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Einmal in die kolumbianische Hölle –„Ein Zug aus Eis und Feuer“

Der Autor Ramón Chao ist der Vater des weltberühmten Musikers Manu Chao

Von: STEFAN OTTO - © Die Berliner Literaturkritik, 01.07.08

 

Eine Reise mit einem ausrangierten Zug durch die kolumbianische Provinz scheint wie ein Himmelfahrtskommando – nicht nur, weil alle paar Kilometer ein Waggon aus den Gleisen springt, sondern Kolumbien einer der gefährlichsten Landstriche auf Erden ist.

Ende 1993 haben etwa 70 Franzosen, darunter die Musiker von „Mano Negra“ (mit ihrem Sänger Manu Chao) und „French Lovers“, diesen Trip gewagt. Auf militärischen Schutz verzichteten die Abenteurer, denn sie wollten in keinerlei Verwicklungen zwischen Militär und Guerilla hineingezogen werden und wurden deshalb lediglich von kolumbianischen Bahnarbeitern begleitet. Die Zugbesatzung bestand darauf, dass kostenlose Vorstellungen für das Volk der Garant für ihre Sicherheit seien. „Was für eine Publicity kann das für eine Befreiungsbewegung sein, wenn sie auf Clowns schießt?“, fragten sich die Franzosen. Und sie sollten Recht behalten: Die sechswöchige Fahrt blieb friedlich.

Ramón Chao, der Vater des Frontmanns von „Mano Negra“, begleitete den Zug als Chronist. Seine Aufzeichnungen „Ein Zug aus Eis und Feuer“, die jetzt erstmals auf Deutsch erschienen sind, erscheinen wie die Reise selbst: Anfangs fremdelt der Leser mit den subjektiven Berichten vom Zugleben, wie der Autor mit den widrigen Umständen der Fahrt. In den Waggons gibt es weder fließend Wasser noch Fensterscheiben, nachts ist es bisweilen bitterkalt, und die Moskitos stechen selbst durch Jeanshosen. Ramón Chao ist zwar ein Grenzgänger, aber ein Leben wie das der Ärmsten in Kolumbien ist er nicht gewohnt. Hinderlich für seine Arbeit war das offenbar nicht. Passagenweise schreibt er Reiseberichte aus einem Land, das aus den Fugen geraten ist, und streut darin beißende Sozialkritik ein. Dann läuft Ramón Chao zu Bestform auf.

Aber der Chronist fühlt sich in den tagebuchartigen Aufzeichnungen auch dazu verpflichtet, belanglose Streitigkeiten und Liebesaffären festzuhalten, die er wie ein Großvater huldigt und dabei beinahe die Grenzerfahrung der Reise vernachlässigt. Kurz bevor der Zug etwa ein besonders gefährliches Guerillagebiet durchquerte und die Risiken kaum abzuschätzen waren, schrumpfte die Besatzung erheblich. Erst die kolumbianischen Eisenbahnarbeiter hielten die Künstler dazu an nicht aufzugeben. Einer von ihnen erklärte, dass für ihn das Ziel der Reise dann erreicht sei, „wenn ein Junger oder Alter dir dafür dankt, dass du gekommen bist.“ Denn noch nie habe es in den Dörfern und Kleinstädten ein solches Spektakel gegeben.

Immer wenn der buntbemalte Zug in einen Ort eingefahren ist, setzten die Künstler einen mit Asbest verkleideten Waggon in Brand, in dessen Innern ein großer Eisklotz ruhte. Dann trafen die Idealisten und Träumer, die alle an der Reise nichts verdienten, auf die Landbevölkerung. Die einen waren Gaukler und Punks die anderen ärmliche Bauern, Frauen und Kinder. Die Musiker spielten im Schatten der Bäume, bauten später ihre Show am Bahnhof auf. Mit dabei waren Trapezkünstler und ein Tätowierer, der in einem Waggon Akkordarbeit leistete. Manchmal tätowierte er auch Soldaten oder Guerillas und überwand punktuell scheinbar unüberwindbare Gegensätze.

Der Zug mit den Freaks, der durch sieben kolumbianische Provinzen fuhr, stand keinesfalls unter dem Motto einer pathetischen Hippieattitüde. Aber Prügeln, Schießen und Totschlagen gehört nicht zum Umgang der Franzosen. Für die Bevölkerung hat das Unternehmen deshalb Frieden symbolisiert. Sie ließ sich darauf ein, wenigstens für einen Abend, eine Nacht. Wenngleich Ramón Chao dahinter die Abgründe sieht: „Dieser Wunsch zu flüchten, der überall ein bisschen zu spüren ist, ist erschreckend.“

Literaturangaben:
CHAO, RAMÓN: Ein Zug aus Eis und Feuer. Mit Mano Negra durch Kolumbien. Aus dem Französischen übersetzt von Andrea Scheunert. Mit einem Vorwort von Ignacio Ramonet und einem Nachwort von Christoph Twickel. Edition Nautilus, Hamburg 2008. 220 S., 14,90 €.

Verlag

Stefan Otto lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin


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