durch das kalte Haus in die Ankleidekammer, wo alte Garderoben wie Fahnen hingen, sommerleicht, überlebt, nicht mehr zuständig für den Tag, kein Wahrzeichen für die Frauen und keins für sie selbst“.

Obwohl der Krieg vorbei war, konnte es dem herumstreunenden Jungen dennoch passieren, daß er Leichen sah. Neben all den Trümmern und den Zerstörungen fand jede Menge Leid statt. Es gab Flüchtlinge und Vagabunden aber auch Ganoven, die durch die Nächte schlichen.

Aus der Sicht des Knaben wird auch der Wechsel der Besatzungsmächte beschrieben. Die US-Amerikaner zogen absprachgemäß ab und Truppen der Roten Armee besetzten die Stadt. „Die Hälfte der GIs waren Neger gewesen“ und alle US-Soldaten waren wegen des großzügig verschenkten Kaugummis beliebt und blieben dennoch ein Rätsel. Der Einzug der Roten Armee hingegen traf mit einer stillen Wucht kultureller Fremdheit ein. Ein Hauch von Steppe lag in der Luft, wenn der Bub auf die zottigen Pferde mit schmutzigem Fell sah oder ihm schmächtige Soldaten mit asiatischen Gesichtszügen zunickten.

Der Heranwachsende erlebt sogenannte Razzien der neuen Machthaber und die dadurch ausgelösten Ängste: „Das Haus war in allen Räumen durchsäuert vom russischen Dunst – Gestank verdreckter Uniformen, Machorka, Wodka, Schweiß und ein fremder Übelgeruch, der mich an nichts, was ich kannte, erinnern wollte“. Zur Fremdheit der Russen zählte allerdings auch deren Unberechenbarkeit. Der Großmutter war es zum Beispiel gelungen, den angeordneten Abtransport des Großvaters zu verhindern.  

Praktisch jeder Satz, dieser scheinbar leichtfüßig dahingeschriebenen Prosa ist vollgestopft mit aufregenden Bildern, poetischen Farben und exotischen Gerüchen. Vollkommen unaufgeregt erzeugt Meckel auf diese Weise ein Höchstmaß an subtiler Spannung.  

Die Tage waren abenteuerlich und vom Mangel bestimmt. Eine Axt oder ein Handwagen stellten überlebenswichtige Hilfsmittel dar. Aufregend war auch die Flucht mit der Mutter über die grüne Grenze in den Westen im Sommer 1947.

Dennoch konstatiert Meckel, daß sich seit seiner Zeit in der „russischen Zone“ ein „guter, unverwüstlicher Virus“ in ihm festgesetzt habe, der ihn für alles was „russisch, slavisch, sowjetisch und östlich ist“, zeitlebens in den Bann zog. So fügte es sich auch, daß er als ganz junger Mann in Paris bei einem nervlich strapazierten Paul Celan seine Aufwartung machte.  

Derlei Mosaikstückchen einer wiederbelebten Vergangenheit ist bei Meckel nicht nur, wenn man etwa an seinen Roman „Suchbild. Über meinen Vater“ denkt, eine künstlerische Methode. Es liegt vielmehr die klare Einsicht vor, daß es sich um Zeitzeugenberichte eines Überlebenden handelt.

Auch über die Schriftsteller Marie-Luise Kaschnitz, Peter Huchel und Johannes Bobrowski liegen Erinnerungen von Christoph Meckel vor, die sich durch ihre atmosphärische Dichte und einer unverkennbaren Sensibilität in der Wahrnehmung auszeichnen.

In besonderer Wehmut klingt das Ende des vorliegenden Berichts über die Erinnerungen an die eigene Nachkriegskindheit in der russischen Zone aus. Wenige Tage nach der gewaltlosen Implosion der DDR suchte Christoph Meckel erstmals wieder Erfurt auf. Es schien, als habe sich nicht recht viel geändert in all den Jahrzehnten. Abseits vom großen Wiedervereinigungsrummel suchte Meckel die erdabgewandten Seiten der Geschichte auf: Hinterhöfe, Altbauten und alte Schuppen. Besonders eindrücklich empfand Meckel eine Impression, die ihn wohl in ihrer eigentümlichen Dichte sowohl als Schriftsteller wie auch als Graphiker überwältigte: „Ein leerer Gastraum voller Stühle, Bänke und Tische aus schwerem Holz“. Der vorliegende Bericht endet offen, ohne Interpunktion: „Und ich wußte nicht, was die Menge alten Holzes so erschütternd für mich machte -“.


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