Elena weiß Bescheid

Der preisgekrönte Roman der argentinischen Autorin Claudia Piñeiro

© Die Berliner Literaturkritik, 12.02.12

ZÜRICH (BLK) – Der Unionsverlag hat im Februar 2011 den Roman „Elena weiß Bescheid“ von Claudia Piñeiro als Taschenbuch herausgebracht. Peter Kultzen hat es aus dem Spanischen übersetzt.

Klappentext: Jede glaubt, sie habe sich für die andere geopfert. Nun kommt die Stunde der Wahrheit. Die Tochter wird tot aufgefunden, erhängt im Glockenturm der Kirche. Doch Elena, die Mutter, kann oder will nicht glauben, dass Rita sich das Leben genommen hat. Für die alte Dame gibt es nur eine Möglichkeit, hinter das Geheimnis um Ritas Tod zu kommen: Sie muss mit einer Frau sprechen, der sie und ihre Tochter vor zwanzig Jahren geholfen haben. Dafür muss Elena ins Stadtzentrum fahren - ein schwieriges und riskantes Unterfangen für jemanden, der an Parkinson in fortgeschrittenem Stadium leidet. Wenn die Wirkung ihres Medikaments endet, wird sie wieder in bewegungsloser Starre versinken. Am Ende muss Elena eine Wahrheit erfahren, mit der sie nicht gerechnet hat.

Claudia Piñeiro wurde 1960 in Buenos Aires geboren. Nach dem Wirtschaftsstudium wandte sie sich dem Schreiben zu, arbeitete als Journalistin, schrieb Theaterstücke, Kinder- und Jugendbücher und führte Regie fürs Fernsehen. Ihr Debütroman „Ganz die Deine“ kam 2003 in die Endauswahl für den Premio Planeta, und für ihren zweiten Roman „Die Donnerstagswitwen“ erhielt sie 2005 den Premio Clarín. Für ihren dritten Roman „Elena weiß Bescheid“ wurde sie mit dem LiBeraturpreis 2010 ausgezeichnet. Ihre Romane sind auf den Bestsellerlisten zu finden und werden in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt.

Leseprobe:

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Also los, den rechten Fuß heben, nur ein paar Zentimeter, nach vorne bewegen, ein kleines oder großes Stück weit, gerade so, dass er sich am linken vorbeischiebt, und dann wieder aufsetzen. Das ist alles, denkt Elena. Aber sie denkt, und ihr Gehirn befiehlt: Bewegen!, und trotzdem tut sich nichts. Der rechte Fuß rührt sich nicht. Erhebt sich nicht. Bewegt sich nicht nach vorne. Setzt nicht wieder auf. Rührt sich nicht, erhebt sich nicht, bewegt sich nicht nach vorne, setzt nicht wieder auf. Nur das. Aber es tut sich nichts. Da setzt Elena sich hin und wartet. Zu Hause in der Küche. Um zehn fährt der Zug in die Stadt, den muss sie nehmen; der nächste, der um elf, nützt ihr nichts; um neun hat sie ihre Tablette genommen, denkt sie, und sie weiß, dass sie deshalb den um zehn nehmen muss; sobald es dem Medikament gelingt, ihren Körper dazu zu bringen, den Befehlen ihres Gehirns zu gehorchen. Gleich. Nicht den um elf, bis dahin hat sich die Wirkung des Medikaments so sehr abgeschwächt, dass sie nicht mehr vorhanden ist, dann steht sie wieder da wie jetzt, aber ohne die Hoffnung auf die Wirkung des Levodopa.

    Heute will sie niemandem begegnen. Niemand soll sie fragen, wie es ihr geht, und niemand soll ihr nachträglich sein Beileid wegen des Todes ihrer Tochter aussprechen. Tag für Tag erscheint jemand, der nicht zur Totenwache oder zum Begräbnis kommen konnte. Oder den Mut dazu nicht fand. Oder nicht aufbringen wollte. Wenn jemand so stirbt wie Rita, haben alle das Gefühl, sie müssten an der Beerdigung teilnehmen. Deshalb ist zehn keine gute Uhrzeit, denkt sie, denn auf dem Weg zum Bahnhof muss sie an der Bank vorbei, und heute werden die Renten ausbezahlt, da begegnet sie bestimmt einem ihrer Nachbarn. Mehreren Nachbarn. Die Bank öffnet zwar erst um zehn, und da fährt ihr Zug gerade in den Bahnhof ein, und sie tritt, die Fahrkarte in der Hand, an die Bahnsteigkante, um einzusteigen, aber trotzdem, Elena weiß Bescheid, die Rentner sind schon vorher da und stehen an, als hätten sie Angst, dass das Geld nur für die reicht, die zuerst kommen. Um sich die Bank zu ersparen, müsste sie einen Umweg machen, zuerst bis zur Parallelstraße gehen, aber ihr Parkinson würde einen hohen Preis dafür verlangen. Parkinson, so heißt das. Elena weiß schon seit Längerem, dass sie die Herrschaft über einige Teile ihres Körpers verloren hat, über die Füße zum Beispiel. Da hat er das Sagen. Oder sie. Sie überlegt, ob man bei Parkinson er oder sie sagen soll, der Name klingt zwar männlich, aber eine Krankheit ist es trotzdem, und Krankheiten sind weiblich, die Krankheit. Wie die Katastrophe. Oder die Strafe. Da beschließt sie, ihn „sie“ zu nennen, denn beim Gedanken daran denkt sie „Scheißkrankheit“. Und Scheiße ist auch weiblich, es heißt die Scheiße, nicht der. Verzeihen Sie den Ausdruck, sagt sie. Also „sie“.

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PIÑERIO, CLAUDIA: Elena weiß Bescheid. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. UT 515. Unionsverlag, Zürich 2011. 192 S., 8.90 €.

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